Schwarzer Block schlägt schwarzen Humor Zur Ausladung Lisa Eckharts vom Hamburger Harbour Front Festival

Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart sah sich zuletzt Antisemitismusvorwürfen ausgesetzt. Ist das noch Humor, fragte man damals. Nun wurde ihre Lesung gecancelt. Ist das noch Schutz, fragt man sich heute. Ein Kommentar.

Von: Knut Cordsen

Stand: 06.08.2020

Die oesterreichische Poetry-Slamerin und Kabarettistin Lisa Eckhart bei einem Auftritt mit ihrer Show Die Vorteile des Lasters im Tipi am Kanzleramt in Berlin. | Bild: picture alliance / Eventpress Hoensch

Es gibt einen schönen Begriff von Lisa Eckhart, von ihr geprägt im Wiener "Falter" vor einigen Monaten: "Der Gutunmensch". "Der Umgangston im Netz ist rau", stellte die 27-jährige damals fest und benannte exakt das, was ihr kurze Zeit später selbst widerfahren sollte. Gutunmenschen, die Twitter als moralisierende Anstalt begreifen, die mit "einem befremdlichen Eifer" lieber denunzieren als diskutieren, griffen sie im Mai eines zwei Jahre alten Kabarett-Programms wegen an, ja: Sie diffamierten sie - als Antisemitin.

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max czollek 01.05.2020 | 09:30 Uhr Ok, deutsche Comedy muss sterben, damit wir leben können! Im WDR beweist Kabarettistin Lisa Eckhart gerade, dass sie die Grenze zwischen Humor und Diskriminierung nicht einmal mehr in der Ferne erahnen kann! Es ist wirklich krass #triggerwarnung (1/3) https://t.co/afWPWZFQ83

Warum? Sie hatte in ihrer bewährt sarkastischen Art und in Form einer Figurenrede, die jedem mit Kunst halbwegs Vertrauten bekannt sein sollte, die Frage gestellt, "was wir tun, wenn die Unantastbaren beginnen, andere anzutasten": Wenn also Juden wie Harvey Weinstein oder Roman Polanski, Schwarze wie Bill Cosby oder Morgan Freeman Frauen sexuell belästigten und Schwule wie Kevin Spacey Männer. Das sei, so sagte es Lisa Eckhart, "der feuchte Alptraum der politischen Korrektheit".

Derlei reicht mittlerweile dem modernen "Gutunmenschen", um jemanden an den digitalen Pranger zu stellen. Lisa Eckhart ist eine Meisterin darin, ihrem Publikum gerade nicht ins "politische Korrektum" zu kriechen, um ein weiteres ihrer Wörter zu benutzen. Sie weist ihre Zuhörer lieber auf Selbstwidersprüche hin, man kann auch sagen: auf Verlogenheiten. In besagtem "Falter"-Text schrieb sie zum Beispiel, dass, als Corona ausbrach, exakt diejenigen sich um den Schutz der Großeltern sorgten, denen diese Altersgruppe kurz zuvor noch als Feindbild galt: "Heute heißen sie Oma und Opa. Gestern aber hießen sie noch Umweltsau und alter weißer Mann. Wie sehr wünschten sie denen den Tod. Und siehe da, jetzt sterben sie wirklich. Nur fehlt den Gutunmenschen die Schneid, das moribunde Röcheln der Alten konsequent mit 'OK, Boomer!' zu quittieren." Das ist Lisa Eckhart at her best. Solche "metrischen Taktlosigkeiten", wie sie 2017 ihr erstes Buch nannte, provozieren, natürlich. Es ist jedermanns gutes Recht, sie zu kritisieren. Auch auf sie zu reagieren mit jenem Brüllen "moralischer Löwen", das schon Friedrich Nietzsche kannte und das Thomas Mann im "Doktor Faustus" das "fassungslose Tugend-Gebrüll" nannte.

