Mental Load Wie ein Begriff Unsichtbares sichtbar macht

Arbeit, Kinderbetreuung, Haushalt und dann noch Corona - Frauen übernehmen noch immer den Löwenanteil der Care Arbeit. Das Ganze hat einen Namen: Mental Load. Ein Begriff, der zeigt, was hinter all dem Kleinkram steckt.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 04.03.2021 | Archiv

Gestresste Frau am Laptop | Bild: picture alliance / ROBIN UTRECHT | ROBIN UTRECHT

Warum Mama immer die Letzte ist? "Ich fange damit an, den Tisch abzuräumen. Unterwegs sehe ich das schmutzige Handtuch und nehme es zum Wächekorb mit. Der ist voll, also setze ich eine Wäsche an, auf der Maschine liegt der Gemüse-Einkauf, der in den Kühlschrank muss. Beim Einräumen fällt mir auf, dass der Senf alle ist und auf die Einkaufsliste muss usw. und so fort … zwei Stunden später ist dann auch der Tisch abgeräumt", so beschrieb die französische Zeichnerin Emma 2017 in einem Comic den Begriff Mental Load. Ein Comic, der – zu Recht – viral ging, und ein Begriff, der nicht nur für mich geradezu Zauberkräfte hat: er macht Unsichtbares sichtbar. Die Bloggerin Patricia Cammarata, die den Begriff in Deutschland bekannt gemacht hat, nachdem sie Emmas Zeichnungen gesehen hatte, sagt es so: "Das war wie eine lang gesuchte Diagnose, was mit mir los ist - ich war eine von den Millionen Frauen, die dieser Comic erleuchtet hat."

Das bisschen Haushalt

Cammarata benutzt das Bild der "unsichtbaren Elfenarbeit", die ziemlich eindeutig einem Geschlecht zugeordnet wird. Der Begriff entstammt der Cognitive Load Theory, die Problemlösungs- und Informationsverarbeitungsprozesse im Gehirn in einzelne Schritte zerlegt. Er macht die ganze mentale Ladung sichtbar, die hinter Alltagskram steckt - in dem Männer wie Frauen leicht nur unbedeutende Kleinigkeiten sehen. Nur, dass daraus in der Summe ein Bleigewicht wird und manchmal leider auch ein Burnout. Zur ganzen Wahrheit gehören alle winzigen Dinge, die bedacht, ausgeführt, zu Ende gebracht und nachgehalten müssen. Wenn sowas bezahlt wird, dann nennt man das "Bedarfsplanung“, "Konzeption", "Prozessmanagement", "Qualitätskontrolle“. Wenn es mit Haushalt und Kindern zu tun hat und, wie alle einschlägigen Studien zeigen, größtenteils von Frauen übernommen wird, dann reden wir nicht drüber.

Patricia Cammarata: "Ich glaube, viele Frauen ziehen sich den Schuh an, weil sie das so gelernt haben - Frauen liegt das Kümmern im Blut, die machen das nebenher, die können das einfach. Es geht schon ziemlich früh los damit, sich in diese Rolle zu fügen." Nehmen wir den Mikro-Prozess Biomüll rausbringen, den Patricia Cammarata gern als Beispiel wählt:  analysieren, in einzelne Schritte zerlegen, Verantwortlichkeiten definieren, zuordnen, auch die Frage, ob das Auswischen und Neuauslegen des Biomülleimers zum Prozess dazugehört. Der erinnert an gruselige Müll-Streitigkeiten aus WG-Zeiten? Warum wirkt das so kleinlich, gar peinlich?

Toxisches Multitasking

Wahrscheinlich, weil wir alle gewohnt sind, dass es stillschweigend passiert, dies und all das andere. Weil das Privileg, sich nicht mit Mental Load herumzuschlagen, für selbstverständlich gehalten wird - von denen, die es genießen. Wie immer bei Privilegien. Männer helfen gern, Frauen wissen irgendwie, dass diese Zuständigkeiten unauffällig bei ihnen liegen, sehr unauffällig. Zusätzlich zum Paid Work. Funktionieren aber muss das alles unbedingt, spätestens, wenn Kinder da sind. Und da tauchen dann wieder die alten Maximen auf: Nie leer gehen! Mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen!

"Für mich sind das inzwischen fast toxische Sätze. Ich hab mir angewöhnt, von Multitasking abzuweichen, das eine erst mal abzuschließen, und dann das Nächste zu machen", sagt Cammarata, die nach intensiver privater und beruflicher Beschäftigung mit dem Thema deutlich fortgeschritten ist im Umgang mit Mental Load. Schließlich sind die Zuständigkeiten zuhause rund um die Uhr da und immer akut. Abschalten ist eine Kunst, wenn die Dinge beginnen zu sprechen. Kinderschuhe sagen: Wir sind bald zu klein! Fensterscheiben sagen: Putz mich! Das Laptop sagt: Haben wir heute schon Mebis gecheckt? Alles klar im Home-Schooling, oder müssten die Kinder mal raus? Und geht das noch mit den Schuhen?

Übernehmen statt helfen

In der Pandemie ist noch mehr Load dazugekommen.  Aber: Veränderung ist möglich, wenn sich der Blick wirklich verändert. Stichwort: Helfen. "Helfen ist nur zuarbeiten, da nimmt man nur einen kleinen Teilaspekt entgegen wie eine Einkaufsliste und setzt dann den Einkauf um, aber diese ganze Denkarbeit und die Verantwortung, die teilt man eben nicht, das ist der Unterschied. Man muss den ganzen Prozess an sich nehmen."  Darüber hat Patricia Cammarata ein Buch geschrieben, darüber hält sie immer wieder Vorträge, darüber tauschen sich in den einschlägigen Foren jeden Tag unzählige Frauen aus. Aber Cammarata betont auch die gesellschaftliche Seite, das Ehegattensplitting, die Art der Elternzeit, die Aufteilung in Hauptverdiener und Zuverdienerin – sehr viel wirkt gegen echte Umverteilung. Trotzdem, das Kind hat jetzt einen Namen, und das hilft weiter.

Sie sei so erleichtert gewesen, sagte die Zeichnerin Emma damals, 2017, zu erfahren dass Mental Load nicht nur in den alten Anekdoten erzählbar sei – sondern soetwas wie ein objektiver Sachverhalt, der sich erforschen lasse - und eben auch verändern! Deshalb habe sie den Comic gemacht. Und bis heute verändert der Begriff den Alltagsblick von immer mehr Menschen.