Meinung Kulturnation ohne Lobby

Ein Monat keine Kultur. Mindestens. Kinos, Theater und Museen schließen – aber H&M darf aufbleiben? Hat die Kultur keine Fürsprecher*innen?

Von: Martin Zeyn

Stand: 29.10.2020 | Archiv

Zusammengestellte Absperrgitter vor der bayerischen Staatsoper in München | Bild: Peter Kneffel/dpa

Alles wieder zu. Für mindestens vier Wochen kein Kino, Theater, Museum, Konzert. Es geht um den Schutz von Leben, aber was unterscheidet einen Klamottenladen von einem Museum? Wieso darf H&M aufbleiben, die Pinakotheken nicht? Seit Monaten gewähren viele Museen (oft nur nach Voranmeldung) einer klar begrenzten Zahl von Besucher*innen den Zugang. Die sorgsam ausgearbeiteten Hygienekonzepte der Kultureinrichtungen funktionieren. Bisher ist keine Infektion dort nachgewiesen worden. Wieso sind die einen also potenzielle Infektionsherde, die anderen aber nicht? Woher die Ungerechtigkeit in der Behandlung, wenn doch die Ausgangsbedingungen vergleichbar sind: Menschen, die sich in einen abgeschlossenen Raum begeben.

Deutschland ist mittlerweile eine Dienstleistungsgesellschaft, aber immer noch glauben viele, nur die Produktion von Waren schaffe Wohlstand. Dem Bruttosozialprodukt ist es aber schnuppe, ob ich 40 Euro für eine Konzertkarte oder für ein Hemd bezahle. Bei den Erläuterungen von Merkel und Söder am Mittwochabend bekam man den Eindruck, Kultur sei schön, aber niemand brauche sie zurzeit. Aber wer braucht unbedingt ein neues Oberhemd gerade? Natürlich muss das Infektionsgeschehen eingedämmt werden – aber dann mit allen Mitteln, gerecht und angemessen. Was wir jetzt gerade erleben, ist eine Exekutive, die uns mehr als deutlich macht, dass die Kultur keine Stimme bei den Entscheidungen hatte.

Verschwendete Zeit und Kraft für Hygienekonzepte

Innerhalb weniger Tage hat es die Theater und Opern hart erwischt. Von 500 beziehungsweise 200 auf 50 auf 0 wurde die Zahl der Besucher*innen reduziert. Das ist ein Desaster mit Ansage, denn in vielen offenen Briefen haben Kulturschaffende darauf hingewiesen, was Schließungen für sie und die Gesellschaft bedeuten: eine Verarmung. Gut, weder die Staatsoper noch die Kammerspiele gehen pleite, ihre Angestellten bekommen weiter ihr Geld (anders als die freie Szene, wo die allermeisten Kulturschaffenden arbeiten). Aber sie können gerade nicht zeigen, was sie können: uns bewegen, uns ansprechen. Gerade in Zeiten der sozialen Isolation ist das eine irre wichtige Sache.

Hinzu kommt eine Kommunikation, die uns alle in die Irre geführt hat. Die Kultusminister*innen hatten den Eindruck erweckt, wer ein stimmiges Hygienekonzept hat, der dürfe auch öffnen. Diese Konzepte sind gestern Abend allesamt in den Papierkorb getreten worden. Der Winter kommt – das hätten wir alle wissen können (auch ohne "Game of Thrones"). Und jetzt müssen binnen kürzester Zeit wieder digitale Konzepte entwickelt werden. Und wer das nicht kann: Ab in den Zwangs-Winterschlaf!

Die Politik muss Tacheles reden

Vielleicht hätten die Theater- und Kunsteinrichtungen auch ahnen können, dass die Pseudo-Normalität des Sommers mit der letzten Schwalbe verfliegt. Es war zu schön, die Häuser wieder öffnen zu können und dürfen – wer wollte da an ein Morgen denken, bei dem einem die kleinen Freiheiten wieder weggenommen werden? Oder war es falsch verstandene Leisetreterei, wie der Trompeter Till Brönner vermutet: "Ich sehe, wie übervorsichtig sich Bühnenkünstler auch nach über acht Monaten zu dieser Misere äußern, obwohl ihre Existenz gerade fundamental auf dem Spiel steht."

Und was, wenn es im Dezember oder im März nicht vorbei ist? Manche Expert*innen warnen, eine wirkliche Durchimpfung sei erst 2022 zu erwarten. Geld hilft. Vor allem all jenen, die seit einem halben Jahr ohne Einkünfte dastehen und vielleicht noch ein halbes Jahr vor sich haben. Freilich gibt es systemrelevante Bereiche – dazu zähle ich Krankenhäuser und Pflegeheime sowie Apotheken, Arztpraxen und den Lebensmittelhandel. Über alles andere kann und muss offen diskutiert werden. Wenn die Maßnahmen der Bundesregierung von der Gesellschaft mitgetragen werden sollen, braucht es klare Ansagen und weniger Bevorzugungen. Sind Profifußballer weniger ansteckend als Amateure, Museumsbesucher*innen mehr als Fashion Victims?

"Zu sehen, wie in systemrelevante und irrrelevante Berufe unterteilt wurde, habe ich zuerst für eine Sicherheitsmaßnahme gehalten", sagt Till Brönner, um sich dann aber zu wundern, wie die Regierung die Kulturbranche im Regen stehen ließ. Wir brauchen Kulturminister*innen, die Tacheles reden und sich für ihren Bereich auch ernsthaft einsetzen. Oder wie Brönner meint: "Das ist kein Luxusproblem, das ist ein Kernproblem."

Ein Wirtschaftsbereich mit rund einer Million Beschäftigten und über 130 Milliarden Euro Umsatz im Jahr sollte in den Kabinetten genauso gehört werden wie der Finanz- oder der Wirtschaftsminister. Ein erster Schritt wäre, dass die Kultusminister*innen der Länder ihre Kompetenz nutzen, die Schließung der Museen kippen gemeinsam mit Kinos und Theatern über einen Weiterbetrieb sprechen. Ja, es geht um unsere Gesundheit – aber dieser Satz muss für alle gelten. Sonst kann Deutschland den Titel Kulturnation gleich mit den vielen Hygienekonzepten in den Müll werfen.

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Zur Lage. | Bild: Till Brönner (via YouTube)

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