Wir und der Müll Der Mensch, das Abfall produzierende Tier?

Kaufen kann schön sein, Ausmisten auch. Mit unschönen Nebenwirkungen: Wir hinterlassen zu viel Müll. Verzicht wäre eine Option, mehr Recycling eine andere. Aber können wir wirklich Teil eines großen Material-Kreislaufs werden?

Von: Beate Meierfrankenfeld

Stand: 18.01.2022 | Archiv

Plastikmüll im Meer vor Bali | Bild: BR/dpa-Bildfunk

Samstags beim Wertstoffhof: ein kleines wochenendliches Hochamt des Loswerdens und Materialsortierens. Eine Fahrzeugprozession aufs Gelände, entschlossenes Öffnen der Kofferraumklappen: Es muss sein, es darf sein, es wird gut. Altgewordenes, Brüchiges, aus der Mode Gekommenes, Sperriges und in Teile Zerlegtes, Elektrogeräte, Metall, Möbel, Bretter, Bauschutt und Farben – alles wird zu Containern und Pressen getragen. Und für alles gibt es den richtigen Platz. Eine Zeremonie der Ordnung und Zuordnung.

Die Seele der Dinge

Der Wertstoffhof ist ein Ort, an dem sich viel über Dinge lernen lässt. Über einige ihrer Grundeigenschaften: Dass sie meistens jemandem gehören zum Beispiel, und dass ihre Dinghaftigkeit, ihre Art zu sein, viel damit zu tun hat, wie sie jemandem gehören. Die Bedeutung der Dinge ist ihr Gebrauch. Das klingt nach kalter Funktionalität, hat aber sehr viel mit Gefühl zu tun.

Dinge sind Beziehungswesen, ihre Seele – nennen wir es mal so – ist Teil eines fragilen Verhältnisses. Sie werden genutzt und vielleicht sogar geliebt, und dann, irgendwann, haben sie ausgedient. Das Gefühl verblasst, die Beziehung ist zu Ende, und das Ding wird, unter Schaben, Drücken und Stöhnen der Presse, zum Nicht-Ding. Mit der Form verliert es auch seine alte Funktion, wird bloßer Stoff.

Abfall als Kulturphänomen

Kein Wertstoff mehr: Restmülltonne

Hier ein "Wertstoff" immerhin. Ein tröstlicher Titel, der verspricht, aus dem Zermalmten könnte leicht wieder etwas Neues werden. Der eigentliche, richtige Müll aber ist genau das Gegenteil davon: wertlos. Ein toter Rest des Gebrauchs, den es nur noch wegzuschaffen gilt. "Ent-sorgen", das ist das beinahe Heideggerisch anmutende Wort dafür, was es bezeichnet, ist der letzte Akt in einem komplexen Vorgang des Umwertens, Abwertens und Aussonderns.

Dass der Müllstatus keine rein physikalische Eigenschaft der Dinge ist, sondern ihnen auch kulturell zugeschrieben wird, mag heute selbstverständlich erscheinen. Als der Anthropologe Michael Thompson diese These 1979 in seinem Buch "Mülltheorie" vortrug, war sie eine ziemliche Provokation. Inzwischen ist das Buch ein Klassiker und sind die "Waste Studies" eine etablierte sozialwissenschaftliche Disziplin. Ihr Ziel: die Erforschung des Mülls noch einmal anders anzugehen als Ingenieurinnen oder Materialkundler. Es gehe darum, der Fixierung aufs Technologische entgegenzutreten, sagt Kathrin Eitel, Kulturanthropologin an der Universität Frankfurt am Main, die zu Müllsammlern in Kambodscha, zu Stadtraumtheorie und zur globalen Verschiffung von Abfällen forscht. Also zu zeigen, dass Abfall eine soziokulturelle Komponente hat, dass er "kulturell eingebettet ist in Gesellschaften und in Arten und Weisen, wie damit umgegangen wird."

Das Müllproblem exportieren

Für Michael Thompson war Müll eine "verdeckte Kategorie" von Dingen, das, was ausgeschieden, zurückgewiesen, angestrengt ignoriert wird. Man könnte auch sagen: was unsichtbar gemacht werden soll. Das geschieht oft simpel und altmodisch durch räumliche Verschickung. Die frühere Bundesrepublik hat über Jahrzehnte Müll in die DDR exportiert und diese Entsorgung mit Devisen bezahlt. Heute sind die Wege weiter, so Kathrin Eitel: "Wenn man sich zum Beispiel mitteleuropäische Nationen oder auch Deutschland anschaut, dann sieht man, dass ganz, ganz viel an Elektroschrott ins südliche Afrika exportiert wird oder Schrottautos in den Osten Europas. Und natürlich Plastik ganz prominent nach Malaysia." Nachdem China Anfang 2018 Plastikmüllimporte gestoppt habe, sei man auf die Suche nach anderen Ländern gegangen – und eben auf Malaysia gestoßen.

