Universitätsdebatte Moral oder Wissen – was ist wichtiger?

Erbitterte Grabenkämpfe an der Uni: Die einen sehen überall alte weiße Männer, die anderen Moralapostel. Manchen Geisteswissenschaftler*innen wird das jetzt zu viel. Sie sehen nur blauäugigen Moralismus. Was ist dran an der These?

Von: Martin Zeyn

Stand: 28.07.2020

Jemand schreibt mit Kreide das Wort "Moral" an eine Wandtafel | Bild: picture-alliance/ dpa

Überraschung, auch Professor*innen verfallen manchmal einem Kinderglauben: Stein für Stein Wissen anzuhäufen, damit der Elfenbeinturm bis in den Himmel ewiger Wahrheiten hineinreicht. Sie pflegen eine Art kulturgeschichtliches Minecraft (also die Online-Variante des altehrwürdigen Glasperlenspiels), ein anspruchsvolles Gesellschaftsspiel für Menschen, die es für ganz normal halten, bis 27 kein Geld zu verdienen, für ihre Abschlüsse gutdotierte Jobs zu bekommen und dreimal im Jahr eine Stadt mit vielen Museen zu besuchen. Was ja nichts Schlimmes ist, ich gehe auch gern ins Museum, aber es blendet komplett aus, dass etwa die Hälfte der deutschen Bevölkerung nie in den Urlaub fährt und nicht alle Menschen Abitur mit dem Leistungskurs Kunst gemacht haben.

Kennerschaft hat viel mit Geld zu tun, mit Privilegien, mit Herkunft, mit Zeit, die für das Schöne aufgewendet werden kann. Der Gewinn ist nicht materiell, aber mit Geld nicht aufzuwiegen. Es sichert eine Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu, die sich darüber von anderen absetzt. Distinktionsgewinn hat das der französische Soziologe Pierre Bourdieu genannt. Bildung existiert nie nur für sich selbst, sie diente für mehrere Jahrhunderte auch dazu, sich als etwas Besseres zu fühlen, besser als niedere Stände und Klassen. Das sollten wir im Auge behalten, wenn wir über den heutigen Streit über die Grundlagen von Kultur reden.

Die Zerstörung der Humanitas?

Die deutschen Universitäten haben jahrzehntelang von Amerika gelernt: natürlich die Alumni-Vereinigungen und das Fundraising, aber auch die Offenheit für aktuelle Debatten und – ja, auch – für Moden. Jetzt schwappt von Übersee der Streit um Geschlechter- und Repräsentanzfragen herüber. Und tobt offenbar so erbittert in der Alma Mater, dass selbst die Zeitung für gebildete Stände, wie Wiglaf Droste unnachahmlich die FAZ betitelt hat, diesem Streit am 23. Juli eine halbe Seite einräumte.

"In Yale sollen in Kunstgeschichte künftig nur noch Kurse angeboten werden, die 'questions of gender, class and race' ins Zentrum stellen und sich auf das Schlüsselthema 'climate change' beziehen", beklagte dort Ingolf U. Dalferth. Tatsächlich bezieht sich die Nachricht darauf, dass ein kunstgeschichtlicher Einführungskurs diese Frage behandeln wird.

Abseits von solchen Unschärfen umkreist der Autor jedoch eine wichtige Frage: die nach dem Rang von Wissen jenseits von Fragen der Tagespolitik und von Moral. Eine Antwort hat er nicht, außer die doch einigermaßen unscharfe vom Verlust der Humanitas. Was ist der Kern von Kunstgeschichte, was von Germanistik? Natürlich profitieren wir alle von den Anmerkungsapparaten von Klassikerausgaben oder von in monatelanger Arbeit erstellten Katalogbeiträgen. Aber ist die Frage nach den rassistischen Kategorien im Werk von Nietzsche eine weniger relevante als die nach seiner Bezugnahme auf griechische Versmaße? Und wenn in Yale ein Professor bekennt, die Kunstgeschichte nicht mehr allein (!) durch europäische Augen sehen zu wollen – wo ist das Problem?

Normaler Wandel oder Epochenbruch

Manchmal scheint mir, wir wohnen einem Verteilungskampf bei: dem ums kulturelle Kapital. Das ist zwar schwieriger zu messen als Außenhandelsüberschüsse, aber es hat dennoch immense Auswirkungen. Dabei geht es nicht nur um das große Bild, den Einfluss des Kolonialismus und der White Supremacy bis heute. Es geht auch darum, dass die in Yale formulierten Forschungsgegenstände weite Bereiche der deutschen Geisteswissenschaft in Frage stellen. Wer bin ich, wenn meine Schriften all diese Fragen außer Acht lassen? Über welches kulturelle Kapital verfüge ich noch?

Sehen wir gerade einem Generationswechsel zu – die Vertreter der alten Ordnung gehen, die neuen, stärkeren, offenen Vertreter*innen kommen? Schön wäre es. Aber ich fürchte, die Universität in der heutigen Gestalt ist an Wandel nicht interessiert. Natürlich braucht es Wissen – aber stellen Zahlen und Wissen wirklich die Grundlage der Geisteswissenschaften dar? Sind sie nicht eher ein Fundament, auf das wir unser Verständnis der Kunst aufbauen? Oder wird Wissen kurzerhand mit Kanon gleichgesetzt, also mit überkommenem Wissen? Einem Kanon, der seine Würde, seine Dignität durch eine Überzeitlichkeit verliehen bekommt? Aber nach Nietzsche, Foucault, Deleuze, Butler sollte klar sein, diese Art von Wissensbeweihräucherung ist ein Taschenspielertrick, um zu verschleiern, welche Interessen, welche Dispositive hier am Werke sind: Es geht um Macht, es geht um Pfründe.

