"Winterrezepte aus dem Kollektiv“ Gedichte der Nobelpreisträgerin Louise Glück

Sie findet wunderbare, sinnliche Bilder für ihre großen Themen: Abschied umd Vergänglichkeit. Jetzt ist der jüngste Geichtband von Louise Glück, die 2020 den Literaturnobelpreis erhielt, erschienen. Ein Alterswerk, leise und klug.

Von: Beate Meierfrankenfeld

Stand: 20.01.2022 14:52 Uhr

Die US-amerikanische Lyrikerin und Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück steht hinter Zweigen eines Busches.  | Bild: dpa/Bildfunk_Daniel Ebersole

Es ist eine mühsame Arbeit: Die Männer sammeln Moos im Wald, tagelang, und tragen es in schweren Säcken nach Hause. Die Frauen fermentieren es und legen es mit Senf und Kräutern auf "Winterbrote", um sie auf dem Markt zu verkaufen. Und das "hübscheste Moos" bekommen die kleinen Bäume, die das Kollektiv sich hält, die Bonsais.

"Und wie traurig wir waren, wenn einer starb, / und sie sterben wirklich, obwohl man sie / aus der Natur entfernt hat; alle Dinge sterben einmal."

Louise Glück in Winterrezepten

Archaisches und Gezähmtes

Abschied und Vergänglichkeit sind allgegenwärtig im neuen Gedichtband von Louise Glück. In verhaltener Trauer – und in einer Art abgeklärtem Trotz, auch die Notzeiten bestehen zu wollen: An den titelgebenden "Winterrezepten" hält die Stimme dieser Verse sich für einen kleinen vierteiligen Zyklus fest, denn: "Im Frühling / kann jeder ein feines Mahl zubereiten."

Louise Glück verbindet Archaisches wie die Nahrungssuche im Wald mit Motiven einer gezähmten, von sich selbst entfremdeten Natur wie dem Bonsai. In einer weiteren Gruppe von vier Gedichten geht die Sonne draußen unter, das Ich betrachtet das Dunkel unterdessen auf einer Leinwand im Kunstunterricht, zusammen mit einem Lehrer, der von sich behauptet, seit Jahren blind zu sein. Eine Szene aus der Kindheit zu malen, so lautet die Aufgabe, und während das Porträt eines Hundes misslingt, könnte es ein starkes Bild ergeben, die Mutter zu den "verzerrten Möbeln" zu stellen – "stark und voll böser Vorahnung", wie es heißt.

Die Ahnungen der Vergangenheit sind die Erinnerungen der Gegenwart: Die subjektive Lebensspanne, die Glücks Gedichte ausmessen, ist die zweite Zeitebene des Bandes neben der halben Ewigkeit, für die Moose, eisbedeckte Berge und Treibholz stehen. "Es lebt niemand mehr, der sich an mich als Baby erinnert", so die nüchterne Feststellung im Gedicht "Nachtgedanken", gefolgt von der Frage: "War ich ein braves Baby? Ein böses?" Als Begleiterin des Ichs taucht immer wieder die Schwester auf – und wenn beide auf ihrer Lieblingsbank vor dem Seniorenheim sitzen und Gin trinken, den die Krankenschwestern für Wasser halten, wird der lakonische Ton zur freundlichen Ironie, zu altersmilder Komik fast. Ein späteres Gedicht, "Herbst", nimmt die Szene mit den Schwestern auf der Bank noch einmal auf: "Der Geruch von brennendem Laub. / Alte Leute und Feuer, sagte sie. / Das geht nicht gut. Sie fackeln ihre Häuser ab."

Der Rhythmus der freien Verse ist vorsichtig, wandernd, wechselnd, manchmal werden sie beinahe zur lyrischen Erzählung: Unter dem Titel "Die Verleugnung des Todes" wird von einem verlorenen Reisepass berichtet, von einem Nachtlager im Hotelgarten, Kellnern, die Essensreste bringen, einem Concierge, der mit einer Decke aushilft und später zum Weisen des Zeitvergehens wird – noch so eine Begleitergestalt. Solche Passagen sind parabelhaft, leicht kafkaesk, in anderen werden die Zeilen kürzer und strophenartiger. "Tag und Nacht kommen / Hand in Hand wie ein Junge und ein Mädchen / und halten nur ein, um wilde Beeren aus einer Schale zu naschen / bemalt mit Bildern von Vögeln."

Ein Alterswerk, leise und lebensklug

Der neue Band von Louise Glück ist ein Alterswerk, leise und lebensklug. Es fehlt den Gedichten dadurch jedoch an Intensität. Die Bilder halten trotz ihrer sinnlichen Qualitäten eine seltsame Distanz, die Emotion wirkt gedämpft, der Ausdruckswille zurückgenommen. Zudem überzeugt die Übersetzung nicht ganz, die Uta Gosmann besorgt hat, selbst Lyrikerin, in Deutschland geboren und in den USA lebend. Die geschmeidigen Verknappungen des Englischen zu übertragen, ist nicht leicht – das lässt sich an der zweisprachigen Ausgabe gut nachvollziehen – Gosmann aber wählt immer wieder allzu umständliche Wendungen. Aus "hard to see in the darkness" wird dann "springt im Dunkeln nicht gleich ins Auge", aus "clearly" wird "zweifelsohne".

Und das "Kollektiv", das Louise Glück in den Titel ihres Bandes geschrieben hat – zunächst auch so ein sperriger Ausdruck? Es lässt sich sehr viel weiter deuten als in Bezug auf die fremde Kommune, die ihre Winterbrote zum Markt trägt. Im Werk dieser Dichterin spielt ein existenzielles Eingebundensein eine wichtige Rolle. Dafür stehen Gemeinschaften und Verbindungen zwischen Menschen, aber auch zwischen Mensch und Natur. Im früheren Band "Wilde Iris", erschienen 1992 und ausgezeichnet mit dem Pulitzerpreis, gab Glück Pflanzen eine lyrische Stimme – und lässt einen Blaustern sagen: "Nicht ich, du Idiot, nicht das Selbst, sondern wir, wir – Wellen / von Himmelsblau wie / eine Kritik des Himmels".

Alles ist mit allem verbunden: Das ist bei Louise Glück kein simpler Trost, nimmt ihren Gesängen von Ende und Sterblichkeit aber den scharfen Schmerz. Und macht wohl die hingegebene Melancholie dieser Verse aus.

Louise Glück, „Winterrezepte aus dem Kollektiv“, Gedichte, aus dem Amerikanischen von Uta Gosmann, 80 Seiten, Luchterhand, 16,00 Euro