Als Zonen der Unsichtbarkeit allerdings taugen auch von uns aus entlegene Weltgegenden nicht mehr so richtig. Es gibt eindrückliche Bilder von den Landschaften europäischen Verpackungsmülls in einem Dorf auf Java oder von riesigen Kunststoffinseln im Meer. Und dann ist da noch die schiere Masse: Das weltweite Müllaufkommen steigt seit Jahrzehnten. Für 2030 prognostiziert die Weltbank mehr als 2,5 Milliarden Tonnen. Das Problem aus dem Sichtfeld zu schieben, wird also schwieriger.

Verzicht oder Innovation?

Wenn Millionen Tonnen Plastik in die Ozeane gingen, sei das eine Bankrotterklärung der Kunststoffindustrie – und schlechte Chemie, schlechte Wissenschaft, sagt Michael Braungart. Er selbst ist Chemiker, Verfahrenstechniker, Umweltunternehmer und Radikaloptimist einer ambitionierten Kreislaufwirtschaft. Sein Modell predigt nicht Verzicht, es setzt auf Innovation. Der Appell an die Moral führe nur zu Doppelmoral – ihm gehe es schlicht um Qualität: Ein Produkt, das Abfall wird, sei einfach ein schlechtes Produkt.

"Cradle to Cradle" heißt das Konzept, das Braungart seit Ende der 1990er-Jahre zusammen mit dem US-amerikanischen Architekten und Designer William McDonough entwickelt hat. "Von der Wiege zur Wiege", ein fast verträumter Name für eine Idee, die lauter hoffnungsvolle Anfänge schaffen will. Aus der Abnutzung der Dinge würde eine Umnutzung ihrer Elemente, aus dem Müll früherer Zeiten der Rohstoff einer neuen technologischen Ära.

Als großes Bild ist diese Vision durchaus utopisch, für einzelne Produkte wird die Utopie konkret: Verpackungen bestehen nicht mehr aus vielen verschiedenen Kunststoffen, die sich nicht trennen und recyclen lassen, sondern aus wenigen hochwertigen, auf die ein Pfand erhoben wird. Die Bezugsstoffe von Flugzeugsitzen sind essbar und könnten ins Müsli gefasert werden, die 3.000 Einwegwindeln, die ein Baby braucht, dienen als zellulosebasierte Wasserspeicher für kleine Waldbäume in regenarmen Gegenden.

Die Verantwortung der Politik

Für Michael Braungart geht es auch darum, durch bessere Produkte wettbewerbsfähig zu bleiben. Was dieses "besser" allerdings wäre, lässt sich mit Bezug auf den Wettbewerb allein wohl doch nicht festmachen. "Billiger" zum Beispiel kann nicht gemeint sein, obwohl das immer ein Wettbewerbsvorteil ist. "Besser" ist nicht politisch neutral und wahrscheinlich führt es, wie alles Politische, auch eine Zutat Moral mit sich. Sich davor zu fürchten, kann unvernünftiger sein, als damit zu rechnen, und dass Müll politisch ist, lässt sich kaum bezweifeln.

Deshalb sei die "Ent-Sorgung" auch grundsätzlich keine Sache nur des Einzelnen, sagt die Kulturanthropologin Kathrin Eitel: Die Politik müsse aktiv Verantwortung übernehmen – ebenso wie die Produzenten. Am Wertstoffhof wird Müllpolitik unmittelbar zur Müllpsychologie. Es kann ein befreiendes Gefühl sein, die Weichholzkommode im Rundkanten-Stil der 90er über den Rand der Presse zu wuchten oder den alten Computer loszuwerden. Die Geräte, das ist eine spezielle Art von Dingen. Wir besitzen immer mehr von ihnen, sie werden immer schneller alt. Und weil die Seele von Digitalapparaten, anders als bei Stuhl oder Kommode, nicht in ihrer Gestalt, in ihrem Körper sitzt, sondern über ein Speichermedium in neue Körper wandern kann, fällt uns der Abschied von der Hardware nicht schwer.

