Literaturfest München 2020 Ist die Literatur in München bedroht?

Dem Literaturhaus München brechen die Einnahmen weg. Nun soll es mit Geldern des Literaturfest gerettet werden. Darf sich die Literaturstadt München das leisten?

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 28.07.2020

Eine Büste des Schriftstellers Alexander Pushkin ist von Büchern umgeben und mit einer Atemschutzmaske dekoriert | Bild: picture alliance/Ekaterina Chesnokova/Sputnik/dpa

Die Formel klingt salomonisch: "Das Literaturfest München findet nicht wie geplant statt". Fakt ist: Das forum:autoren, das kreative Herzstück, ist ersatzlos gestrichen, die Kuratorin und Dichterin Nora Gomringer vertröstet, ihr Rencontre von Literatur, Tanz, Mode samt Modenschau und Neuen Medien vertagt aufs nächste Jahr. Der Spielraum sei zu klein. Reisen erschwert. Schwierig, ein Festival coronatauglich zu stemmen mit über 100 internationalen Gästen. Zu hoch die Veranstaltungskosten, wenn das Publikum – abstandsgemäß – begrenzt ist und Eintrittsgelder schwinden. Das erfuhr das Literaturhaus in den letzten Wochen schon mit seinen Livestream-Lesungen: 50 Leute im Saal, oft weniger digital, so ist der teure Stream nicht finanzierbar. Der Tanker Literaturhaus München, sonst sehr lebendig, läuft nach Monaten ohne Einnahmen in diesen heißen Sommertagen auf Grund. Rettung tut Not.

Das Literaturfest München als Baustelle

Da ist die zweite Säule des Literaturfests flexibler: Die Münchner Bücherschau, organisiert vom Börsenverein, hofft, dass die Verlage trotz allem, wie immer im November, ihre Bücher im Gasteig ausstellen und mit den Standmieten das alternative Programm tragen. Diesmal analog und digital, reduziert und coronagemäß versteht sich, vielleicht mit neuen, interaktiven Formaten. Noch rauchen die Köpfe und grübeln, was machbar ist, wenn Ken Follett nicht zur Münchner Bücherschau reisen kann. Auch den Geschwister-Scholl-Preis wird es geben. Nur das Literaturhaus München, kein temporäres Festival, sondern eben ein festes Haus, steht mit Corona vor der größten Bewährungsprobe seit seinen schlingernden Anfängen.

Das ist die Crux der Public Private Partnership, bei der die Stadt München nur ein Viertel des Etats bestreitet, der Rest muss erwirtschaftet werden: mit Eintrittserlösen, die wochenlang ausfielen; mit Beiträgen der Freunde des Hauses, die nicht weit reichen; mit der Umsatzbeteiligung am Café, das für Wochen schließen musste; mit sonst lukrativen Vermietungen an Banken, Versicherer, Consulter, die sich für Meetings den Saal und das schicke Foyer mit Blick auf die Türme der Theatinerkirche in Augenhöhe, schon mal bis zu 2.600 Euro am Tag kosten ließen und damit die Basis schufen für die Dichterlesungen. Aber Public Private Partnership ist ein Modell für prosperierende Tage. Wenn Firmen um ihre Existenz bangen, streichen sie den Blick auf die Stadt. Wenn das Literaturhaus von kommerziellen Partnern abhängt, wenn Lesungen entfallen und der Betrieb auf der Bremsspur fährt, dann klappt das Finanzierungsmodell zusammen. Von drohender Insolvenz ist die Rede. Von einem Rettungsschirm der Stadt, einer halben Million Euro.

forum:autoren als Sparschwein geplündert

Der Skandal ist, dass für den Erhalt des Literaturhauses das forum:autoren gestrichen wird, die Frischzellenkur des Literaturbetriebs, das kreative Herz des sperrig-hybriden Literaturfests München. Statt kreativ ein neues Konzept für die freie Szene zu entwickeln, ein regionales oder europäisches forum:autoren vielleicht, an dezentralen Orten statt eines Hot Spots im Literaturhaus, wird der Festival-Etat gestrichen und fließt ins feste Haus. Schon klar. Corona macht's möglich. Für den Kämmerer sind ohnehin alle Zahlen gleich.

Unkonventionelle Ideen sind verbraucht für die darbende Gastronomie, einen Rummelplatz am Königsplatz, Freischankflächen in Wohngebieten. Die Literaturstadt München ist den Stadtoberen und ihrem OB seit langem nur eine Vokabel in Festtagsreden. Aber sie müssten doch sehen, dass Schriftsteller*innen im teuren München alle Einnahmen weggebrochen sind, dass Verlage Frühjahrstitel in den Herbst und dann ins Nirgendwo verschieben, dass die Autoren, Verlage, Buchhandlungen, die Muffathalle und andere Veranstalter IHRER Stadt Unterstützung brauchen, dass das Buch sichtbar sein muss – auch und gerade auf freien Spielflächen wie dem forum:autoren.