Weiße Götter der Literaturkritik Verwässern die sozialen Medien die Literatur?

Lesende würden durch die euphorische Kritik in den sozialen Medien verdorben. Ist das eine Verschwörungstheorie von Menschen, die um ihren Einfluss fürchten – den Literaturkritikern? Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 15.07.2021 | Archiv

Denis Scheck ganz in weiß - ein Screenshot aus seinem "Anti-Kanon" | Bild: SWR Lesenswert / Screenshot: BR24

Okay, Literaturkritik, die über sich selbst redet, interessiert eigentlich niemanden. Wer also hier noch mitliest, gehört zur ganz harten Fanbase. Manchmal allerdings gibt es ein Stürmchen im Wasserglas des Feuilletons, zuletzt als der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler der Literaturkritik vorwarf, sich den Gepflogenheiten von social media anzubiedern. Mit der Folge, für Trendthemen alle ästhetischen Kriterien über Bord zu werfen. Inhalte seien wichtiger als Form: "Von Literatur wird also keine ästhetische Ambiguität mehr erwartet, sondern ethisch-didaktische Einsichten, am besten solche, die die Überzeugungen treffen, die man ohnehin schon hat."

Elitäre Literatur, um sich besser zu fühlen?

Tut mir leid, das sind echt alte, ja ranzige Kamellen. Und für alle, die sich damit im Studium abplagen mussten: Die Form-Inhalt-Dichotomie (hier “ästhetische Ambiguität” versus Ethik) ist als Behauptung ziemlich alt und nie bewiesen. Zudem ist sie derart unscharf, dass ich – wie mutmaßlich ziemlich viele Studierende der Literaturwissenschaft – sie ziemlich schnell in den Abfalleimer überflüssigen Wissens geworfen haben. Aber warum existiert diese Gegenüberstellung dann fort? Das Tolle an ihr ist nicht ihre intellektuelle Brisanz, sondern wofür sie taugt. Nämlich, um sich schlauer zu fühlen. Hochwissenschaftlich ausgedrückt heißt dieses Gefühl mit Pierre Bourdieu, sich am Distinktionsgewinn zu laben. Baßler spricht das relativ deutlich aus: "Wir, die wir dazu in der Lage sind, sehen von außen erst einmal auch nur aus wie eine elitäre Bubble." Wir, die Elite. Die, das lesende Fußvolk, das den falschen Propheten folgt. Das nenne ich mal ein ungesundes Selbstbewusstsein.

Eine Form von Bashing?

Könnte es sein, dass hier einige fürchten, ihnen werde ihr Intellektuellen-Spielzeug weggenommen? Florian Kessler, Lektor bei Hanser, fragt sich denn auch, ob wir es mit einer Art neuem Klassenkampf zu tun haben. Wie können es diese Parvenüs wagen, auf unseren Feldern zu wildern, wo wir Bildungsbürger doch die Alleinherrscher sind? "In meinen Jahren als Lektor habe ich gelernt: Beim allgemeinen Schreibenwollen geht es auch darum, sich der eigenen Identität zu vergewissern, was gar nichts Neues und natürlich ehrenwert ist – und nie der ausschlaggebende Grund, aus dem Verlage sich für oder gegen Manuskripte entscheiden. Neu ist bloß, dass die Idee, selbst ein Buch zu schreiben, für immer mehr Milieus denkbar wird."

L’art pour l’art war mal ein Befreiungsruf, um gegen einen verkrusteten Literaturbetrieb anzugehen. Über 100 Jahre später aber ist daraus ein Klischee geworden. Hier geht es nicht um Freiheit, sondern hier wird beklagt, nicht mehr den Bedeutungsrang wie in den 1950ern zu haben. Wobei ich nicht weiß, ob der nicht auch damals schon ein Phantasma war. Denn wer sich rechte oder konservative Zeitungen aus diesen Jahren anschaut, macht eine ganz andere Entdeckung. Ich jedenfalls bin ziemlich erschrocken, mit welcher Häme von der Allmacht der "Gruppe 47" schwadroniert wurde (die übrigens nur ein Treffen und nie eine Gruppe mit Mitgliedern war). Verschwörungstheorien gibt es auch unter Gebildeten. Und ich bin mir nicht sicher, ob die von durch soziale Medien verdorbenen Leservolk nicht auch eine ist. Marie Schmidt jedenfalls merkte kritisch an, dass Baßlers Analyse wohl nur auf einen sehr überschaubaren Teil der Leserschaft zutrifft: "Im Internet beobachtet er etwas frei Haus, wofür man früher womöglich den Lesekreis einer Gemeindebücherei hätte aufsuchen müssen: übersichtliche Leserschaften, die einfach nur schön und gut finden wollen, was sie lesen, wobei eine professionelle Literaturkritik nur stört. Leise beleidigt zieht sich der akademische Kritiker Baßler von diesem Feld zurück und zeigt in einem heftigen Rundumschlag, wofür er künftig nicht mehr zuständig sein will."

Götzendämmerung

Literaturkritiker Denis Scheck gibt zu erkennen, wie wenig er von Sebastian Fitzeks Buch "Passagier 23" hält. Ein Screenshot aus dem Anti-Kanon.

Was ist der Literaturkritik noch geblieben als Wirkungsstätte? Manchmal leider missglückte Anleihen an die Popkultur. Etwa wenn Denis Scheck einen Anti-Kanon aufstellt. Dazu schlüpft er in die Rolle des Weißen Zauberers der Literaturkritik. Nachdem er sich mehrere Minuten über die mangelnde Qualität eines Buchs ausgelassen hat, sendet er einen Blitzstrahl gen Buch, der das schändliche Objekt verfehlter Anbetung vom Erdboden tilgt. Das gesamte Setting, das sicher schelmisch gemeint war, wirkt wie ausstattungsmäßig aus dem Film "Bruce Allmächtig" übernommen, in dem Morgan Freeman als Gott in ähnlichem Interieur auftritt. Übrigens verbrennt Scheck die Bücher nicht, wie behauptet wird, sondern der Blitz kommt wie beim Star-Wars-Imperator aus dem Fingern und desintegriert das missliebige Objekt.

An alle Bewohner des Elfenbeinturms

Ich bin Denis Scheck sehr dankbar. Er macht visuell deutlich, wie er sich sieht. Und das ist wohl das eigentliche Problem einiger Literaturkritiker: Wie von der Kanzel herab zu predigen – das aber genau allen anderen vorzuhalten. Florian Kessler bringt die Kritik an dieser Haltung auf den Punkt: "In der pluralen Gesellschaft diskutieren eben nicht partikulare Identitätsmobs ausschließlich ihr eigenes Rudel seligmachende Bücher. Es gibt eine Vielzahl zu entdeckender Positionen. Kultureller Pluralismus betont, ständig auf Schreibweisen stoßen zu können, die gerade eben nicht die eigenen Erfahrungen ausmachen."

Das Problem der Literaturkritik ist deswegen nicht das Publikum, das das Falsche liest. Sondern die Bubble einiger, die nicht verstehen, wozu Bücher alles da sein können: zur Selbstvergewisserung, zum Abtauchen, als Zuspruch. Ja, auch zum ästhetischen Genuss. Aber eben nur, wenn der nicht gegen die anderen Qualitäten ausgespielt wird. Wenn das einige unserer Großkritiker nicht kapieren, dann verwechseln sie ihren Elfenbeinturm mit der Welt. Was ihre schlechte Laune erklärt, nicht aber die Wahrheit ist.