Die lässt sich jedoch nicht einfach an Ort und Stelle komprimieren, sie muss mühsam auf wiederverwertbares Material hin zerlegt werden. Dann schmelzen Jugendliche in Ghana auf riesigen Deponien aus europäischem Elektroschrott Aluminium, Kupfer oder Coltan heraus. Ohne Schutz für Mensch und Umwelt. Möglich, dass dort auch die ausrangierten Kühlschränke mitsamt ihrer giftigen Flüssigkeit landen, die bei uns auf dem Wertstoffhof so ordentlich aufgereiht in einem begehbaren Container auf ihre Abholung warten. Beinahe andächtig wie in einer Kapelle.

Der Mensch, das Müll produzierende Lebewesen

Zugleich sind sie eine tieftraurige Versammlung des obsolet Gewordenen, die sich als sentimentales Sinnbild aufdrängt – nicht für die Endlichkeit des Lebens, sondern für eine seiner Nebenwirkungen. Denn vielleicht ist es doch eine große anthropologische Konstante, dass wir Abfall hinterlassen. Vielleicht ist der Mensch ja genau das: ein Müll produzierendes Lebewesen.

Die Natur kenne keinen Abfall, davon sind Michael Braungart und seine Organisation "Cradle to Cradle" überzeugt. Sie mache alles zu Nährstoffen, der Mensch dagegen habe die natürlichen Kreisläufe durchbrochen. Wenn es so ist, könnte das daran liegen, dass wir nicht erst zum Müll, sondern schon zu den Dingen, bevor sie Müll werden, eine besondere, eben menschliche, die Dinge zu unseren Objekten machende Beziehung haben. Und das würden wir wohl nicht einmal im Utopia einer perfekten Kreislaufwirtschaft los – in dem wir dann eben die Müll vermeidenden, Dinge umnutzenden und Stoffe aufbereitenden Tiere wären. Sterbliche inmitten einer ewigen Kette von Reinkarnationen des Materials. Reine Naturwesen jedenfalls wären wir nicht.

Archäologie des Abfalls

Und solange wir wegwerfen, erzählen unsere Gegenstände und unsere Abfälle viel über uns. Ziemlich Intimes sogar. Ende der 60er-Jahre untersuchte der Musikkritiker A. J. Weberman im New Yorker Village heimlich die Tonnen von Bob Dylan – und erfand mit diesem Stochern im Abfall eine Forschungsmethode, die es sogar zu akademischen Ehren brachte: "Das nannte sich dann 'Garbology'", erklärt Kathrin Eitel. Eine Forschungsrichtung, die auf Müllkippen nach Aufschluss über gesellschaftliche Praktiken und kulturelle Formen gesucht hat: "Also eine ganz typische archäologische Praxis, wie man sie sich auch vorstellen kann, wenn man in Ausgrabungsstätten Dinge findet."

Der Müll ist der Schatten der Dinge. Der Stoff, aus dem die angstlüsternen Albträume vom Zeug sind, das uns über den Kopf wächst. Die schwer klassifizierbare Substanz zwischen Sein und Nichtsein. In Platons Dialog "Parmenides" hält es der weise Sokrates für albern, anzunehmen, es könnte eine klare Idee für etwas Geringfügiges wie den Schmutz geben. Und Michael Thompson nannte den Müll ein aus "ernsthaftem Erwachsenendenken" ausgeschlossenes Monster – am Ende seines Buches, das er unerschrocken mit einem kindischen Ekelwitz über den Rotz begonnen hatte. Die Widersprüche in jener Monsterhaftigkeit aber, so Thompson, seien für das soziale Leben nun einmal "von entscheidender Bedeutung".

Der Müll ist meiner – mein Umsatz, mein Rest, mein Anflug von schlechtem Gewissen beim kathartischen Ausmisten. Und er ist die Masse, die den Planeten umgestaltet. Er wird geologisch, lauert in Höhlen und Stollen, wächst am Meeresboden an und kreist als Weltraumschrott unter den Sternen. Das Zeitalter des Anthropozäns reicht bis ins All. Und wir tragen unterdessen unsere Wertstoffe in den richtigen Kompressionscontainer. Retten wird uns das nicht, lächerlich ist es aber auch nicht. Das Monster Müll hat schon viel überlebt.

Der Band "Mülltheorie. Über die Schaffung und Vernichtung von Werten“ ist 2021 in einer deutschen Neuausgabe im transcript Verlag wieder erschienen. Herausgegeben und übersetzt von Michael Fehr, ergänzt um eine rückblickende Einführung des Autors mit dem Titel "Rubbish revisited“ und mit einem aktuellen Nachwort, das Thompson zusammen mit M. Bruce Beck zur Frage sauberen Wassers verfasst hat.