Leistet "radikalen, rechten Kräften Vorschub" Präsidium des Zeitungsverlegerverbands bestätigt Döpfner

Richard Rebmann, der frühere SWMH-Chef und BDZV-Vizepräsident, äußert scharfe Kritik an Mathias Döpfner und wirft ihm vor, "radikalen, rechten Kräften Vorschub" zu leisten. Jetzt hat das Präsidium des Verbandes nach langen Gesprächen beschlossen, Döpfner im Amt zu lassen. Es gebe keinen Grund, die sehr erfolgreiche Arbeit des Präsidenten Mathias Döpfner in Frage zu stellen. Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 24.11.2021 | Archiv

Springer-Vorstand Mathias Döpfner auf dem BDZV-Kongress 2017 | Bild: picture alliance / Marijan Murat/dpa

Der Ton war scharf: "Mit seinen Äußerungen hat Herr Döpfner leider radikalen, rechten Kräften Vorschub geleistet, die von einer gelenkten Presse ausgehen." So Richard Rebmann, bis 2018 Chef der Verlagsgruppe SWMH (Südwestdeutsche Medien Holding GmbH) und Vizepräsident des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger. In der Wochenzeitung "Kontext" äußerte der 63-jähirge Jurist: "Der BDZV hat die Aufgabe, die Unabhängigkeit der deutschen demokratischen Verlage zu wahren und das Ansehen der Verlage zu fördern. Ob Herr Döpfner diesem Anspruch noch gerecht werden kann, müssen er selbst und die Mitglieder entscheiden. Ohne klare Distanzierung von seinen Aussagen fällt es mir schwer zu glauben, dass Herr Döpfner weiterhin Präsident des BDZV bleiben kann."

Und die anderen Verleger? Blieben erschreckend ruhig. Immerhin hatte Döpfer, Präsident des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger, sie in einem privaten Chat als "Propaganda-Assistenten" verunglimpft. Das Online-Magazin "Übermedien" bat daraufhin acht Verlage um eine Stellungnahme. Nur Christoph Rüth von der Funke Mediengruppe hat darauf geantwortet: "Die Formulierung 'Propaganda-Assistenten' für die Mehrheit der JournalistInnen sei 'völlig unpassend' und dem Amt eines BDZV-Präsidenten 'nicht angemessen'". Fürchten sie die Macht des Springer-Chefs? So sehr, dass sie sich nicht trauen, entschieden Döpfners Polemik entgegenzutreten? Wie auch immer, der Verband ließ sich einen Monat Zeit, bis endlich die Causa Döpfner verhandelt wurde - Dringlichkeit sieht anders aus. Heute endlich tagte das Präsidium des Verbandes. Und beschloss nach langen Gesprächen, was zu tun? Nichts zu ändern! Es gebe keinen Grund, die sehr erfolgreiche Arbeit des Präsidenten in Frage zu stellen. Da fragt sich schon, wie die Zeitungsverleger Erfolg definieren.

Döpfner hielt lange die Hand über Reichelt

Der Reichelt-Bild-Skandal wurde mehr und mehr zu einem Döpfner-Skandal. Es begann damit, dass New York Times und Spiegel eine private SMS Mathias Döpfners veröffentlichten. Darin verkündete er vollmundig: Reichelt sei "halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR Obrigkeits-Staat aufbegehrt. Fast alle anderen sind zu Propaganda-Assistenten geworden." Stuckrad-Barre, an den Döpfner sein Eloge auf Reichelt geschickt hatte, tat in der rbb-Sendung "Chez Krömer" so, als habe er von der ganzen Aufregung nichts mitbekommen.

Eine hoch interessante Aussage. Denn damit macht Döpfner klar, was er vom deutschen Journalismus hält, auch von der Arbeit vieler Kolleginnen und Kollegen im eigenen Haus: Sie sind Blockflöten, wie es in der DDR hieß. Willfährige Nachbeter der Regierungsentscheidung. Das klingt so, als sei Döpfner regelmäßiger Besucher von Querdenken-Veranstaltungen. Selbst dem Springer-Konzern wurde das zu viel. Man sah sich genötigt, sich gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters zu erklären. Für Döpfner sei das heutige Deutschland keine zweite DDR: "Das wäre komplett absurd und sollte für jeden offenkundig sein, der den publizistischen Äußerungen von Döpfner folgt." Als jedoch die Kritik nicht abriss, entschuldigte sich Döpfner dann doch: "Wenn der Ruf der Branche, des BDZV und insbesondere des Präsidentenamts in dieser Woche hierdurch Schaden genommen haben, bedauere ich dies persönlich zutiefst." Von einem Fehler, von einem eklatanten Missgriff steht in seinem Entschuldigungsschreiben nichts. Nach wirklicher Einsicht klingt das nicht. Auch nicht nach der klaren Distanzierung, die Rebmann gefordert hat.

