Schriftstellerin Meena Kandasamy Miss Militancy

Ihr Furor ist radikal: gegen häusliche Gewalt, Repression, Ausbeutung und das Kastenwesen. Meena Kandasamy, eine Dichterin von poetischer Wucht, eine kämpferische Feministin und Kritikerin der politischen Zustände in Indien.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 29.06.2020 | Archiv

Die Schriftstellerin und Aktivistin Meena Kandasamy | Bild: Teri Pengilley

Wer dachte, Arundhati Roy sei die streitbarste Autorin Indiens, für Demokratie und Menschenrechte, gegen die Unterdrückung von Frauen und das Kastendenken, der kannte Meena Kandasamy nicht, die Amazone aus Tamil Nadu, Indiens Südosten. Keine "Ms Angenehm", sondern "Ms Militancy", wie sie ein Gedicht nennt und ihren Lyrikband, in dem sie gegen das Patriarchat zu Felde zieht, gegen Ausbeutung, Gewalt und eine Massenvergewaltigung:

"Männer haben Angst vor jeder Frau, die Poesie und gefährliche Omen macht. Unfähig vorherzusagen, wann, wozu und für wen sie ihren Mund aufmacht, nicht im Stande, ihre Lippen zuzunähen, bringen sie sie zum schweigen. …"

(Aus: "Fräulein Militanz", Gedichte, Verlag Das Wunderhorn 2014)

"Manchmal denke ich, ich schreibe vor allem, weil wir in einer ungerechten Gesellschaft leben, die Themen müssen einfach angesprochen werden", sagt die Schriftstellerin. "Gang Rape", "Orgiastisch", "Prüfender Fick" betitelt sie ihre Gedichte. "Komm. kolonisier mich. kriech in die Höhlen meiner Landschaft" schreibt sie, glasklar und furchtlos und weiß: "Wenn Sie als Frau unverblümt reden oder eine freimütige Feministin sind, ist es wichtig in der männlichen Agenda, Sie zu zähmen oder brechen. Vielleicht ist das für Männer ein noch größerer Kick."

Unmöglich, Meena Kandasamy zu zähmen. Mit Leidenschaft und Empathie, persönlicher Erfahrung, analytischer Schärfe und poetischer Wucht fegt sie wie ein Hurrikan durch patriarchale, feudale, koloniale Strukturen, benennt Gewalt gegen Frauen, das Unrecht des Kastenwesens, die Ausbeutung der Ärmsten. "Ich denke, ein Großteil meiner Arbeit ist ein Nachdenken über Gewalt, ich will Gewalt verstehen", sagt sie und stürzt Ikonen vom Sockel: Ghandi etwa, den Friedensbringer, der das Kastensystem zementierte.

Schockierende Autofiktion

Meena Kandasamy, 36, schön, promovierte Linguistin, Übersetzerin von Dalit-Autoren, sogenannten "Unberührbaren". Heute lebt sie in London. Geboren ist sie im einstigen Madras, dem heutigen Chennai. Der Vater: Sohn eines Nomaden-Stamms, mit der Tradition von Medizinmännern und Bettlern, schaffte, trotz aller Widrigkeiten, eine akademische Karriere. Die Mutter, eine Shudra, also aus der untersten Kaste kleiner Handwerker und Tagelöhner, wurde Mathematikerin. Zwei Akademiker, aber als Außenseiter im rigiden Kastensystems über Jahrzehnte beruflich ausgebremst, ungeachtet ihrer wissenschaftlichen Forschungen und Publikationen. Diese lebenslange Diskriminierung ist eine Quelle für den Furor der Tochter: "Ich sah die Verwüstungen des Systems, wie es die beiden Menschen brach, die ich am meisten liebe. Meine Eltern benannten das Unrecht, das ihnen geschah. Mein Ansatz ist, man muss das ganze System bekämpfen."

