Odyssee im Kulturweltraum #9 Ungetrübte Liaison: Pandemie und Buch 2021

In pandemischen Zeiten verbreiten sich Ideen uneingeschränkt über Bücher. Autorinnen und Autoren können also gut auf digitale Präsenz verzichten. Mancher von ihnen hat sowieso schon alles vorhergesehen. Knut Cordsen spekuliert über die Literatur im Jahr 2021.

Von: Knut Cordsen

Stand: 30.12.2020 | Archiv

"Der lange Winter der Pandemie", mit diesem nicht ganz anspielungslosen Buch-Titel bringt Jan Wagner Anfang April 2021 den Gedichtband zur Krise heraus. Und dem Lyriker gelingt mit dieser Form der Naturwissenschaftspoesie das bisher Einmalige: Nachdem er bereits 2015 mit seinen "Regentonnenvariationen" den Preis der Leipziger Buchmesse gewinnen konnte, erhält er diese Auszeichnung im Frühsommer 2021 erneut, für seine im Untertitel so genannten "Virusmutationen" auf der diesmal als reine Freiluftveranstaltung konzipierten Leipziger Messe. Die war wohlweislich in den alles neu machenden Mai verschoben worden. Das Motto hatte man, ziemlich dreist, kurzerhand den Frankfurtern geklaut: "Open Books".

Botho Strauß als Wahrheits-Spreader

"Wohnen Dämmern Lügen", "Der zurück in sein Haus gestopfte Jäger" – alte, fast schon vergessene Prosa von Botho Strauß erlebt eine unerwartete Blüte in einer vom Lockdown-Syndrom gezeichneten, ausgangs-, kontakt- und auch sonst etwas beschränkten Gesellschaft. Vermutlich auch deswegen, weil der Künstler für Strauß inmitten der "aktuellsten Krisenschwelgerei" der Spreader ewiger Wahrheiten ist. Er wird seine Eindrücke "zurück ins formlose Leben streuen, und darin vermehren sie sich vielleicht wie Viren des Schönen, Viren des menschlich Gelingenden", so hatte es der Vates in seiner Bewusstseinsnovelle "Die Unbeholfenen" formuliert: Derart könne sich auch "das Ansehnliche auf dem Weg der Ansteckung ausbreiten".

Sätze aus dem Jahr 2007, denen 2021 auch ein optimistischer Beiklang abgelauscht werden kann, wie Georg M. Oswald sagt, sein neuer Lektor im Münchner Hanser-Verlag, zu dem Botho Strauß 2021 aus dem Rowohlt-Exil reumütig zurückgekehrt ist: "Ja, es ist optimistisch formuliert und man würde heute vielleicht die Metapher des Virus als zu gewagt empfinden, aber die Verbreitung von Ideen hat ja tatsächlich etwas wenig Greifbares und Sprunghaftes, so dass sie manchmal auch infektiös erscheint. Und in der Kommunikation über Bücher hat man ja vor dem Lockdown, vor der Pandemie gesagt, finden viel zu viele Veranstaltungen statt und das Eigentliche, die eigentliche Beschäftigung mit den Büchern kommt zu kurz. Dieser Art der Verbreitung von Ideen, wie sie Botho Strauß da beschreibt, ist durch die Pandemie gar keine Grenze gesetzt. Man kann ja nach wie vor schreiben, publizieren, aber auch rezipieren, lesen."

Digitaler Ennui und versuchter Protest

Wobei sich das mit dem Rezipieren der Literatur wandelt. Lesungen, Präsenz-Veranstaltungen sind 2021 die absolute Ausnahme und finden, wenn überhaupt, nur im engsten Kreis und nach Vorlage des Impfpasses statt. Peter Handke bespöttelt das als "Publikumsverimpfung". Der digitale Ennui nimmt ungeahnte Formen an: Autorinnen und Autoren lehnen weltweit rigoros aus Überdruss die Teilnahme an ins Netz gestreamten Hybrid-Veranstaltungen ab.

Natürlich auch aus Protest, weil sich die Schwedische Akademie im Herbst 2021 zu einem nie dagewesenen Schritt entschließt: erstmals wird keine Schriftstellerin, kein Literat mit dem Nobelpreis geehrt, sondern eine Drehbuch-Autorin und Regisseurin: Lisa Langseth aus Stockholm, die mit ihrer in der Verlagswelt spielenden Netflix-Serie "Liebe und Anarchie" dieselbe Ende 2020 gut unterhalten hatte. Mats Malm, der Ständige Sekretär der Svenska Akademien, preist die besondere Qualität des Skripts und wertet es als ein Zeichen der Hoffnung, dass in dieser Fiktion der Streaming-Riese "StreamUs" letztlich daran scheitert, den schwedischen Traditionsverlag "Lund & Lagerstedt" zu schlucken.

Interessensverluste

Das Jahr endet, wie passend, mit einem schlechten Scherz: Tommaso Debenedetti, der die Literaturwelt mit Fake-Accounts und Falsch-Meldungen regelmäßig narrende und nervende Italiener, erklärt sich am 30.12.2021 auf Twitter selbst für tot. Womit er aber nicht gerechnet hatte: Es interessiert niemanden.

Die kulturWelt, das aktuelle Feuilleton auf Bayern 2, begibt sich in einer kleinen Serie auf eine "Odyssee im Kulturweltraum", übt sich im Futur II - und malt sich jetzt schon mal aus, wie 2021 für die Kultur so gewesen sein wird.