Ein Coronatagebuch der Künstlerin Michaela Melian Freitag, der 13.

Eine Erinnerung an den ersten Lockdown der Künstlerin Michaela Melián, die auch in der Band FSK mitspielt. Eine lange Autofahrt, unterlegt mit Jean-Michel Jarre, und Erinnerungen an einen vierzig Jahre alten Film, in dem Angesteckte interniert werden.

Von: Michaela Melián

Stand: 08.11.2020

 Michaela Melián | Bild: Thomas Meinecke

13. März 2020: Das neue Virus ist nun also in Europa so richtig angekommen und Bayern schließt ab sofort für fünf Wochen alle Schulen und Kitas. Nachdem Anfang März noch Veranstaltungen bis zu 1.000 Teilnehmern erlaubt waren, werden jetzt der Starkbieranstich am Nockherberg, die Passionsspiele in Oberammergau, die Demos von Fridays for Future und der Festakt zur Befreiung des Konzentrationslagers in Dachau abgesagt. Das Erzbistum München und Freising verschiebt bis Ostern alle Taufen und Firmungen, es gibt fürs erste keine öffentlichen Gottesdienste mehr und die Kirchenchöre stellen das Proben ein. Theater, Konzertsäle, Opernhäuser, Musikclubs, Diskotheken und Kinos, Museen, Bibliotheken und Volkshochschulen, Circus Krone, Neuschwanstein und die Spielbanken, Sportstädten und Schwimmbäder, Restaurants und Bars müssen schließen. Für Pflege- und Altenheime gilt ein Besuchsverbot. Die Nutzung von Kinderspielplätzen ist untersagt. Nur Lebensmittelgeschäfte, Apotheken, Drogeriemärkte, Banken und Tankstellen dürfen offen bleiben und Lastwagen jetzt auch sonntags fahren. Es kommt zu Hamsterkäufen und Tumulten in Supermärkten. Zu diesem Wochenende gibt es in Bayern knapp 600 Infizierte und 4.000 Menschen unter Quarantäne.

An diesem Freitag, den 13. März 2020 bin ich auf dem Weg von Oberbayern nach Hamburg. In Hamburg will ich eine Ausstellung aufbauen und diese dann eine Woche später mit einer Musikperformance eröffnen. Die ganze Woche ist schon hin- und hertelefoniert und überlegt worden, ob wir denn unser Projekt noch wie geplant durchführen können. Aber da die Ausstellungshalle sehr groß und hoch ist – und die Besucherzahl absehbar sein würde, hoffen wir immer noch, dass wir wie geplant eröffnen und performen können.

Plötzlich kommt die Nachricht, dass die Grenzen innerhalb Europas nach dem Wochenende dicht gemacht werden, der Grenzverkehr mit den Nachbarländern ist also erst mal eingestellt. Würde dann eine Reise innerhalb Deutschlands zwischen den Bundesländern weiterhin möglich sein - ich breche ja immerhin aus dem Hotspot-Bundesland Bayern Richtung Norden auf. Gegen meine sonstige Gewohnheit nehme ich deshalb nicht die Deutsche Bahn für die 800 Kilometer lange Reise, sondern das Auto – ich will flexibel sein und packe das Auto mit allem, was ich meine, für die nächsten Wochen zu brauchen. Dann noch schnell anhalten beim Lebensmittelgeschäft und den Kofferraum voll machen mit Trockenfrüchten, Frisch- und Teigwaren. Irgendwie fühlt sich das Ganze so an wie ein Aufbruch für einen längeren Aufenthalt in einer einsamen Gegend, in der die Versorgungslage nicht klar ist.

In Bayern klettern die Coronazahlen seit dem Ende der Frühlingsferien vor einer Woche, in Hamburg und Schleswig-Holstein ist es dagegen noch ziemlich ruhig. Die Ferien enden dort erst mit diesem Wochenende und so rechne ich mit Staus und Chaos auf den Autobahnen. Aber das ist ein Trugschluss, denn bereits hinter Nürnberg wird die Autobahn leerer und leerer, ich bin allein auf der linken Spur, auf der rechten Spur kriechen in einer endlosen Kette Laster hinter Laster: Viele Urlauber waren wohl schon verfrüht aus ihren Skiferien abgereist, um noch vor dem Lockdown nach Hause oder über die Grenze nach Dänemark oder Holland zu kommen. Ab Kassel bin ich dann so gut wie allein auf der Autobahn, ein ganz und gar ungewohntes Fahren – wie in Kraftwerks Musikvideo zum Autobahntrack von 1974.

