Architekten Lacaton und Vassal Umbau statt Neubau: Angemessener Wohnraum für alle?

"Angemessener Wohnraum für alle": Das ist die Idee von Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal. Gerade im sozialen Wohnungsbau sorgen sie damit für Furore. Mit Wintergärten hauchen sie "alten" Häuserblöcken aus den Sechziger- und Siebzigerjahren neues Leben ein. Jetzt kam das Prinzip des Architektenduos erstmals bei einem Neubau zum Einsatz. Das 20-stöckige Wohn- und Bürohaus im Genfer Stadtteil Chêne-Bourg ist unser "Haus des Monats".

Von: Moritz Holfelder

Stand: 01.04.2021

Haus des Monats | Bild: Philippe Ruault

Die im wahrsten Sinne des Wortes durchgängigen Wunder heißen: Wintergärten! Nicht als Terrassenvariation für luxuriöse Villen, sondern als entspannende Raumerweiterung im Sozial- und Mietwohnungsbau. Egal, ob es sich um Sanierungsprojekte handelt, die das Leben von Menschen tatsächlich eminent verbessern, oder um Neubauten wie jetzt in Genf Chêne-Bourg. Immer führen Wintergärten umlaufend an Wohnungen entlang, mit einer Tiefe von bis zu drei Metern als nicht klar definierte Zwischen- und Freiflächen. Über die klimatische Pufferung hinaus erlauben sie den Bewohnern alles: Sie sind Orte der Improvisation, je nach Jahreszeit und Laune. Taugen zum Essen und Tanzen, zum Luftschnappen und Ausblicke erleben zum Gärtnern und Ruhen.

In die Jahre gekommene Wohnblöcke haben Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal umgestaltet, wie etwa in Paris und Bordeaux. Die neue Freizügigkeit in Form des Wintergartens für jede und jeden wird mittels Betonmodulen an die alten Fassaden angedockt. Stockwerk für Stockwerk. Die bisher beengten Wohnungen beginnen plötzlich zu atmen. Das Ergebnis ist verblüffend und lässt sich mit Worten wie Freiheit, Individualität und Spielraum nur ansatzweise beschreiben.

Nachhaltig und großzügig

Jetzt konnte das Architektenduo sein Prinzip erstmals beim Neubau eines Hochhausturms verwirklichen, beim 20-stöckigen Wohn- und Bürohaus im Genfer Stadtteil Chêne-Bourg. Dabei verfuhren die beiden nicht anders als etwa bei dem von ihnen gemeinsam mit Frédéric Druot sanierten Pariser 60er-Jahre-Gebäude La Tour Bois le Prêtre. Auch in Genf wird mit umlaufenden bioklimatischen Wintergärten gearbeitet, die durch Schiebetüren, Vorhänge und transparente Paneele je nach Bedarf arrangiert werden. So kann Architektur sein: offen für das Leben, nachhaltig und großzügig für alle – und das eben auch im oft verpönten Massenwohnungsbau.

Optimierung des Raums

Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal denken ihre Projekte nicht von außen nach innen, sondern umgekehrt: Es geht ihnen nicht um aufsehenerregende Fassaden, um das äußere Erscheinungsbild, sondern um die Optimierung des Raums, der im Inneren von Menschen genutzt und bewohnt wird. Jean-Philippe Vassal und Anne Lacaton haben 2004 mit ihrem Manifest PLUS begonnen, die Architektur zu verändern. Ein wichtiges Motto der beiden lautet, möglichst nichts abzureißen, sondern das Bestehende zu ergänzen, es zu erweitern, ihm mit Raffinesse etwas hinzuzufügen. Sie plädieren statt dem Abriss alter und dem Bau neuer Sozialwohnungen für die Verbesserung des Vorhandenen. So haben sie kommunale Projekte, die als eng, dunkel und verwahrlost verschrien waren, in lichte, großzügige Gebäude transformiert – und das für rund ein Drittel der Kosten eines Abrisses und Wiederaufbaus.

Lacaton und Vassal erneuern das Versprechen des Modernismus, allen Menschen angemessenes Wohnen zu ermöglichen, und übertragen es auf unsere Zeit. So auch in Genf mit ihrem neuen Hochhaus. Dafür haben sie den Pritzker Preis ohne jeden Zweifel verdient.

Haus des Monats | Bild: Philippe Ruault zum Audio Architektenduo Lacaton und Vassal Umbau statt Neubau: Ist angemessener Wohnraum für alle möglich?

Das Architektenduo Lacaton und Vassal hatte 2004 mit ihrem Manifest PLUS begonnen, die Architektur zu verändern. Jetzt haben sie den Pritzker Preis erhalten. Wir stellen heute ihr jüngstes Objekt, einen Neubau in Genf, vor. [mehr]

Der Pritzker Preis wird seit 1979 einmal jährlich vergeben und ist die höchste Auszeichnung in der Architektur.

Ein Beitrag mit Unterstützung der Bayerischen Architektenkammer - mehr aktuelle Infos zu Architektur & Baukultur hier auf der Website

Das "Haus des Monats" wird jeden ersten Samstag im Monat in B5 aktuell vorgestellt.