Plakataktion Künstler werben für mehr Toleranz

Werbung für Toleranz: Inspiration für mehr gegenseitiges Verständnis kann man sich in München gerade an der frischen Luft erwandern, auf einem Rundgang durchs Kunstareal, gänzlich unabhängig vom Inzidenzwert. Die globale Plakat-Aktion macht dort noch bis Ende April Station.

Stand: 16.04.2021 | Archiv

Plakate hängen am Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke | Bild: Johannes König

Der Grafik-Designer Mirko Ilić hat vor vier Jahren eine globale Plakat-Aktion für mehr Toleranz gestartet: Sein "Tolerance Poster Project" hat schon in fast 30 Ländern Station gemacht - mit Plakaten namhafter Grafiker aus der ganzen Welt, wie dem I-Love-New York-Designer Milton Glaser oder dem deutschen Illustrator Christoph Niemann. Die Kuratorin der Neuen Sammlung, Caroline Fuchs, hat die engagierte Kollektion nach München geholt und überall im Kunstareal für mehr Toleranz plakatieren lassen. Was dahinter steckt, erklärt sie im Interview mit Andrea Mühlberger.

Andrea Mühlberger: Toleranz können wir in diesen Zeiten ja alle brauchen. Was wollte denn der bosnische Grafiker und Wahl-New Yorker Mirko Ilić eigentlich bezwecken, als er 2017 das "Tolerance Posters Project" startete?   

Caroline Fuchs: Er selbst sagt, es gehe ihm darum, darauf aufmerksam zu machen, dass Toleranz der allererste Schritt zwischenmenschlicher Kommunikation ist. Das Gegenüber tolerieren, auch wenn zunächst Unterschiede zwischen einem selbst und dem Anderen bestehen. Dafür braucht man Toleranz. Und manchmal ist das eine Herausforderung. Er sieht Toleranz als Basis und Voraussetzung für eine Kommunikation, die nicht verletzend ist.   

2017 ist noch nicht so lange her, da standen wir in Europa noch unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise. War das ein Anlass für ihn, das Projekt zu starten?   

Der Anlass war das "Tolerance Film Festival" in Ljubljana, bei dem es auch um die Auseinandersetzung mit dem Holocaust und um die Erinnerung daran geht. Für dieses Filmfestival hatte er ein Plakat gemacht und dachte dann, warum nicht noch etwas anderes daraus machen? So entstand diese Idee, 23 internationale Graphikgestalter und -gestalterinnen zu fragen, ob sie nicht auch pro bono ein Plakat zum Thema Toleranz machen wollten. Von den Ergebnissen und der Idee, die Poster im Stadtraum zu plakatieren, wie es dann in Ljubljana geschehen ist, war Mirko Ilić dann so überzeugt, dass er das Projekt seitdem weiterführt. Seit die Aktion in München zu sehen ist, sind schon wieder drei neue Plakate entstanden, hat er mir erzählt.  

Die Plakate zeigen, dass Toleranz ganz unterschiedlich aussehen kann. Welches Poster spricht Sie denn besonders an? 

Toleranz kann ganz unterschiedliche Themen betreffen, es kann um alles Mögliche gehen: Rassismus, Religionsfreiheit oder sexuelle Identität. Mir gefällt besonders die Arbeit der argentinischen Grafikerin Natalia Volpe, weil sie so reduziert ist: Sie zeigt nur einen schwarzen Kreis, der mit rotem Buntstift ausgemalt ist, aber ganz unregelmäßig, wie ein kleines Kind ihn ausmalen würde, etwas schlampig über die schwarze Linie drüber. Und das fand ich sehr schön, weil sich so eine abstrahierte Darstellung von Toleranz auf viele Weisen auslegen lässt. Zum Beispiel: Wie geht man damit um, wenn etwas über den Rahmen, den man im Kopf hat, hinausgeht?

Toleranzplakate zertört und übermalt     

Die Plakataktion zeigt auf der anderen Seite auch, dass nicht an allen der fast dreißig Ausstellungsorten auch Toleranz herrschte gegenüber der plakatierten Forderung nach mehr Toleranz…  

Ja, in einigen Ländern, auch Nachbarländern von uns, wurden Plakate zerstört oder übermalt, auch eine Art von Zensur fand statt (in Paris durfte ein Plakat mit arabischer Schrift nicht aufgehängt werden, Anm. der Red.). Leider gehört das wohl dazu und zeigt zugleich, wie wichtig dieses Plakatprojekt ist. Wir sind da eben als Gesellschaft noch nicht tolerant genug gegenüber anderen Menschen und Ansichten. Deswegen macht ja Mirko Ilić dieses Projekt und deswegen muss es auch gezeigt werden.   

Bei Plakaten geht es immer auch um Werbung, Propaganda, einen bestimmten Effekt, den man erzielen möchte. Welche Reaktionen gab es in München?   

Bisher haben wir keine zerstörten Plakate. Wir haben aber geklaute Plakate. Aber da gehen wir davon aus, dass die jemand gerne zuhause haben wollte. Zerstörungen würde man ja auch zeigen, indem man etwas durchreißt oder übermalt. Das hatten wir bisher nicht. Dafür haben wir viele positive Rückmeldungen, auch von Schulklassen, die fragen, was wir nach der Ausstellung mit den Plakaten machen, ob sie die haben können. Also das wirkt schon nach.

Ich habe auch Kritik gelesen, dass diese 90 Plakate, die hauptsächlich im Kunstareal hängen, an Museen, Bauzäunen, einige auch in U-Bahn Auf- und Abgängen, im "sauberen München" kaum wahrgenommen, dass sie fast übersehen werden?

Plakate hängen auch an Bauzäunen

Den Eindruck, dass sie übersehen werden, habe ich nicht. Aber die Kritik, dass das Plakat-Projekt hier im Kunstareal nicht richtig schockt, weil alles so sauber und aufgeräumt ist, die gab es. Das ist ja auch so. Aber muss es immer schocken? Auch Mirko Ilić will ja nicht, dass es zu so heftigen negativen Reaktionen kommt, dass Plakate zerstört und verbrannt werden, das muss gar nicht sein. Ich denke, auch andere Reaktionen sind gut und bewirken etwas.

Und was nimmt man mit auf diesem Rundgang durchs Kunstareal?   

 Was mich an dem Projekt besonders überzeugt, ist, dass es so international und vielfältig ist. Es sind wirklich Gestalterinnen und Gestalter aus aller Welt beteiligt, bekannte und weniger bekannte. Es gibt Plakate, bei denen man sofort an Toleranz denkt und andere, bei denen man vielleicht erst mal denkt: Aha, und was hat das jetzt mit Toleranz zu tun? Und mich freut es, wenn jemand ein Bild im Kopf behält, worüber er nachdenken kann. 

Das "Tolerance Poster Project" von Mirko Ilić ist noch bis 29. April im Kunstareal München zu sehen. Zum Rundgang und den Orten mit Postern geht es hier.