Welttag des Buches So helfen uns Bücher durch den Corona-Alltag

Lesen macht Spaß, ermöglicht den Zugriff auf einen Wissensspeicher und ist auch in Corona-Zeiten eine kulturelle Beschäftigung, die möglich ist. Ein Loblied auf das Suchtpotential Buch von BR-Literaturexpertin Cornelia Zetzsche.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 19.11.2020 | Archiv

Eine Tasse Kaffee und ein Buch. | Bild: BR

Warum ich Bücher so mag? Wegen der Stille des Lesens, des Dates mit dem Autor und Roman meiner Wahl. Das Buch ist das perfekte Medium, das die Welt ordnet, strukturiert, erhöht, ersetzt. Ein Glas Wein und dann die Lesefrüchte des Jahres, Lebensmittel aus der Buchhandlung, die Bibliothek ist geöffnet. Und dann: Schotten dicht im häuslichen Refugium, auf dem Sonnendeck, im Tumult der Welt, am besten als Ritual: Lesen Sie frühmorgens, spätabends, allein, genießen Sie die Zeit ganz für sich, den Rückzug ins Buch, die Artenvielfalt ist grenzenlos. Stapeln Sie nicht zu viele Bücher, das macht mutlos, aber lesen Sie ruhig parallel, wie es Euch gefällt, immer ein Buch in der Tasche für jede Form des Innehaltens, Wartens, im Zug, im Wartezimmer, ein paar Seiten, die die Welt bedeuten.

Bücher sind ein Geschenk

Bücher schenken uns Südseereisen, Abenteuer, Helden und Liebesgeschichten. Für Leser/Innen ist ohnehin das Buch das wahre Zuhause. Ein Lebensbegleiter, ein Ruhepol, Zauber, Inspiration und Glückbringer, Zuflucht, Fluchtweg und Anker in den Turbulenzen des Lebens. Bücher sind Ich-Zeit, Innehalten, Spiegelreiche und Teleskop ins Weite.
Wer mit Michael Crummey durch Neufundlands Buchten schippert, erlebt, ja spürt die rauhe Wirklichkeit kanadischer Pioniere. Romane sind Freunde des Einsamen und beleben unser Dasein, sie feiern die Nähe und Fremdes, sind Identifikation und das Andere, Stille und Spannung, Schutz und Gefahr, sind das wahre Leben in einer Welt von Fake News. "Ein Buch ist für mich eine Art Schaufel, mit der ich mich umgrabe“, sagt Martin Walser. Bücher stellen Fragen, trotzen den Mächtigen, sind Leben! "Lies, um zu leben“, schrieb Flaubert und Alberto Manguel wußte: "Lesen ist wie Atmen. Nur wer liest, lebt."

Aber Vorsicht: Bücher brennen, können entzünden, lassen leiden und mitfühlen. Sie schüren Wünsche, haben Suchtpotential und zeigen, wie das Leben sein könnte. Literatur ist das Spiel mit Möglichkeiten, die Erfahrung des Anderen. Und Lesen das Enträtseln, Erraten - to read - von Gedanken Anderer. Wer Benjamín Labatut auf den Irrwegen der Wissenschaft folgt, versteht - auch ohne Physiker-Talent - Einsteins Relativitätstheorie, aber nicht, wie er oder sie bislang ohne „Schwarzschilds Singularität“ leben konnte!

 Bücher haben therapeutische Wirkung

Lesen ist eine kognitive Leistung, eine Kulturtechnik, die die Ansammlung von Wissen erst möglich macht, das Daten-Speichern, Austauschen, Auswählen, Verhandeln. Legere, Lesen heißt lesen, sammeln, aus(er)lesen, heißt in geheimen Zeichen Botschaften erkennen, Geschriebenes mit Augen, Herz, Verstand und taktilen Sinnen erfassen und riechen; heißt: Gedanken fixieren in der Flüchtigkeit der Welt, anschreiben gegen unsere Vergänglichkeit.
Aus Denken wird Reflexion, aus Buchstaben werden Laute. Erst seit dem 9. Jahrhundert übrigens wird in aller Stille gelesen. Die Benediktiner wußten: Laut lesen wirkt meditativ. Wer vorliest, betritt dreidimensionale Räume, Figuren werden zu Menschen, Worte zu Stimmen, das Sofa zum Erlebnisraum, zum Denkort, zur Welt. Lesen sie vor, sprechen Sie über das Lesen, lesen Sie gemeinsam!
Lesen befreit aus den Wirrnissen des Alltags, über Schrecken wird gelacht, Ängste sind gebannt, das eigene Leben wird relativiert und streichholzklein auf der Karte der Weltliteratur. Riskieren Sie den Selbstversuch: Folgen Sie morgens Halgrímur Helgason ins isländische Eis, und Sie gehen anders in den Tag, die Welt ist eine andere. Bücher können befrieden.
Bücher verwandeln, trösten, heilen. Ein Arzt wie in Tschechow wußte ums Menschsein. Schon in der Antike und im Mittelalter war klar: Bücher haben therapeutische Wirkung.

Podcasts sind im Trend

Kein Wunder also, wenn das Buch heute wirkt als Antidot in viraler Zeit, wenn Bibliotheken gefragt sind wie Baumärkte; wenn Buchhändler nach dem Schock des ersten Lockdowns aufatmen. Die Telefone der Buchhandlungen standen nicht still seit März. Das Café nebenan wurde zum Abholort. Fahrradkuriere brachten Lektüre nach Haus, der Online-Handel florierte. 11,5 Millionen nutzten erstmals die Bestellung online oder telefonisch. Buchhändler/Innen dankten ihren treuen Kunden. Verlage produzieren unverdrossen. Die Zugriffe auf den Lesungen-Podcast des BR haben sich verdoppelt. Jeder/jede Fünfte liest mehr seit Corona, sagt die Statistik, vor allem Kinder und Jugendliche. Und beim Poetenfest Erlangen saßen die Fans im Sturm, im strömenden Regen und lauschten, stundenlang. Das Buch ist resilient. Lesen ist cool und nicht nur beim Konjugieren - lesen, liest, las - ein starkes Verb.
Aber Vorsicht: Bücher sind Zeitfresser, sie bergen Lust- und Suchtpotential, sie halten ab von Beschäftigungen anderer Art und lassen die Welt vergessen. Lesehunger, Leserausch ist lebensgefährlich im Straßenverkehr. Als Bluma Lennon die Straße überquert, ist sie so vertieft in Gedichte, daß sie das Auto nicht sieht. "Das Papierhaus“, Carlos María Dominguez' schmale, aber überbordende Hommage ans Buch sollte in jedem Haushalt stehen, in der literarischen Hausapotheke sozusagen.

Borges sah die Welt überhaupt als Universalbibliothek und mehr noch: Das Paradies als Bibliothek. Und sein Schüler Alberto Manguel schreibt in seiner kurzen Geschichte des Lesens:
"König in meinem Reich war ich,
Die Bienen summten nur für mich,
Der Schwalbe Flug galt mir."

Quellen/ Empfehlungen:
Alberto Manguel: "Kurze Geschichte des Lesens"
Carlos María Dominguez: "Das Papierhaus"
Hanns-Josef Ortheil: "Lesehunger - Ein Bücher-Menu in 12 Gängen"
Anton Tschechow: Erzählungen
Hallgrímur Helgason: "60 Kilo Sonnenschein"
Benjamín Labatut: "Das blinde Licht. Irrwege der Wissenschaft"