"Schläge. Porträt der Autorin als junge Ehefrau" heißt Meena Kandasamys neuer Roman, virtuose, sprachmächtige, atemraubende, schockierende Autofiktion. Die Geschichte einer jungen Tamilin aus Chennai, dem früheren Madras; aufgewachsen in der Mittelschicht, klug, studiert, erzogen mit sozialistischen Ideen, "rotem Blut", heißt es. Glücklos verliebt in den Professor, einen bekannten Politiker, flüchtet sie in den vermeintlich sicheren Hafen der Ehe mit einem Dozenten und Revolutionär und erlebt alle Stufen einer Ehehölle: Erst isoliert er sie, kündigt ihren Facebook-Account und kontrolliert jeden Kontakt, dann beschimpft und schlägt er sie, schließlich droht er mit Mord. Gewalt, zeigt Meena Kandasamy, ist kein "Privileg" der Unterschicht. Die junge Frau ist unfähig sich zu wehren, die Ehe heilig und ewig in Indien. Die Eltern versagen aus Scham, die junge Ehefrau schweigt aus Angst vor Stigmatisierung, die Polizei sympathisiert mit dem Mann, ein anerkannter Akademiker. Meena Kandasamy weiß, wovon sie schreibt: "Dieses Patriarchat ist nur kultivierter, aber im Kern ist es, was es ist: Frauenfeindlichkeit, toxische Männlichkeit."

Die Küche als Todesfalle

Auch in Indien gibt es Gesetze gegen Gewalt, Missbrauch und horrende Mitgiften. Alltag sind trotzdem: Kinderehen, die Knechtschaft der Väter, die sich für die Mitgift einer Tochter lebenslang verschulden, und die berühmten "kitchen accidents", bei denen junge Schwiegertöchter in der Küche verbrennen. Mittelalterliche Zustände im erfolgreichen "Shining India". Die moderne IT-Indien existiere Seite an Seite mit dem ländlichen, dem Indien der Mittelschicht und der Reichen, Frauenmord gebe es überall, sagt die Feministin, "oft wird die Polizei zum Komplizen, und so ein Fall ähnelt ja auch einem Selbstmord. In gewisser Weise wird die Küche zur Todesfalle. Die Lage ist besser geworden, aber in den letzten Monaten gab es wieder Berichte über Kindermorde an Mädchen in Indien, es scheint nicht zu stoppen."

Alle 90 Minuten wird in Indien eine Frau verbrannt. Meena Kandasamy benennt das. Aber ein Roman wie "Schläge" ist kein Sozialreport, sondern poetische Prosa, die den Schreibprozess reflektiert. Im Roman erfindet sich die geschlagene Ehefrau als Filmregisseurin neu, als könne sie so den Gang der Handlung bestimmen. Immer wieder wendet sich die Autorin in ihren Romanen und Gedichten direkt an ihre Leser*innen, bezieht sie ein, bittet sie um Rettung in vertrackter Lage, hinterfragt Instrumente des eigenen Schreibens, wütet gegen despotische Barden und gegen "Alliteration unter der Achselhöhle". Sie wagt Exkurse über juristische Sanktionen gegen ihr Schreiben, schlägt Haken wider alle Lesegewohnheiten, öffnet, wie eine Handwerkerin, ihren Werkzeugkasten als Autorin und ist überzeugt: "Schreiben verrät, wer man ist, woher man kommt, es verrät, ob man über die Macht schreibt oder Teil der Macht ist."

Literarische Rebellion

Alle Bücher Meena Kandasamys sind Rebellionen, radikal und schonungslos. Alle schrieb sie nicht in ihrer Muttersprache Tamil, eine der ältesten Sprachen Indiens, heute gesprochen von über 85 Millionen Menschen. Meena Kandasamy ist stolz auf diese Tradition, aber sie sieht, auch in Tamil Nadu, mit seiner kommunistischen Geschichte, herrschen Frauenverachtung, Ausbeutung, Kastenhierarchie. Sie schreibt auf Englisch und sagt: "Ich denke, diese Version von Meena Kandasamy kann im Tamilischen nicht existieren. Manchmal habe ich das Gefühl, buchstäblich davonzulaufen und in einer anderen Sprache Zuflucht zu suchen.

Im Roman "Reis und Asche" erzählt Meena Kandasamy von einem Massaker in Kilvenmani, Südindien. Am Weihnachtstag 1968 brannten Schlägertrupps das Dorf in Tamil Nadu nieder und ermordeten ganze Familien. Hungernde, land- und rechtlosen Tagelöhnern hatten für ihre Fron eine halbe Portion mehr Reis als Lohn gefordert und sich mit Kommunisten verbündet. Sie hissten die rote Fahne hissen und widerstanden aller Einschüchterung. Die "Strafaktion" im Auftrag der Grundbesitzer wurde zum "Mördergang" von Schlägertrupps, Hütten brannten, 44 Menschen, auch Frauen und Kinder, wurden bestialisch ermordet, die Polizei schaute zu, die Justiz versagte, vom Staat kam keine Hilfe. Meena Kandasamy zeigt in "Reis & Asche" politischen Widerstand als literarisches Szenario. Sie gibt den Opfern eine Stimme, hört zu, mixt Augenzeugenberichte, Briefe, Fiktion und Realität, hinterfragt postmodernes Erzählen und klagt an: Politiker, NGOS und Parteigenossen, Grundbesitzer, Journalisten, die Lügen der Medien und des Kinos. Der Roman ist ein furioses Epitaph für die Opfer, aber selbst hier klingt, wie schon in den Geschichten und Gedichten über Mißbrauch, Humor an, beißende Ironie und Selbstironie der Autorin: "Hinter all dem Gelächter liegt immenser Schmerz, als würde man ihn mit einer Decke verhüllen.

