Lenbachhaus München Wie Münter und Kandinsky auf Reisen die Moderne erfanden

Lange war sie nur die Geliebte, jetzt endlich steht Gabriele Münter gleichberechtigt neben Wassily Kandinsky. Das Münchner Lenbachhaus zeigt nun Arbeiten der beiden in der Ausstellung "Unter freiem Himmel".

Von: Martin Zeyn

Stand: 09.10.2020 | Archiv

Gabriele Münter, Kandinsky beim Landschaftsmalen, 1903, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957  | Bild: © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Als Mäzenin genoss sie früh Weltruhm: Gabriele Münter schenkte 1957 (übrigens an ihrem 80. Geburtstag) dem Münchner Lenbachhaus den Nachlass ihres Geliebten und künstlerischen Wegbegleiters Wassily Kandinsky. Fünf Jahre später vererbte sie München die umfängliche Sammlung des eigenen Werks. Dank dieser großzügigen Gaben verfügte das städtische Museum über eine exzellente Sammlung der Moderne.

Es ist kein Zufall, dass sich die beiden kennenlernten. Frauen durften damals nicht an der Kunstakademie studieren – der Gründerzeit-Sexismus war zwar angeschlagen, selbst empfand man sich aber in seiner Hochblüte. Münter war privilegiert, dank einer Erbschaft musste sie weder Unterschlupf in einer Ehe suchen, noch einen der wenigen für Frauen möglichen Berufe ergreifen. Sie wollte Künstlerin werden und besuchte die private Kunstschule "Phalanx" - gegründet von Kandinsky. Die stand auch Frauen offen.

Eine der ersten Malerinnen

Die beiden wurden ein Paar. Gemeinsam arbeiteten sie daran, ihre Kunst weiterzuentwickeln. Kandinsky hatte anfangs eine Mischung aus russischer Volkskunst, Pointilismus und Jugendstil gepflegt. Jetzt orientierten sich beide eher an Frankreich, am Impressionismus und Fauvismus. Das Paar war Motor und Keimzelle einer Bewegung, die sich von der akademischen Malerei verabschiedete – die mit Lenbach und Stuck herausragende Vertreter in München hatte. Kandinsky, wie Münter später sagte, habe ihr Talent "geliebt, verstanden, geschützt und gefördert" - auch wenn sein energisches Antreiben sie manchmal ärgerte. Ihn beeindruckte besonders ihre expressive Linienführung, die sie aus ihren Zeichnungen übernommen hatte. Das oberbayerische, idyllische Murnau "entdeckten" die beiden Maler im Sommer 1908. Ein Jahr später kaufte Münter hier ein Haus, in dem sie mit Kandinsky lebte. Ihre wie Kandinsky aus Russland stammenden Malerfreunde Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin kamen hier oft zu Besuch. Im dörflichen Murnau entstanden Münters bedeutendste Bilder für die beiden Ausstellungen des "Blauen Reiter" – wie so oft kam der Aufbruch in der Kunst nicht aus dem Zentrum, nicht aus der Hauptstadt, sondern aus der Peripherie. 1911 war die Künstlervereinigung als Redaktionsgemeinschaft entstanden – gegründet von Kandinsky, Münter und Franz Marc.

Persönliche und künstlerische Trennung

1914 musste Kandinsky als Angehöriger einer feindlichen Nation Deutschland verlassen (noch einmal, 1933, zwangen ihn die Verhältnisse, aus Deutschland auszureisen, obwohl er 1928 die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hatte). Münter und er gingen zunächst in die Schweiz, doch dann kehrte Kandinsky nach Russland zurück. Münter zog über Dänemark nach Schweden und wartete auf ihn. Ende 1915 sahen sie sich tatsächlich noch einmal. Doch da Kandinsky eine andere Frau kennengelernt hatte, die er 1917 heiratete, trennten sie sich. Für Münter ein Schock, dem eine jahrelange Lebens- und Schaffenskrise folgte.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg begann Kandinsky abstrakte Arbeiten. Die Initialzündung soll ein Konzert von Arnold Schönberg gewesen sein. Kandinsky, der auch ein begnadeter Kunstschriftsteller war, sah eine große Verwandschaft zwischen Dissonanzen in der Musik und abstrakten Formen in der Malerei. Den Ruhm, das erste abstrakte Gemälde überhaupt gemalt zu haben, macht ihm mittlerweile die schwedische Malerin Hilma af Klint streitig, deren Oeuvre vor kurzem wiederentdeckt wurde.

Zum ersten Mal zu sehen: die Skizzenbücher von Münter

Kandinskys Weg in die Abstraktion ist sie dabei nie gefolgt, abgesehen von einigen Versuchen blieb ihre Malerei stets gegenständlich. Kandinsky starb 1944 in Frankreich. 85 Jahre ist Gabriele Münter alt geworden (1877-1962). Etwa 2200 Ölgemälde hat sie im Lauf dieses Lebens angefertigt, dazu unzählige Zeichnungen und Aquarelle, Druckgrafiken und Hinterglasbilder, Fotografien und Stickereien.

Aus diesem Fundus schöpft die aktuelle Münchner Ausstellung. Sie widmet sich erstmals ihren gemeinsamen Wegen in den Jahren von 1902 bis 1908. Auf ihren Reisen schuf das Paar kleine, transportfähige Malereien sowie Fotografien, etwa in Kallmünz, Rotterdam, Tunis, Rapallo und Paris. Heute kaum noch vorstellbar, draußen zu malen war eine noch recht junge Angelegenheit. Die Landschaften von der Renaissance bis zum Klassizismus sind künstliche Gebilde, die vielleicht reale Orte zitieren, aber zutiefst idealisiert sind. Zwar hatte schon Leonardo die Bedeutsamkeit natürlichen Lichts betont, aber erst um 1800 wurde die Freilicht- oder Pleinairmalerei als künstlerische Befreiung von den Konventionen der Malerei akzeptiert. Die Münchner Ausstellung "Unter freiem Himmel" – sie läuft vom 13. Oktober 2020 bis zum 6. Juni 2021 - zeigt nun zum ersten Mal zahlreiche Ölstudien, Fotografien und Skizzenbücher von Gabriele Münter, die während der gemeinsamen Reisen mit Kandinsky entstanden sind.