Musiktruck fährt nach Uganda Eine Bühne für BidiBidi

Im ugandischen Lager BidiBidi leben 250.000 Geflüchtete aus dem Südsudan. Es wurde nicht als Lager geplant, sondern als lebendige Siedlung; die Bewohner sind nicht nur passive Hilfe-Empfänger, sondern sind angehalten, eine eigene Existenz aufzubauen. Demnächst kommt noch eine Besonderheit dazu: Ein Lastwagen aus München soll dann durch BidiBidi fahren, ausgestattet mit Musikinstrumenten, einem Tonstudio und einer Bühne.

Von: Hardy Funk

Stand: 16.07.2021 | Archiv

Ein Truck für BidiBidi - die Skizze | Bild: Bellevue di Monaco

Man braucht mehrere Stunden, um einmal quer durch BidiBidi zu fahren, auf staubigen Lehmstraßen, vorbei an kleinen strohgedeckten Hütten und vereinzelten weißen Zelten, immer wieder durchsetzt mit Abschnitten aus kleinen Feldern. Bald soll auf diesen Lehmstraßen auch der LAB Uganda Truck aus München unterwegs sein. Jeden Tag, so der Plan, soll er an einer anderen Stelle halt machen und Kinder und Jugendliche einladen zu Konzerten und Filmvorführungen, vor allem aber zum Mitmachen: Instrumente lernen, gemeinsam Musik machen, Songs entwickeln und aufnehmen und vielleicht am Ende auch selbst vorführen auf der mobilen Bühne des Trucks.

Elisabeth Baumgartner ist im Vorstand von "Music Connects“ und kümmert sich vor allem um Kommunikation und Marketing. Der Verein aus Unterföhring, bestehend aus 8 Ehrenamtlichen, hatte die Idee zum LAB Uganda Truck, hat Sponsoren aufgetrieben, sich mit Hilfsorganisationen vernetzt und den Truck bauen lassen: "Generell bieten wir den Jugendlichen und Kindern und den Menschen dort eine wirklich neue Perspektive", sagt Baumgartner. "Man muss sich vorstellen, die sitzen ja relativ perspektivenlos in ihren Flüchtlingssettlements fest. Wir verstehen uns aber auch als Mutmacher, wir wollen den jungen Menschen Selbstbewusstsein geben, Ausdrucksmöglichkeiten – gerade Geflüchtete auch bei uns haben ja keine Stimme, die werden ja so ein bisschen auf 'mute' gestellt."

Kino, Studio, Bühne

Wenn er fährt, ist der Truck ein unscheinbarer, 10 Meter langer, blau-weißer Lastwagen. Macht er Halt, verwandelt er sich in eine Bühne mit allem, was man für ein Konzert braucht. Er beherbergt aber auch verschiedene Instrumente, ein Tonstudio und eine Kinoleinwand. Die Idee zum Truck kam dem Verein bei einem vorherigen Projekt, einer Konzert-Reise nach Uganda: "Da haben wir relativ schnell gemerkt, wenn wir denen ein Musikangebot bringen wollen, muss es eine mobile Lösung sein. Die können sich dort kaum bewegen, es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel – man muss sich vorstellen, die ganze Siedlung hat 250.000 Einwohner und ist circa 250 Quadratkilometer groß. Und dann haben wir uns überlegt, okay, was ist mobil: Ein Truck und ein Container hinten drauf. Wir haben uns dann Partner gesucht, die uns beim Bau von dem Truck unterstützen, die das planen und für uns auch umsetzen."

Macht er Halt, verwandelt er sich in eine Bühne mit allem, was man für's Konzert braucht. Er beherbergt auch ein Tonstudio und eine Kinoleinwand.

Anfang August wird der Truck verschifft und im September über Land weiter nach Uganda gebracht. Dort wird aber nicht das Team von Music Connects den Truck übernehmen. Sondern er wird in die Obhut von "Brass for Africa" gegeben, einer britischen NGO, die zu großen Teilen von Afrikanerinnen und Afrikanern geleitet wird. Den Truck selbst sollen schließlich Kollegen aus Uganda fahren und managen: "Wir werden im ersten Jahr rund 15 Arbeitsplätze schaffen mit Menschen vor Ort, also mit Ugandern und Geflüchteten. Die Arbeitsplätze sind dann vom Truck-Fahrer bis zu Projektmanagern, Projektleitern und Musiklehrern und so schafft das Projekt auch wirklich Arbeitsplätze und nicht: Wir kommen da runter und zeigen denen, wie’s geht."

Keine weißen Heilsbringer

Das Team von Music Connects will nicht als White Saviour auftreten, als Weißer Retter, der nach Afrika kommt um armen Schwarzen Menschen zu helfen. Denn diese Art von Hilfe ist oft wenig hilfreich, gibt häufig lediglich den vermeintlichen "Rettern“ ein gutes Gefühl und impliziert zudem, die Menschen vor Ort könnten sich nicht selbst helfen. Tatsächlich wissen die natürlich viel besser, was sie brauchen und wie genau Hilfe geleistet werden kann – und auch, wo und wie ein Truck wie der von Music Connects am besten eingesetzt wird. Elisabeth Baumgartner: "Das beinhaltet auch diesen Labor-Gedanken: Wir geben einen Blumenstrauß an Möglichkeiten – wir bestimmen nicht, was damit getan wird, dass wir sagen: Ihr müsst jetzt klassische Musik oder ihr müsst jetzt das lernen – sondern die Menschen vor Ort sollen wirklich selbst entscheiden."

Bevor der Truck seine Reise nach BidiBidi antritt, steht er in München vor dem Gasteig: Knapp zwei Wochen wird er als Bühne genutzt für eine Veranstaltungsreihe, die Music Connects zusammen mit dem Gasteig und dem Bellevue di Monaco auf die Beine gestellt hat. Konzerte, Workshops, Theaterstücke, Filmvorführungen und Diskussionsabende sollen zeigen, wie vielfältig der Truck genutzt werden kann – und etwas Kultur in die kulturell erst langsam wieder erwachende Landeshauptstadt bringen. Denn wenn das Team von Music Connects eines gelernt hat bei seinen bisherigen Projekten und Reisen, dann, dass Kultur essenziell ist für Menschen – in München und genauso in einem Flüchtlingscamp, wo es nicht nur am absolut Lebensnotwendigen mangelt.

Ein Beitrag aus der kulturWelt auf Bayern 2, mit deren Podcast es sich ganz prima joggen oder Sport machen lässt - jede Folge dauert etwa 24 Minuten.