In Peter Fleischmanns Film "Die Hamburger Krankheit" von 1979 nehmen die Protagonist*innen genau die umgekehrte Route durch Deutschland, sie verlassen Hamburg, wo eine geheimnisvolle Seuche ausgebrochen ist und enden nach einer Fahrt quer durch Westdeutschland am Kochelsee in Oberbayern. Viele Situationen, die Fleischmann im Film inszeniert, kommen mir in den Kopf, denn sie passieren jetzt, 2020 in der Corona-Pandemie plötzlich wirklich in ähnlicher Weise. In der Presse stand 1979 über den Film: "Peter Fleischmann (ist) ein kurzweiliger Film gelungen, der surreal-absurd eine Zukunft unseres Landes entwirft, die gar nicht so unwahrscheinlich und fern ist." Im Film werden, weil kerngesunde Menschen in Hamburg plötzlich reihenweise tot umfallen, ausländische Matrosen der Einschleppung eines Virus verdächtigt. Die Gesundheitspolizei führt deshalb auf allen Schiffen im Hamburger Hafen Razzien durch. Amtsärzte in weißen Kitteln untersuchen die nicht deutsch sprechende Besatzung eines Frachters, die Methoden der Reihenuntersuchung erinnern an entsprechende Bilder aus der Sklaverei oder Kolonialgeschichte.

Bei einer Pressekonferenz werden den Politikern und ihren Beratern aus der Wissenschaft (hier brauche ich nicht zu gendern, denn im Film handelt es sich ausnahmslos um zumeist ältere Herren im Anzug oder Arztkittel) folgende Fragen gestellt: Wie wird die Krankheit übertragen, durch Atmung, durch Berührung? Könnten auch Tiere als Überträger in Frage kommen? Oder könnte es sich nicht überhaupt um ein Virus aus einem Labor für chemische oder biologische Kampfstoffe handeln? Da diese Fragen nicht beantwortet werden können, entscheidet sich die unter Handlungsdruck stehende Exekutive für gesundheitspolizeiliche und ordnungspolitische Maßnahmen: Die gesamte Hamburger Bevölkerung soll mit einem Breitbandmittel geimpft werden. Menschen, die mit an der Krankheit Verstorbenen in Berührung kommen, sollen erfasst und in einem Lager kaserniert werden. Aus dieser Quarantäne brechen nun vier junge Leute aus, drei Männer und eine Frau, um der unheimlichen Krankheit und der Impfpolizei zu entkommen. Ein Roadmovie quer durch Deutschland beginnt mit der Durchsage aus dem Autoradio: "Zu den ersten Maßnahmen zählen die Einschränkung der Freizügigkeit und des individuellen Verkehrs. Zuwiderhandelnde haben mit der sofortigen Einweisung in eines der zentralen Gesundheitslager zu rechnen. Wer das Gemeinwohl gefährdet, kann nicht mit Rücksicht der Gemeinschaft rechnen."

Fleischmann, der in München und Paris studiert hat, bezeichnet sich selbst als Anarchisten. Im Kontext der späten 70er-Jahre ist sein Science-Fiction-Film ein Abrechnen mit einer deutschen Bundesrepublik, in der es eine Kontinuität der Eliten seit dem Dritten Reich gibt und in der die Exekutive in erster Linie ökonomischen und kapitalistischen Überlegungen folgt. Schon in seinem Dokumentarfilm "Herbst der Gammler" von 1967 markiert er genau diese Konfliktlinie innerhalb der deutschen postfaschistischen Nachkriegsgesellschaft, kurz bevor mit der 68er-Studentenbewegung gesellschaftspolitische Umbrüche angestoßen werden. So formulieren viele Passanten ungeniert in Fleischmanns Dokumentarkamera, dass sie die jungen Leute – die Gammler, die sich nicht politisch engagieren, sondern einfach nur nicht mitmachen wollen beim Wirtschaftswunder schaffen, am liebsten in ein Arbeitslager oder KZ stecken würden.

