Odyssee im Kulturweltraum #7 Wie die Museen 2021 innovativ werden

Ob Schaufenster-Kunst, Straßenausstellungen, Konkurrenz von Leinwand und Bildschirm oder Gerhard Polt als Kunstminister: Unsere zeitreisenden Museumsexpertin Julie Metzdorf resümiert ein so abenteuerliches wie einfallsreiches Kunstjahr 2021.

Von: Julie Metzdorf

Stand: 28.12.2020 | Archiv

Die Leitung ist schlecht, die Stimme am anderen Ende klingt seltsam, wie entrückt. Es ist unsere Kollegin Julie Metzdorf, die als Museumsreporterin gegenwärtig nicht wirklich viel zu tun hat und deswegen in die Zukunft gereist ist, ans Ende des Jahres 2021. Sie wollte eruieren, wie das Kunstjahr 2021 aussieht. Dort erreicht sie Joana Ortmann.

Joana Ortmann: Liebe Julie, hast Du denn für uns einen Blick in die Zukunft der Museen werfen können?

Ja ich bin hier jetzt am 29. Dezember 2021, ich komme direkt aus der Jahrespressekonferenz des Bayerischen Kunstministeriums, wo ein bisschen zurückgeblickt wurde auf ein ereignisreiches Kunstjahr 2021 mit vielen Lockdowns und noch mehr Sit-Ups. Das ganze Jahr war ja von der Frage geprägt, wie können Kunst und Publikum trotz Lockdown und Pandemie wieder zusammenkommen.

Los ging's gleich im Januar mit der Idee, die Kunstwerke einfach ins Fenster zu hängen oder zu stellen, so dass das Publikum von außen drauf schauen kann, da waren natürlich vor allem die Museen mit viel Fensterfläche gefragt, die Pinakothek der Moderne in München und das Neue Museum in Nürnberg z.B. Damit nicht zu viel Helligkeit auf die Werke fällt, hat man schwarze Vorhänge davorgehängt, die die Besucher dann in dem Moment, in dem sie wirklich drauf geschaut haben entfernen konnten, natürlich kontaktlos, das hat alles über Sprachsteuerung funktioniert. Das ganze Projekt ist sehr gut angenommen worden, bis dann der Klage der Architekten gegen diese Verschandelung ihrer Entwürfe stattgegeben wurde, dann mussten die Vorhänge abgemacht und die Kunstwerke von Fenstern wieder entfernt werden.

Gleich im Anschluss kam die Idee auf, die Werke bei gutem Wetter nach draußen zu tragen, natürlich unter strengen Sicherheitsvorkehrungen, das hat auch gut geklappt. Um Vögel aus dem Luftraum über den Kunstwerken fernzuhalten, wurden Drohnen eingesetzt, die Maximilianstraße in Augsburg voller Staffeleien mit Meisterwerken aus dem Schaetzlerpalais: das waren natürlich Bilder, die bleiben. Aber leider dann eben dieser Drohnenzusammenstoß in Schweinfurt, direkt auf eine der Staffeleien vor dem Museum Georg Schäfer, Carl Spitzwegs "Der strickende Wachtposten" wurde völlig zerstört. Damit wurde die Aktion bayernweit beendet.

Im März dann das von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen organisierte große Online-Symposium zu der Frage "Ist Kunst, die man nicht sehen kann, noch Kunst?“. Fünf Tage lang, alle deutschen Museen waren zugeschaltet, da ging es wirklich um Grundsatzfragen zum Umgang mit Kulturgütern, braucht das Werk nicht die Interaktion, um zu existieren? Ist Leinwand mehr wert als Bildschirm, und wenn nicht: muss sie dann überhaupt bewahrt werden? Entscheidende Impulse kamen von Loriot…

Loriot? DER Loriot?

Ja Loriot, ja der war ja zugeschaltet...