Ein Journalist, der Demokratie und Diktatur nicht unterscheiden kann 

Darauf deutet auch, dass diese medienkritische Äußerung keineswegs allein steht. 2017 hatte Döpfner das Internetangebot der öffentlich-rechtlichen Sender auch schon in die Nähe einer Diktatur gerückt: "Nur Staatsfernsehen und Staatspresse im Netz – das wäre eher etwas nach dem Geschmack von Nordkorea." Was aber ist aber von jemandem zu halten, der in seiner Funktion als Chef eines großen Verlags und als Präsident des Bundesverbandes Digitalpublisher und Zeitungsverleger wiederholt nicht im Stande ist, Demokratie von Diktatur zu unterscheiden? 

Die jetzt bekannte polemische Aussage wirft ein anderes Licht auf den Streit zwischen Christian Drosten und Julian Reichelt. Der hatte eine Kampagne gegen den Virologen in Gang gesetzt, um Schluss zu machen mit der "Heiligenverehrung". Die angeblichen Drosten-Kritiker, die die Bild zitiert hatte, distanzieren sich aber von den Artikeln. Das heißt, Bild fischte in rechten Gewässern, machte sich zum Mitteilungsblatt der Querdenkerbewegung. Und Döpfner deckte das.   

Stinkt der Konzern vom Kopf her? 

Der Schock über das Ausmaß der Verfehlungen von Reichelt war groß – Machtmissbrauch, Mobbing, junge Mitarbeiterinnen als Freiwild angesehen zu haben, die er mit Geld und Aufstiegschancen geködert haben soll, mit ihm ins Bett zu gehen. Jetzt wird aber deutlich, dass der Bild-Chef nicht allein das Problem war. Richtig ist: Mathias Döpfner hat Springer durch die Medienkrise zu einem profitablen Konzern umgebaut. Der sich gerne so kunstsinnige gebende Mann, auf dessen Feiern Spitzen-DJ auflegen, hat, erkennt aber offenbar die Zeichen der Zeit nicht mehr. Auch nachdem #metoo und der Skandal um den Fox-Chef Roger Ailes ein weltweites Umdenken hervorgerufen hatte, hielt er es im März für ausreichend, Julian Reichelt nur für ein paar Tage freizustellen – obwohl mehrere Springer-Mitarbeiterinnen heftige Vorwürfe gegen den damaligen Bild-Chef erhoben hatten. Selbst als das Ausmaß der Vorwürfe durch die Spiegel- und Ippen-Recherchen bekannt geworden war, behauptete Döpfer in einem Video, im Haus habe man davon nichts gewusst. Und stellte das Ganze als Intrige von ehemaligen Bild-Mitarbeitern dar: "Die Motive waren sehr klar, es ging darum, Reichelt wegzubekommen." Einsicht in eigene Versäumnisse sieht anders aus. Und statt sich selbst endlich um Aufklärung zu bemühen, verschickten Springers Anwälte lieber, wie der Spiegel berichtet, Schreiben mit Unterlassungserklärungen.

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Videobotschaft von Mathias Döpfner, 20. Oktober 2021 | Bild: Axel Springer SE (via YouTube)

Videobotschaft von Mathias Döpfner, 20. Oktober 2021

Das macht deutlich, Döpfners Blick reichte keinen Millimeter über den Agenda-und-Polarisierungsjournalismus von Bild hinaus. Im Gegenteil: Er offenbarte eine verzerrte Wahrnehmung unserer Gesellschaft, wie wir sie sonst nur von Aluhut-Trägern kennen. Wie lange ist so jemand als Präsident des Verlegerverbandes noch tragbar, so fragten sich viele. Wie es aussieht, bis in alle Ewigkeit - das war heute zu lernen. Aber was sagt das über den Zustand dieses Branchenverbands aus? Nichts Gutes. Die Macht des Springerkonzerns verhindert offenbar jede Kritik. Für die Zeitungsverlage ein Armutszeugnis.