Inzest als Ziel

Nervt es die Professor*innen schlicht, dass schon wieder jemand sie danach fragt, wofür denn Geisteswissenschaften da sein sollen? Nicht um Menschen für einen Beruf auszubilden – das funktioniert nicht, wissen wir seit über 30 Jahren aus validen Statistiken. Wir produzieren am Bedarf von Verlagen und Museen vorbei. Es geht auch nicht darum, das Wissen gesellschaftlich neu zu verteilen – denn in Deutschland studieren vor allem Akademikerkinder Geisteswissenschaften. Wozu dann? Sind wir bei einem Zustand angekommen, den David Foster Wallace schon für die Creative-Writing-Kurse beschrieben hat: Es werden keine Schriftsteller*innen ausgebildet, sondern Lehrer*innen für Creative-Writing-Kurse! Eine bittere Erkenntnis: Es geht also darum, den Betrieb am Laufen zu halten.

Ja, die Zustände in den Geisteswissenschaften sind inzestuös. Natürlich gibt es Professor*innen, die über den Tellerrand ihres Fachgebiets schauen, etwa einen Joseph Vogl, einen Stephan Germer (viel zu früh gestorben) oder eine Ulrike Guérot. Und es gibt die anderen Professor*innen, die immer noch Wissenschaftler*innen ausbilden, obwohl jeder weiß, dass von den Hunderten vor einem es höchstens einer schaffen wird (eine kleine Verbesserung, heutzutage schafft es sogar eine). Und meine Vermutung ist: Wir haben es mit einer Verdrängung zu tun. Weil man das kulturelle Kapital, das die eigene Stellung mit sich bringt, bedroht sieht, ändert man nicht etwa sein Verhalten, sondern verdoppelt die Anstrengungen, damit alles bleibt, wie es ist. Noch mehr Studienanfänger*innen, noch mehr Doktorand*innen, noch mehr Wissen, das im fast ausbruchssicheren Refugium Fachzeitschrift endgelagert wird.

Moden sind nicht per se schlecht

Nein, ich bereue nicht, Germanistik studiert zu haben. Nicht, weil ich jetzt mehr weiß. Sondern weil ich bei zwei, drei Professor*innen gelernt habe, dass jeder Text viele Lesarten hat. Beziehungsweise haben kann, wenn ich ihn mindestens einmal gegen den Strich gelesen habe. Ja, und ich bekenne mich schuldig, mindestens bei zwei Moden mitgemacht zu haben (Avantgardeverherrlichung und Walter Benjamin). Was sind Moden in der Geisteswissenschaft? Im besten Sinne das Bilden eines Stoßtrupps, der die Phalanx längst überholter Lehrmeinungen durchbricht. Gegen Goethe, Hegel und Kant ist nichts zu sagen – und doch war die Gedankenlosigkeit geradezu brutal, mit der die deutsche Professorenschaft nach 1945 meinte, einfach weitermachen zu können. Kein Gegenstand, sei er noch so dem Guten, Schönen und Wahren verpflichtet, entbindet uns davon, ihn in Frage zu stellen. Wem nützt er? Wessen Privilegien schützt er? Welche Sichtweise der Welt figuriert er vor?

Allerdings: In Frage zu stellen, macht uns nicht automatisch klüger. Was mit Cancel Culture oder Redeverboten bezeichnet wird, also das Abkanzeln anderer Sichtweisen, sucht manchmal nicht nach den richtigen Fragen, sondern operiert mit Totschlagargumenten, die nur eine Position erlauben – die eigene. Aber keine Schule sollte nach ihren schlechtesten Vertreter*innen bewertet werden (weiß ich aus eigener leidvoller Erfahrung, der den Dekonstruktivismus nach seinen deutschen Apologeten beurteilt hat).

Streit sorgt für solide Fundamente

Außerdem: Moden haben nur eine geringe Halbwertszeit. Das muss kein Nachteil sein. Wer einmal erfahren hat, sich geirrt zu haben, ist zwar nicht gefeit gegen Irrtümer, aber stürzt sich wenigstens nicht kopfüber in den nächsten. Ja, es ist der beste Teil der Geisteswissenschaften, der nach Moral, Repräsentation, Privilegien fragt. Nicht, weil er schon um die Antwort weiß. Aber weil er den Fetisch Wissen – pardon, um nichts anderes handelt es sich, sollten wir seit Foucault wissen –, hinterfragt.

Und nur weil die jungen Menschen andere Fehler machen als meine Generation, sind sie nicht dümmer als wir. Sondern bloß anders. Und anders zu sein als die Lern- und Lehrmaschine Bologna-Prozess, halte ich für einen Hoffnungsschimmer: Dafür, dass das Licht der Aufklärung immer noch leuchtet. Oder mit den Worten des gerade verstorbenen Bürgerrechtlers John Lewis: "Get in good trouble, necessary trouble." Streit lässt den Elfenbeinturm nicht einstürzen. Er führt dazu, dass er solidere Fundamente bekommt.