Kammerspiele-Premieren Verwundbarkeit und Reizüberflutung

Die Münchner Kammerspiele starten mit zwei Premieren: Mit "WUNDE R", einem überzeugenden Stück über die Verwundbarkeit (weiblicher) Körper, und "Oracle", das leider zu viele Reize aufbietet.

Von: Christoph Leibold

Stand: 17.06.2020

Oracle - Münchner Kammerspiele | Bild: © Judith Buss

Der Eintritt ins Orakel erfolgt einzeln. Alle sechs Minuten wird eine Person eingelassen, die drinnen dann begrüßt wird von geschlechtslosen Priesterwesen im futuristischen Folklore-Look: gemusterte Gewänder, neongelbes Schuhwerk, Spuckschutzvisiere vor den Gesichtern. Sie fragen, ob man aufgeregt sei und bereit, sich selbst zu begegnen. "Erkenne Dich selbst!", ermunterte schon das Orakel von Delphi. Darum geht es auch hier, im Stück "Oracle" an den Münchner Kammerspielen. Bevor der nächste Zuschauer eintritt, weisen sie dem Besucher einen Platz auf einer Liege zu. Dort fordert eine Stimme über Lautsprecher dazu auf, in sich hinein zu horchen und zu spüren, ein bisschen wie beim autogenen Training. Derart gewappnet dringt man dann zum eigentlichen Orakel vor, das ebenfalls nur eine Stimme aus dem Off ist, dazu ein glotzendes Auge auf einem iPad. 

Das Orakel hat wenig zu sagen 

Drei Fragen darf man stellen. Wie wäre es mit: "Wann werden wir wieder Theater in voll besetzten Zuschauerräumen sehen dürfen?" Die Replik des Orakels fällt enttäuschend aus. Grob zusammengefasst: "Liegt nicht die Antwort schon in Deiner Frage verborgen?" Der Verdacht beschleicht einen, dass diese Erwiderung vorkonfektioniert ist, also gekommen wäre, egal, was man fragt. 

Als noch schwerwiegenderes Manko aber erweist sich die "Oracle"-Raumlandschaft, die Markus Selg für diese Theater-Installation von Susanne Kennedy gebaut hat. Psychedelische Muster, Fabelwesen und Fantasy-Landschaften bedecken Wände und Böden oder flimmern über Videoscreens. Dazu dröhnt ein monumentaler Soundtrack von Richard Janssen. Kurzum: Es herrscht eine derartige Reizüberflutung, dass die Reflexion und Innenschau, die die Inszenierung zu stimuliert vorgibt, eher verhindert als befördert werden.

Wunde oder Wunder? 

Um die Suche nach dem verlorenen Selbst dreht sich auch Enis Macis Textpartitur "WUNDE R" oder "Wunder" – beide Lesarten sind möglich –, die Regisseur Felix Rothenhäusler auf vier Stimmen verteilt hat. Dieses Stück hatte ebenfalls am Montag an den Münchner Kammerspielen Premiere. Drei Frauen und ein Mann sitzen um einen runden Tisch, der ja eigentlich ein Sinnbild für Gemeinschaft ist. Doch die Stühle sind weggerückt vom Tisch. Das ist den erforderlichen Corona-Sicherheitsabständen unter den Akteuren geschuldet, erzählt aber auch so simpel wie sinnfällig von der Vereinzelung der Menschen. "Wunde R" handelt außerdem von der Verwundbarkeit menschlicher, vor allem weiblicher Körper, und vom Selbstoptimierungswahn, mit dem frau ihm begegnet, von Workout bis Weightwatching. Diese Selbstoptimierung aber führt zu Selbstverlust; und der fehlende Bezug zum Ich wiederum zieht gestörte Beziehungen zum Du nach sich. In einer Textpassage zum Beispiel geht es darum, wie Emotionen in zwischenmenschlicher Kommunikation nur noch in Emojis gepresst werden.  

Heilung? Eher nicht 

Felix Rothenhäusler erzählt von der Entfremdung der Menschen, indem er ihre Stimmen elektronisch verfremden, verzerren lässt, und von ihrer Hinfälligkeit. Auch hier sind weite Teile der Aufführung mit einem mahlenden Sound unterlegt, der das Geschehen etwas zu bedeutungsschwer auflädt. Die gallige Komik von Enis Macis Text geht dabei weitgehend unter. Dennoch: Der Abend überzeugt. 

Die Hoffnung auf wundersame Heilung aller Wunden durch die Hilfe Heiliger scheint in "Wunde R" auf wie eine ferne, fremde Erinnerung an einen Glauben, der den Menschen längst abhandengekommen ist. Als eindrückliches Sinnbild für die Vergänglichkeit schmelzen in der insgesamt erfreulichen Inszenierung von Felix Rothenhäusler tropfend Eisblöcke auf dem Tisch zwischen den Schauspielerinnen und Schauspielern. Kräftiger Applaus für Autorin und Regisseur – sofern kräftig möglich ist, wenn nur sehr wenige Zuschauer eine Aufführung wegen der Corona-Auflagen besuchen können. Zum Glück ist auch diese Pandemie vergänglich.