Mental Load Warum Stress durch Kümmerarbeit immer größer wird

Den Corona-Alltag zu managen, ist für viele zum Dauerstress geworden – insbesondere für Frauen. Warum gelingt es nicht, die Familienarbeit gerecht zu verteilen? Die Ursache liegt weniger in der Pandemie und hat einen Namen: Mental Load. Kein Zufall, dass der Begriff seit dem vergangenen Jahr Karriere macht…

Von: Andrea Mühlberger

Stand: 24.03.2021

Ein gelbes Straßenschild, darauf eine Weggabelung mit den Richtungen Burnout und Balance | Bild: picture alliance / Zoonar / Thomas Reimer

Zufall oder nicht: Als die US-amerikanische Autorin Anne Tyler in den 70er Jahren ihren Essay "Still just writing" ("Ich schreibe nur") verfasste, tauchte auch der Begriff "Mental Load" erstmals auf. Er beschreibt Belastungen geistiger Art, die bei bestimmten Berufsgruppen für mentalen Stress sorgen. Anne Tyler beschreibt in ihrem Aufsatz den für sie schwer auszuhaltenden Spagat zwischen Family Work und ihrer Arbeit am Schreibtisch. Die Kraft, die sie aufbringen muss, um im Familienalltag Zeitfenster für ihre schriftstellerische Tätigkeit einzuplanen und ohne schlechtes Gewissen zu nutzen. Die Absurdität ihrer Doppelexistenz gipfelt in der Beschreibung eines Schulhof-Gesprächs, in dessen Verlauf sie von einer anderen Mutter gefragt wird, ob sie denn schon Arbeit gefunden habe oder immer noch nur schreibe? Tyler beantwortet die Frage mit ihrem Essay: "Still just writing".

Ein Dilemma mit vielen Facetten

Das Dilemma, das Anne Tyler skizziert, hat viele Facetten: Würde man einem schreibenden Kollegen diese Frage auch stellen? Warum wird eine kreative Tätigkeit wie das Schreiben nicht als vollwertige Arbeit anerkannt - insbesondere, wenn sie von einer Frau verrichtet wird? Warum muss Anne Tyler Schreibtischzeit opfern und das Kind von der Schule abholen – und nicht ihr Mann? Hat ihr Mann vielleicht sogar vergessen, das Kind rechtzeitig von der Schule abzuholen – wie es unserer Tochter kürzlich wieder passiert ist, als Mama in der Arbeit war und der Corona-gestresste Papa einen kurzen Blackout hatte? "Hättest du mich daran erinnert, dann wäre ich rechtzeitig an der Schule gewesen!"

Mit diesem "Giftsatz" sind wir beim Phänomen Mental Load im Hier und Jetzt angekommen, dem neuen Modewort, das gerne mit "unsichtbarer Denk- oder Elfenarbeit" umschrieben wird, und das seit dem vergangenen Jahr eine erstaunliche Karriere hingelegt hat: Auf einmal wissen sogar (manche) Männer, was Mental Load bedeutet, heißt es im Jahresrückblick der "Zeit" 2020 anerkennend. Wissen sie es wirklich?

"Mental Load bezeichnet die Last der alltäglichen, unsichtbaren Verantwortung für das Organisieren von Haushalt und Familie im Privaten, das Koordinieren und Vermitteln in Teams im beruflichen Kontext sowie die Beziehungspflege und das Auffangen der Bedürfnisse und Befindlichkeiten aller Beteiligten in beiden Bereichen."

Definition Mental Load

Durch Corona ist die mentale Last nochmal schwerer geworden

Mental Load (deutsch etwa: "psychische Belastung") heute meint die geistige Last, die nicht durch physische Tätigkeiten wie Putzen und Waschen entsteht, sondern durch Kopf- und Kümmerarbeit, die hauptsächlich im familiären Alltag anfällt: beim Organisieren von Aufgaben im Haushalt, von Kinderbetreuung oder von extra Events wie Geburtstagsfeiern oder Weihnachten. In Summe kann dieser Berg an Arbeit im Kopf zu einem derart schwergewichtigen Package werden, dass er einen an die Grenzen mentaler Belastbarkeit bringt. Im schlimmsten Fall wird die mentale "To-do-Liste" zur Einbahnstraße, die auf direktem Weg ins Burnout führt. Und weil sich in der Regel Frauen für diese "unsichtbare Elfenarbeit" verantwortlich fühlen, häufen sich in der Pandemie die Fälle von Frauen, die sich einfach nur noch ausgebrannt fühlen oder: "mental overloaded". Wie das konkret aussehen kann, hat die französische Comic-Zeichnerin Emma mit spitzer Feder in einer Grafic Novel verarbeitet – ein echter Augenöffner rund um die Mental Load-Problematik!         

Dass in Folge der Pandemie noch mehr Load-Material dazugekommen ist, das permanent mitgedacht werden muss, liegt auf der Hand: Hygiene-Vorschriften, Homeschooling bei gleichzeitigem Homeoffice, Lockdown-Regeln…Nur woran liegt es, dass viele selbst nach einem Jahr Corona keine Routine für den Alltag im Krisen-Modus entwickeln konnten, sondern die Belastung permanent zunimmt – insbesondere für Frauen und Mütter?

