Karikaturen und Terror Wieso Karikaturen so verhasst sind

Immer wieder sind Menschen, wie zuletzt der französische Lehrer Samuel Paty, wegen Mohammed-Karikaturen das Ziel islamistischen Terrors. Wieso aber sind es gerade Karikaturen, die so viel Hass auf sich ziehen?

Von: Martin Zeyn

Stand: 19.10.2020 | Archiv

Terror in Paris wegen der Mohammed-Karikaturen | Bild: Thibault Camus/dpa

Darf Karikatur wirklich alles? Nein, natürlich nicht. Aber das ist auch die falsche Frage. Eine Frage, die Karikatur immer unterläuft. Sie muss genau dort aufschlagen, wo jemand schreit, das dürfe man nicht. Dann erst hat Karikatur das erreicht, was sie will: ihre Gegner*innen. Gelächter ist schlimmer als Argumente – es stellt bloß, es verbeißt sich, es ist nicht abzuschütteln. Es gibt Gegenargumente, aber kein Gegenlachen. Das aufklärerische Moment der Karikatur liegt nicht in der Logik, sondern im Unsinn. Die Welt, so haben die alten Atomisten geglaubt, wird aus dem Chaos geboren. Das Lachen kommt sicher daher. Und es schafft eine Welt, in der es sich zu leben lohnt. Und für die der französische Geschichtslehrer Samuel Paty sein Leben gelassen hat.

Mohammed bekennt: Ich bin Charlie

Wer sich mit Karikatur beschäftigt, kommt ins Schlingern. Erst einmal scheint alles klar zu sein. Das Lachen geht auf Kosten der anderen. Banale und das sind immer rechthaberische Karikaturen funktionieren genau so: ein Grinsen, ein müder Lacher. Aber das eigentlich Faszinierende an den gelungenen Witzbildchen ist etwas anderes. Sie sind nicht zu fassen. Sie arbeiten mit Klischees, aber nicht um sie zu reproduzieren, sondern um sie vorzuführen. Sie nehmen, was bitterernst ist, und machen sich darüber lustig. Das geht mal in die Magengrube, mal ins Auge.  Das Lachen ist kein Skalpell, mit dem präzise Schnitte vorgenommen werden können. Aber das Lachen kommt dahin, wo sonst nichts mehr vordringt. Nie war das besser zu sehen als in der ersten Ausgabe von Charlie Hebdo nach dem Anschlag, gezeichnet von Luz. Darauf zu sehen ein weinender Mohammed mit einem Zettel, auf dem stand: "Je suis Charlie" – jener Satz, mit dem Hundertausende ihre Solidarität mit den Opfern des Anschlags auf die Satirezeitschrift bekundet hatten. Darüber die Überschrift: Tout est pardonné – alles ist verziehen. Nie war ein Lachen bitterer – 10 Mitglieder der Redaktion hatten die islamistischen Attentäter ermordet. Und wer kondoliert? Kein anderer als Mohammed! Und nochmal verstieß Charlie Hebdo gegen das islamische Bilderverbot – wie 2006, als sie die Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitschrift Jyllands-Posten nachgedruckt hatte.

Antisemitische Karikatur bei Disney?

Zwei Beispiele, nicht buchstäblich Karikaturen, aber durch und durch karikierend: Der Disney-Cartoon "Die drei kleinen Schweinchen", in dem der Wolf als Hausierer gezeichnet wird, der mit langer Nase, langem Bart und Kaftan die anti-jüdischen Stereotypen der 30er Jahre zitiert. Ist das antisemitisch? Nein – es zeigt einfach die Realität der 30 Jahre. Und was ist mit der Angst, dass da ein Fremder in die eigene Welt eindringt? Natürlich spielt der Cartoon damit. Nur macht er sich auch über die Angst lustig. Wenn der Wolf so leicht zu durchschauen ist, dann sind vielmehr diejenigen Idioten, die vor seiner perfiden Macht warnen. Die drei Schweinchen lachen den Wolf nur aus.

Ein anderes Beispiel: Woody Allen geht auf einen Thora lesenden Schwarzen mit Kippa zu und fragt ihn: "Schwarz sein allein reicht wohl nicht?" Ist das nett? Nein. Ist das rassistisch? Ja. Und nein. Rassistisch ist die Aufteilung in hier und da, in weiß und schwarz, ist das Abstempeln des Gegenübers zu einem Anderen. Aber das Gemeine an der Szene ist, dass Woody Allen sich jemand auswählt, der qua Jüdischsein zu ihm gehört. Das Gelächter entzündet sich an der Absurdität der Szene, die Eindeutigkeit einfordert, wo es sie nicht gibt: im wirklichen Leben.

Karikatur ist nichts für Kontrollfreaks

Das Denken in Oppositionen funktioniert nur durch die Hervorhebung, ja die Verabsolutierung einzelner Eigenschaften. Ein Jude ist reich. Alle Juden sind Rothschilds. Ein Christ setzt Mohammed herab. Alle Christen hassen den Islam. Ganz ähnlich funktioniert Karikatur: auch sie verabsolutiert.  Hier sind die Nasen voluminös, die Körper winzig, die Geschlechtsmerkmale riesig. Für den sowjetischen Literaturwissenschaftler Michail Bachtin war das der Kern der Karikatur. Sie setzt die bestehende Ordnung außer Kraft – mit der Ordnung der Körper fiel die Ordnung der Welt, alle religiösen und weltliche Systeme verloren ihren Status einer quasi gottgegebenen Natur. Und das ununterdrückbare Lachen über schiefe Beine, phallische Nasen und Kindsköpfe, das Herausprusten, obwohl es einem peinlich ist, das ist die Macht der Karikatur: Sie kann oben und unten umkehren, sie macht aus einem klaren Weltbild einen Mischmasch.  Darin gleicht sie dem Witz, von dem Sigmund Freud gesagt hat, nur er könne Dinge zusammenbringen, die das Über-Ich sauber getrennt wissen will.  Und das erklärt auch, warum Kontrollfreaks aller Art, ob nun religiöser oder politischer Natur, die Karikatur so hassen. Abgrundtief und voller Vergeltungssucht. Sie werden sie nicht los. Sie klebt an ihnen. Ihr Über-Ich tobt, weil es die Kontrolle verloren hat. Sein eigenes Zucken in den Mundwinkeln erträgt der Fanatiker nicht.

Und dafür muss er jemanden bestrafen. Sich, immer wieder sich, und dann manchmal leider auch andere. Er sieht das Allerheiligste verletzt, weil er es nicht erträgt, dass sein stocksteifes schwarz-weiß Bild davon sich als zutiefst lächerlich erweist.  Und dabei braucht manche Karikatur nicht einmal herabsetzend zu sein. Etwa Art Spiegelmans berühmter Titel vom New Yorker, auf dem sich zwei Liebende küssen. Dummerweise ein orthodoxer Jude und eine schwarze Frau. Das war für die an die Reinheit des Blutes und die alleinseligmachende Lehre glaubenden Extremisten zu viel. Und solche gibt es leider überall.