Aber sie zu zensieren, das geht zu weit. Genau das ist jetzt geschehen, als das Hamburger Harbour Front-Festival Lisa Eckharts Lesung aus ihrem Debüt-Roman "Omama" absagte - offiziell aus "Sicherheitsgründen". In einer dem BR vorliegenden Mail des Hamburger "Nochtspeichers", in dem Lisa Eckhart am 14. September hätte auftreten und lesen sollen, heißt es:
"Wir sind zwar vehemente Gegner der 'Cancel Culture', aber das wird uns nichts nützen, die Veranstaltung wird gesprengt werden, davon ist mit nahezu Sicherheit auszugehen. Wir hatten ja eine ähnliche Situation schon vor vier Jahren mit einer Harald-Martenstein-Lesung, bei der es durchaus zu dem Versuch kam, Personenschaden zu verursachen; und inzwischen ist bekanntlich die Atmosphäre noch weit aggressiver geworden. Es ist unseres Erachtens sinnlos, eine Veranstaltung anzusetzen, bei der klar ist, daß sie gesprengt werden wird, und sogar Sach- und Personenschaden wahrscheinlich wird. Wir haben in den letzten Tagen bereits aus der Nachbarschaft gehört, daß sich der Protest schon formiert."

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Ein Veranstalter knickt ein vor angedrohter Gewalt und lädt aus Angst, die Situation könnte eskalieren und ein "Polizeieinsatz zum Schutz der Veranstaltung" könnte "gar zu Straßenscharmützeln führen", eine Autorin wieder aus. Deren neues Buch kann im Übrigen außer ein paar Kritikern noch niemand kennen, weil es erst in der kommenden Woche erscheint. Der berüchtigte Schwarze Block der Hafenstraße schlägt also den schwarzen Humor, und er muss dafür noch nicht mal randalieren. Das heißt, dass der Mob bestimmt, wer auftreten darf und wer nicht, und dass die Feigheit regiert.

Das ist ein Armutszeugnis ohnegleichen, und doch kein Einzelfall. In den vergangenen Tagen erst gab die Deutsche Forschungsgemeinschaft einem Empörungstheater auf Twitter nach, das sich gegen ein Videostatement für die DFG von Dieter Nuhr wandte, einem Kabarettisten, in dessen Sendung Lisa Eckhart regelmäßig zu Gast ist (umso erstaunlicher deshalb, dass Nuhr Lisa Eckharts Namen auf seiner Facebook-Seite konsequent falsch schreibt, nämlich "Lisa Eckart").

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Dieter Nuhr

https://dfg2020.de/beitrag-von-dieter-nuhr-wieder-online/ Ich freue mich sehr über diese Erklärung der DFG. Stimme zu...Gepostet von Dieter Nuhr am Donnerstag, 6. August 2020

Doch nicht Eckhart war hier das Problem, sondern Nuhr selbst, den seine politischen Gegner zur persona non grata erklären wollen, weil er es wagt, sich über Greta Thunberg und ihre quasireligiöse Verehrung lustig zu machen. Man muss das gar nicht lustig finden, um die Inbrunst seiner Hater scharf zu verurteilen. Denn ihnen geht es darum, andere Meinungen als ihre nicht gelten zu lassen, sie auszuschließen aus dem öffentlichen Gespräch. Was also passierte? Die Deutsche Forschungsgemeinschaft löschte das Nuhr-Video, woraufhin neuerlich ein Sturm der Entrüstung losbrach, was die DFG heute Vormittag nun veranlasste, das von der Seite genommene Video wieder online zu stellen.

Fatal daran ist, wie Künstler bei gegen sie laufenden Kampagnen nicht etwa in Schutz genommen werden, sondern zum Freiwild erklärt werden. Die Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut. Sie entschlossen vor Fanatikern jedweder politischer Couleur zu verteidigen sollte unser aller Ziel sein.

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Dieter Nuhr & die DFG | Ein Drama in 5 Akten | Bild: maiLab (via YouTube)

Dieter Nuhr & die DFG | Ein Drama in 5 Akten