Der ist doch längst gestorben…

Ja, so eine künstliche Intelligenz hatte eine digitale Version von ihm auferstehen lassen, ja genau, und sein Kommentar: "Eine Nudel, die man nicht isst, macht nicht satt.", ist gerade auch zum Satz des Jahres 2021 gewählt worden. Also ganz klar: die Kunst MUSS zum Publikum.

Im Frühsommer dann endlich erste Lockerungen, Museen konnten wieder öffnen, auch die Archive und Depots. Böses Erwachen in der Staatlichen Grafischen Sammlung: Hier hatten Papierfischchen ganze Arbeit geleistet und haben im Lockdown große Teile des Bestandes aufgefressen, Meisterwerke wie van Goghs "Weizenfeld mit aufgehender Sonne": einfach weggeputzt! Kein Wunder bei mehreren Monaten ohne jede frische menschliche Hautschuppe… Schuld war aber nicht der Lockdown, sondern eine Anweisung des Kunstministeriums, jegliche Kontrollgänge auszusetzen, aus Spargründen. Ein Skandal, den Bernd Sibler nicht aussitzen konnte.

Das heißt er musste das Handtuch werfen und ist nicht mehr Kulturminister?

Ja es gibt einen neuen Kunstminister, genau. Also nach der Kritik an den immer noch nicht ausgezahlten Künstlerhilfen, hat er seinen Stuhl im August frei gemacht und zwar mit der ausdrücklichen Bitte, es solle doch ein Kulturschaffender an die Spitze des Ministeriums nachrücken, man hat sich dann schnell auf Gerhard Polt geeinigt, der ja nun auch hier gerade die Pressekonferenz geleitet hat.

Seine erste Tat: Er hat Öffnungszeiten der Museen erweitert: 24 Stunden, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, einfach um die Besucherströme zu entzerren, natürlich läuft das alles mit Slot-Vergabe. Mein ganz persönliches Highlight war dann auch ein Besuch nachts um drei Uhr im Buddha-Raum im Museum 5 Kontinente, ganz allein! Nachts ist der Andrang einfach doch sehr gering, klar, man muss zu Fuß kommen, öffentliche Verkehrsmittel fahren ja nicht mehr und irgendwie hat sich dieses Gerücht gehalten, dass es seit den nächtlichen Ausgangssperren vom Winter wieder Wölfe in der Stadt gibt…

Ich höre gerade, dass die Verbindung nicht mehr lange steht, wir müssen leider zum Schluss kommen, auch wenn das alles sehr interessant ist!

Ja gut, dann vielleicht ganz zum Schluss noch ein Ausblick ins Jahr 2022. Nach diesem Sommer mit 10 Wochen über 40 Grad in den Städten, war die Idee entstanden, die Plätze vor den Museen zu überdachen, damit sich die Umgebung gar nicht erst so aufheizt, außerdem sollen Solarzellen auf den Dächern die Kühlung der Innenräume unterstützen. Gerade wurde bekannt gegeben, dass die Finanzierung für einige dieser Dächer steht, die neue Rewe-und-Edeka-Kulturstiftung, will aus den enormen Gewinnen, die die Lebensmittelhändler seit der Krise einfahren, Gelder zur Verfügung stellen, und auch die TU München ist mit im Boot, das Ganze läuft im Rahmen der Initiative „Homeoffice für Bauarbeiter“ und soll mit Robotern und Drohnen von Zuhause aus gebaut werden, Spatenstich ist schon im Februar 2022. Und damit zurück ins Content Media Warehouse am Rundfunkplatz – ach so nee, die Umbenennung ist ja erst später, also: zurück ins kulturWelt-Studio im Funkhaus!

Die kulturWelt, das aktuelle Feuilleton auf Bayern 2, begibt sich in einer kleinen Serie auf eine "Odyssee im Kulturweltraum", übt sich im Futur II - und malt sich jetzt schon mal aus, wie 2021 für die Kultur so gewesen sein wird.