Meinung: Gegen Sprachbereinigung Ist der Mohr das neue M-Wort?

Auch das gehört zu der großen Diskussion, die wir alle in den letzten Wochen führen: Müssen wir wirklich die Mohrenstraßen und Mohrenapotheken umbenennen? Oder verkennt das die Geschichte dieser Bezeichnung?

Von: Knut Cordsen

Stand: 09.07.2020

Köln: Blick auf das Straßenschild "Mohrenstraße", das Wort "Morhen" wurde mit Filzstiften bearbeitet | Bild: picture alliance/Rolf Vennenbernd/dpa

"Den Esel kennt man bei den Ohren, am Angesicht den Mohren und bei den Worten den Toren." So lautet ein altes Sprichwort. Man hört es heute kaum noch. Vermutlich aus demselben Grund, der manche beim Anblick einer Berliner U-Bahnhaltestelle namens "Mohrenstraße" oder eines Hotel-Namens wie "Drei Mohren" zurückschrecken lässt. In Augsburg gibt es eine Herberge dieses Namens und das ist eine Bezeichnung, die in den Augen sich sprachkritisch gebender, wachsamer Zeitgenossen mindestens kolonialistisch, ja sagen wir’s geradeheraus: rassistisch ist.

Die Gefahr ist groß, es für einen Kalauer zu halten, aber es ist wahr und war ernst gemeint: Im vorvergangenen Jahr forderte die Jugendgruppe von Amnesty Augsburg die Umbenennung dieses Hotels in "Drei Möhren". Manch einer wird noch diesen etwas in die Jahre gekommenen Häschen-Witz kennen:
Häschen kommt in eine Apotheke und fragt: "Hattu Möhren?" Der Apotheker verneint. Am nächsten Tag kommt Häschen wieder und fragt: "Hattu Möhren?" Wieder muss der Apotheker verneinen. Das Spiel wiederholt sich ein paar Mal. Nach einigen Tagen schließlich hängt der Apotheker entnervt ein Schild ins Schaufenster: "Möhren ausverkauft". Häschen kommt in die Apotheke und stellt triumphierend fest: "Hattu doch Möhren gehabt ..."

Warum derlei erzählen? Nun, weil im 2018 nicht nur das "Drei Mohren", sondern viele der knapp hundert "Mohren-Apotheken" bundesweit aufgefordert worden sind, ihre Geschäfte umzubenennen. Mit der Begründung, das Wort "Mohr" sei negativ besetzt, ja: rundheraus diskriminierend. (Weshalb ja auch der "Mohrenkopf" im allgemeinen Sprachgebrach durch den "Schokokuss" ersetzt worden ist.) Das ist zunächst mal eine Unterstellung. Genauso gut kann man das Gegenteil behaupten: Dass der Mohr positiv konnotiert ist, also alles andere als das, was politisch Überkorrekte vermutlich analog zum "N-Wort" ein "M-Wort" nennen würden. Ist doch in alten Schriften gern vom "schönen Mohr" die Rede.

Zum Beispiel schreibt 1788 die "Augspurgische Ordinari Postzeitung von Staats-, gelehrten, historischen und ökonomischen Neuigkeiten" von einem "schönen Mohr", der dazu noch sehr sprachbegabt ist. Er spricht nämlich vorzüglich Französisch. Abgesehen davon, Mohren-Apotheken heißen so, weil der Mohr sich vom Mauren ableitet - und diese Nordafrikaner hatten einen großen Einfluss auf die europäische Heilkunde und Pharmazie. Es ist also viel eher Ehrbezeigung als Herabsetzung, die sich im Namen "Mohren-Apotheke" ausdrückt. 

Sich besonders gewissenhaft dünkende, dabei aber vor allem voreilige Sprachwächter halten es, wenn sie die Abschaffung solcher Apotheken-Namen fordern, offenbar mit Schiller und denken: "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen." Leider ist das ein falsches Zitat. In Wahrheit sagt Muley Hassan in Friedrich Schillers Drama "Verschwörung des Fiesco zu Genua" nämlich: "Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen." Man muss schon die Original-Texte kennen. Und darf auch an Karl Marx denken. Der dunkelhäutige Philosoph hatte kein Problem damit, den Kosenamen Mohr zu tragen. Marx ließ sich von seiner Familie und seinem Freund Friedrich Engels so nennen.