Wer zu Mental Load recherchiert, landet schnell beim Equal-Care-Day , einem Aktionstag, der alljährlich (am 29.2. bzw. 1.3.) an die fehlende Wertschätzung und unfaire Verteilung von Fürsorge-Arbeit erinnern soll: Mental Load gilt als eine Spielart von unbezahlter Kümmerarbeit – und wie der Schalttag am 29. Februar wird diese unsichtbare Care-Arbeit eben oft und gerne übergangen. Das belegen auf der Webseite entsprechenden Zahlen und Fakten, die für sich sprechen: "Weltweit übernehmen Frauen täglich mehr als 12 Milliarden Stunden unbezahlte Sorgearbeit (Oxfam-Studie 2020). Würden diese auch nur mit dem Mindestlohn bezahlt, wäre diese Summe 24 Mal größer als der Umsatz der Tech-Riesen Apple, Google und Facebook zusammen." – heißt es da.

Kümmerarbeit ist Kummerarbeit

Mentale Überlastung: Verantwortlich handeln bedeutet nicht, sich für alles zuständig zu fühlen.

Der Artikel verweist auch darauf, dass unser Bruttoinlandsprodukt um ein Drittel höher sein könnte, würden wir Care-Arbeit angemessen entlohnen. Nur fahren Unternehmen ganz gut damit, auf "freiwillige" Arbeit zu bauen, die unsichtbar und unbezahlt nebenher erledigt wird - Kümmerarbeit ist für Frauen leider in der Regel Kummerarbeit. Und das nicht nur in ökonomischer Hinsicht, also mit Blick auf den Einkommens-Gap oder den Gap bei der Rente: Was darüber hinaus auf der Strecke bleibt, ist die Wertschätzung. Denn dafür, dass sich Frauen freiwillig die ganze Verantwortung aufhalsen, bekommen sie oft nicht mal ein Dankeschön.

"Frauen liegt das Kümmern im Blut"                                  

"Frauen liegt das Kümmern im Blut", behauptet die Bloggerin Patricia Cammarata, die den Begriff Mental Load vor einigen Jahren bei uns in Deutschland bekannt gemacht hat und mit "Raus aus der Mental Load Falle" ein Standardwerk zum Thema geschrieben hat. Sie weiß, wovon sie schreibt. Auch bei ihr endete die To-do-Liste im Kopf, mit der sie als Mutter abends einschlief und morgens wieder aufwachte, im Burnout. Cammarata betrachtet Mental Load als strukturelles Problem und macht das Dilemma vor allem an fixen gesellschaftlichen Vorstellungen fest – wie "Die Mutter gehört zum Kind" – und schreibt: "Männer verzichten zugunsten ihrer Karriere im Zweifelsfall auf eine enge Beziehung zu ihren Kindern, können sich gleichzeitig aber darauf verlassen, dass die Kinder liebevoll umsorgt sind. Und zwar von den Frauen, die ja ohnehin 'von Natur aus' zum Kind gehören und deswegen zu Hause bleiben und den Männern den Rücken frei halten." Umgekehrt sei das aber nicht so: "Frauen, die Karriere machen, müssen sich in der Regel wirklich um die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie kümmern. Sie haben vielleicht Männer, die ihre Karrierebestrebungen unterstützen, das heißt aber in den allerwenigsten Fällen, dass die Männer dann wirklich Hausmänner werden."

Nur ein Drittel der Männer und Frauen trauten sich, aus den Rollenklischees auszubrechen. Grund seien noch immer tief verankerte Glaubenssätze, die es weiter allen schwermachten. 

"Erschöpfung durch Mutterschaft" – selbstgemacht?

Und so geht die "Erschöpfung durch Mutterschaft", wie es die feministische Autorin Teresa Bücker nennt, mit bleischwerer Härte weiter, vererbt sich durch das Kümmerverhalten, das Mütter ihren Töchtern und Söhnen vorleben, weiter von Generation zu Generation. Und setzt durch die Pandemie natürlich noch eins drauf. In ihrem SZ-Beitrag "Ist es radikal, sich die Gedankenarbeit zu teilen?" vertritt Bücker die These, dass es Frauen, die für intakte Beziehungen oder Happy-Family-Ideale Selbstausbeutung in Kauf nehmen, vor allem um Anerkennung gehe, geleitet durch falsche Vorstellungen von der Super-Mom und perfekten Ehefrau. Bilder, die durch Selbstinszenierungen und Do-It-Youself-Tutorials in den Social-Media-Kanälen noch befeuert werden. Ein Teufelskreis, denn je mehr solche Frauen versuchen, durch unsichtbare Kümmerarbeit aufzufallen, desto anstrengender wird die Sache natürlich! Bücker plädiert dafür, sich vor allem darüber Gedanken zu machen, "welche Formen der Anerkennung…uns wirklich Sicherheit in der eigenen Rolle geben?" Das sei Gedankenarbeit, die sich lohne. "Denn sie ist eine Voraussetzung dafür, die verinnerlichte Unterdrückung zu verlassen und frei zu leben."

Wenn die mentale Packung zu schwer wird

Was sich dagegen weniger auszahlt: Gedankenarbeit, die durch die permanente Beschäftigung mit der optimalen Alltagsorganisation entsteht. Wer hier das Gefühl hat, die mentale Ladung wird immer schwerer und schwerer, sollte vielleicht mal mit einem Selbst-Test beginnen. Und sich dann Zeit nehmen für eine echte Umverteilung der familiären und häuslichen Aufgaben: Dabei geht es nicht ums Anschaffen, Erinnern und Helfen, sondern darum, Verantwortung für den ganzen Prozess an andere abzugeben. Und dann auch loszulassen und sich entspannt zurückzulehnen.              

Literatur zum Thema:

Patricia Cammarata: "Raus aus der Mental Load Falle. Wie gerechte Arbeitsteilung in der Familie gelingt", Beltz Verlag, Juni 2020, 18 Euro

Laura Fröhlich: "Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles! Was Eltern gewinnen, wenn sie den Mental Load teilen", mit Illustrationen von Helke Rah, Kösel Verlag, Juni 2020, 16 Euro