Die Ausbrechergruppe aus der Hamburger Krankheit, allesamt Außenseiter, sind Wiedergänger dieser Gammler: ein Wurstverkäufer und ein Rollstuhlfahrer von der Reeperbahn, ein introvertiertes hübsches Mädchen, das vielleicht von zu Hause ausgebüchst ist und ein junger gut aussehender Mediziner, der den staatlichen gesundheitspolitischen Maßnahmen kritisch gegenüber steht. Im gammeligen Wurstverkäufermobil fliehen diese vier aus der Stadt, durch Industrie- und Müllbrachen. Aber kaum haben sie die Kontrollen durchbrochen und es aus der abgeriegelten Stadt geschafft, wird ihnen das Wurstmobil von einem aufgebrachten Mob, der keine Menschen aus dem Seuchengebiet herauslassen will, abgefackelt. Ein durchgeistigter Hippie, besetzt mit Rainer Langhans, nimmt die Gruppe dann später in seinem Wohnwagen mit.

Auf dieser meiner Fahrt nach Hamburg im März kommt mir also Fleischmanns dystopische Groteske, ein wilder Genremix zwischen Science Fiction und Heimatfilm, in den Sinn: Immer eingebettet in die mit dem Synthesizer geschaffene elektronische Filmmusik von Jean-Michel Jarre fährt diese zusammengewürfelte Aussteigertruppe auf menschenleeren Autobahnen Richtung Alpen. Sie stoppen auf ihrer chaotischen Odyssee in Fulda, die Innenstadt ist dort durch eine riesige Demonstration verstopft, viele der Demonstranten tragen Masken, aber wofür oder wogegen sie demonstrieren – das wird nicht wirklich klar.

Später landet die Fahrgemeinschaft dann irgendwo auf einer Party, die einem Bild von Otto Dix nachempfunden scheint: Hier schwadronieren ältere Anzugträger zwischen Champagner und orgienhafter Ausgelassenheit, dass man nach der Seuche rosigen Zeiten entgegengehe, die Krise den Aufschwung mit grenzenlosem Wachstum bringe und die liberale Gesellschaft mit Umweltschutz und Mitbestimmung endlich den Rhein hinunter gegangen sein würde. Und gegen Ende des Films erschießen die Mitglieder eines Schützenvereins den Hippie, der eine Kuh auf der Wiese melken will. Sofort muss man hier an die bayerischen Freikorps denken, die beim Niederschlagen der Münchner Räterepublik nicht zimperlich im Exekutieren waren.

Dieses 'Unterm Radar der staatlichen Kontrolle aus einem pandemischen Szenario Ausbrechen', wie es im Film so durchgeknallt inszeniert wird, führt aktuell allerdings zu merkwürdigen und unseligen Allianzen. So war der Film für mehrere Tage auf einer populären Internet-Plattform kostenlos zu sehen. Diese sogenannte "alternative" Plattform ist bekannt für ihre rassistischen Verlautbarungen und die Verbreitung von Verschwörungstheorien. Die staatlichen Maßnahmen nach Ausbruch der Corona-Pandemie wurden in Beiträgen als "Corona-Diktatur", oder "asymmetrischer Krieg" der "Superreichen gegen die restlichen 99 Prozen" bezeichnet. Die herrschenden Eliten würden "uns nicht wie ihre Schutzbefohlenen behandeln, sondern wie ihre Sklaven".

Peter Fleischmann gab im Zusammenhang des Streamings derselben Plattform auch ein ausführliches Interview. Vielleicht hat er ja gar nicht realisiert, welche neuen Fans sein Film "Die Hamburger Krankheit" hier plötzlich gefunden hat. Bei seinem Kinostart vor 40 Jahren war der Film kein Kassenschlager, und lief seither eher selten im Kino und Fernsehen, eine DVD-Version im Filmverlag der Autoren ist vergriffen. Somit gehört er also eher in die Kategorie Underground-Kultfilm.

Über viele Jahre haben zum Beispiel die Goldenen Zitronen "Die Hamburger Krankheit" während ihrer Konzerte als Stummfilm an die Bühnenwand projiziert und das als klares Signal für eine selbstbestimmte, kritisch-künstlerische wie lustvoll anarchische Positionierung der Band verstanden. Und jetzt dieser fatale Twist: Dass ein Film, über den Hans-Christoph Blumenberg 1979 schrieb: "So exzentrisch wie das Personal dieser apokalyptischen Farce zwischen Reeperbahn und Almhütte ist auch Fleischmanns Inszenierung: eine Folge von gewaltsamsten Stilbrüchen, ohne Rücksichten auf ästhetische Verluste", und dass also eine Story, die eine schräge Aussteigertruppe feiert, plötzlich genauso gut für rechte Narrationen herangezogen werden kann und in der Szene der Querdenker*innen kursiert, ist mehr als unheimlich.