"Misfits" von Michaela Coel Das harte Leben von Außenseitern in der TV-Industrie

Radikal ehrlich: So agiert Schauspielerin Michaela Coel nicht nur in ihrer semi-biografischen Erfolgs-Serie "I May Destroy You". In ihrem jetzt in der deutschen Übersetzung veröffentlichten Manifest "Misfits" erzählt sie, wie es Außenseitern in der TV-Industrie ergeht.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 03.01.2022 | Archiv

Porträt der Schauspielerin und Serienmacherin Michaela Coel, fotografiert von Laura McCluskey | Bild: Laura McCluskey

Als Michaela Coel – auch hierzulande berühmt durch die Serie: "I May Destroy You" – vor vier Jahren eine prestigeträchtige Rede auf dem Edinburgh TV Festival hält, ist sie nervös. Vor sich sieht sie 4.000 Zuhörende, alle aus der TV-Industrie. Und Coel hat nicht vor, ihnen zu schmeicheln. Stattdessen wird sie von ihrem widrigen Werdegang als Schauspielerin und Serien-Macherin sprechen: als junge schwarze Frau, die im Londoner Osten in einem Wohnprojekt aufgewachsen ist und die von dieser traditionsreichen Vortragsreihe, für die sie gerade auf der Bühne steht, vorher noch nie gehört hat. Weil sie ein Misfit ist, eine Außenseiterin. "Als Künstlerin mache ich das, was ich am besten kann. Ich erzähle euch eine Geschichte. Vielleicht findet ihr darin Muster", verkündet sie. Die Strukturen in ihrem episodischen Vortrag zu erkennen, das überlässt Coel nun uns, den Lesenden. Denn diese bemerkenswerte Rede ist als Buch erschienen. Der Titel: "Misfits – Ein Manifest".

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Michaela Coel | James MacTaggart Lecture | Edinburgh TV Festival 2018 | Bild: Edinburgh Television Festival (via YouTube)

Michaela Coel | James MacTaggart Lecture | Edinburgh TV Festival 2018

Außenseiter in der TV-Industrie

Es sind die Misfits, Außenseiter, zu denen sie sich zählt. Ihre Erfahrungen sollen als stellvertretend verstanden werden. Eine Stimme von vielen. In der Film- und Fernsehbranche werden erfolgreiche Misfits gefeiert: Als interessante neue Talente, als frischer Wind. Michaela Coel fragt: Wenn die Industrie also von Misfits profitiert – was tut die Industrie für sie? Wird sichergestellt, dass diese Misfits arbeiten können? Ist die TV-Industrie ihnen ein gutes Zuhause? Lässt sie Misfits überhaupt herein? Eine Begebenheit an Michaela Coels Schauspielschule: "Ein Lehrer fordert die Schüler dazu auf, zu Punkt A zu gehen, wenn die Eltern ein Haus besitzen. Und zu Punkt B zu gehen, wenn die Eltern kein Haus besitzen." Das Ergebnis: Michaela Coel steht allein da. Wie mutig kann ein junger Mensch ohne finanzielles Polster sein? Kann er Nein sagen? Selbstbewusst Konditionen aushandeln? Laut Kritik üben? Coel berichtet von ihrem aufreibenden Einstieg und Leben in der TV-Branche. Nie ohne Selbstkritik. Und mit Witz.

Michaela Coel formuliert Ansprüche nahezu ausschließlich an sich selbst. Das drückt eventuell eine Form von Hilflosigkeit aus – oder ist schlicht pragmatisch: Nicht aufgeregt mit Forderungen herumfuchteln, nicht die Industrie als Ganzes anbetteln, dieses große und schwer zu lenkende Schiff. Sondern selbst Veränderung leben – und hoffen, dass andere es ihr gleich tun, weil ihr Anliegen überzeugt. "Transparenz" ist eines ihrer Schlüsselwörter. Sie fordert auf, Zustände wie Rassismus, Sexismus und Ausbeutung nicht zu beschönigen, nur um sie weiter aushalten zu können.

Veränderungen leben!

"Es gibt so viele Perspektiven wie es Menschen gibt", sagt Coel und sie werde das immer berücksichtigen und habe beschlossen so viele wie möglich einzubeziehen. Und: "Mutig genug sein, um meine eigenen Meinungen zu korrigieren, zu entdecken, dass sie nicht immer richtig sind."

"Misfists – Ein Manifest" ist kein Titel wie "Empört euch!" oder "Desintegriert euch". Michaela Coel ruft nicht aus, sie tritt in einen Dialog. Den Vortrag hat sie 2018 gehalten. Für die Buchfassung wurden eine Einleitung hinzugefügt und ein Epilog. Das ergibt 128 Seiten. Das wirkt nach drei Jahren dazwischen – gemessen am Erscheinen auf Englisch – doch etwas dürftig. Das wird dem Image, das Michaela Coel sich als Serien-Macherin erarbeitet hat – voranschreitend, eigensinnig – nicht gerecht. Immerhin ist der Inhalt dieser Rede noch immer aktuell. Eigentlich war sie an Fernseh-Macher gerichtet. Wenn sie jetzt bei uns Fernseh-Konsumenten liegt, auf dem Fernsehtisch womöglich – könnte auch das ein Fortschritt sein.

Michaela Coel: "Misfits". Aus dem Englischen übersetzt von Dominique Haensell. Erschienen im Ullstein Verlag

Ein Beitrag aus der Bayern 2-kulturWelt. Sie finden ihn hier zum Nachhören, den Podcast können Sie hier abonnieren.