Der Premier und seine Kritiker

Lange schien in Indien mit seinen fünf Weltreligionen, 24 Landessprachen, tausenden Ethnien eine friedliche Koexistenz möglich, trotz hinduistisch-muslimischer Konflikte und kommunistischer Aufstände militanter Naxaliten. Seit 2014, seit mit Narendra Modi ein Hindu-Fundamentalist Premierminister wurde, spitzt sich die Lage zu.

Im Westen ist Modi willkommen als Geschäftspartner, zu Hause spaltet er sein Land. Die Gewalt eskaliert landesweit. Oppositionelle Dalit, wie sich die ehedem "Unberührbaren" nennen, und drei kritische Akademiker wurden ermordet. Mit Hilfe des Anti-Terror-Gesetzes und unter dem Verdacht eines geplanten Anschlags auf Narendra Modi, startete vor zwei Jahren eine landesweite Verhaftungswelle gegen kritische Intellektuelle. Unter den elf Festgenommenen: Varavara Rao, ein revolutionärer Poet - mit 81 Jahren. Sein Antrag auf Freilassung gegen Kaution - abgewiesen. Covid 19 verbreitet sich im Gefängnis, die Häftlinge sitzen in der Falle. Draußen veranstaltet die Polizei Razzien, sagt Meena Kandasamy: "Freunden von mir wurden die Computer entrissen. Anfangs waren elf Leute in Haft, jetzt wächst die Zahl, es ist wie eine Hydra. Und das ist nur ein Beispiel für das, was gerade passiert."

Covid 19, der magische Schlüssel

Konfliktstoff wurden Ende letzten Jahres drei Gesetze, die die indische Staatsbürgerschaft neu regeln, die Staatsbürger zählen sollen und von Bürgern den Nachweis fordern, wirklich auf indischem Boden geboren zu sein. Aber viele arme Familien, vor allem Muslime, haben keinerlei Dokumente. Offiziell soll dieser Citizen Amendment Act CAA Wirtschaftsflüchtlinge aus Bangladesh ausmachen. Tatsächlich ist das Gesetz anwendbar auf alle Muslime, sagen Kritiker wie Meena Kandasamy. Sie würden damit zu "doubtful citizens", ihre Staatsbürgerschaft könnte angezweifelt werden, und das bedeute ihre Einweisung in Lager und ihre Ausweisung. Das Ziel: das multireligiöse Indien zum Hindu-Staat machen, Hindus als Wähler-Mehrheit für Modi.

Zugleich wächst die Kluft zwischen Arm und Reich. Tagelöhner und Arbeiter haben wegen Corona ihre Existenzgrundlage verloren und können in den Städten nicht überleben. 400 Millionen Wanderarbeiter sind auf dem Weg zurück in ihre Dörfer. Und niemand kümmert sich, wovon und wie sie dort leben werden. Covid 19 habe die Lage noch verschärft, sagt Meena Kandasamy. Das Virus wirke wie ein magischer Schlüssel, mit dem sich nun, im Lockdown, jegliche Zusammenkunft von Menschen und damit jeder Protest unterbinden lasse. Das erinnere sie an "Section 144" und an das Versammlungsverbot, das die Briten einst in Indien verhängten, um den Protest der Inder zu unterbinden: "Section 144 gab der Polizei eine Machtfülle, mit der sie alles hinwegfegen konnte. Da befinden wir uns jetzt, in einer Lage, die an den Ausnahmezustand erinnert."

Irgendwann werde sie über all das schreiben, sagt Meena Kandasamy, Dichterin, Feministin, Aktivistin und eine erfolgreiche indische Schriftstellerin in London. Derzeit damit beschäftigt, Unterschriftenlisten zu sammeln, Proteste zu unterstützen, auch über Social Media:

"Manchmal muß man seine Bücher für eine Weile einpacken. Ich dachte nicht, dass es so bald sein würde, aber jetzt sieht es ganz danach aus."