Pritzker-Preisträgerinnen 2020 Mehr Freiraum in der Architektur: Farrell & McNamara

Die irischen Architektinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara wurden mit dem höchsten Architekturpreis, dem Pritzker-Preis ausgezeichnet. Für Gebäude, die mehr wollen als reine Zweckdienlichkeit.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 16.12.2020 | Archiv

Die irische Architektin Yvonne Farrell vor ihrer Installation in der Londoner Royal Academy of Arts  | Bild: Facundo Arrizabalaga/dpa

Die Gebäude von Yvonne Farrell und Shelley McNamara sind Labore des Miteinanders. Sie suchen die Art architektonischer Chemie, die dann zwischen Menschen entstehen kann, wenn die äußeren Bedingungen stimmen. Sie bauen Begegnungsarchitektur: Foren, Lobbys und andere Orte, die gezieltes wie zufälliges Zusammenkommen von Menschen forcieren.

Dieser Gedanke zeigt sich auch in den Details: Die Art, wie sie Balkone oder Treppenhäuser gestalten. Also Orte, die Menschen gewöhnlich isoliert für sich nutzen, die schnell durchlaufen werden. Bei Farrell & McNamara dagegen laden Treppen zum Gespräch ein, Balkone werden Begegnungstätten. Die beiden scheinen ständig dabei zu sein, Räume zu schaffen, die frei interpretierbar und durch Menschen besetzbar sind. Entsprechend überschrieben sie die 2018 von ihnen kuratierte Architekturbiennale in Venedig mit dem Schlagwort "Freespace", Freiraum.

Seit 1978 ein Team: Yvonne Farrell und Shelly McNamara

Sinnbildlich lässt sich das so beschreiben: Yvonne Farrell & Shelley McNamara haben in Venedig die Fenster aufgerissen und frische Luft hereingelassen. Sie haben Türen geöffnet und Mauern entfernt. Sie haben frische Ausblicke gestaltet und das Dickicht der wilden Pflanzen auf den kleinen Hügeln der giardini der Biennale ein wenig zurückgedrängt. Sie haben aufgeräumt und das Vorhandene von allem überflüssigen Inventar und Ballast befreit.

Gebäude als Freespaces

"Wir haben uns für den Begriff Frei-Raum entschieden, weil er zwei Dinge zu einer Sache bündelt," sagt Yvonne Farrell. "Raum ist für uns viel wichtiger als die eigentliche Architektur. Raum umfasst uns. Bauliche Strukturen bergen uns. Wir leben unser Leben im eigentlich leeren Raum zwischen Wänden, Böden und Decken. Und das Wort frei steht dabei für einen großzügigen Geist, für ein Geschenk an alle." Dieses Doppelspiel aus Raum- und Freiheitsdenken suchten ihre Kunden, sagt Farrell. "Wir arbeiten dann als Übersetzer von Bedarf in Raum."

Schöner lässt sich die Aufgabe von Architektinnen und Architekten kaum beschreiben. Den Bedarf nach freiem Raum für alle haben Yvonne Farrell und Shelley McNamara tatsächlich als ein Geschenk an Venedig und die Besucher der Biennale 2018 begriffen. Einiges davon ist geblieben. Etwa die Ausstellungshalle im Arsenale, der ehemaligen Bootswerft von Venedig – die kann man seitdem wieder in ihrer ganzen Länge durchblicken. Beeindruckende 250 Meter vermitteln einen Eindruck davon, dass hier einst lange Schiffstaue gedreht wurden. Damals brauchte es dafür eben dieses eine, einzigartige Gebäude.

Licht als entscheidendes Material

Wo bei vorherigen Biennalen Trennwände standen und isolierte Kabinette gebildet wurden, wo man sich durch hermetische Räume bewegte, wollten die beiden irischen Kuratorinnen Licht hereinlassen und eine Verbindung zur Geschichte des Ortes herstellen. Sie begreifen Architektur immer auch historisch – als ständiges Kontinuum zwischen Vergangenheit und Zukunft. Der pure Raum ist gewissermaßen das Amalgam zwischen den Zeiten.

"Ein befreundeter Dichter sagte einmal zu uns: Ihr arbeitet mit Licht. Das ist euer Material,", sagt Shelley McNamara. "Wir begriffen das als sensiblen Blick eines Poeten auf Architektur. Er arbeitet mit Worten – und ja, wir arbeiten mit Licht. Denn Raum entsteht vor allem durch Licht."

Freiraum in der Bocconi Universität

Als die beiden als Architektinnen anfingen, hätten sie zuerst über die grundlegenden Elemente des Berufes nachgedacht – nicht über das Geldverdienen oder Bauvorgaben wie eine Geschoßflächenzahl. "Wir fanden heraus, dass die Innenwelten, die wir durch Architektur schaffen, immer nach einer puren Reinheit von Raum verlangen."

Man könnte auch sagen: Shelley McNamara und Yvonne Farrell arbeiten mit dem Leben. Das Leben der Menschen ist der eigentliche Gegenstand ihrer Architektur, die Idee, es besser zu machen beziehungsweise die Bewohner und Benutzer von Gebäuden zu animieren, ihr Leben neu und anders zu gestalten.In Zeiten, in denen sich so schnell und so viel verändert wie im Moment, wollen die beiden Irinnen Orte schaffen, die Halt geben, die uns mit unserer Umwelt verbinden, mit anderen Menschen genauso wie mit der Landschaft, die uns umgibt.

Gebäude sind mehr als Funktionsträger

So entwarfen sie zum Beispiel im irischen Castleblayney eine Schule auf einem Hügel – und entschieden sich dabei dafür, diese Topographie auch innerhalb des Gebäudes spürbar werden zu lassen. Die Flure sind teilweise als Rampen angelegt, so dass sich, wie Yvonne Farrell erklärt, die Muskeln in den Beinen der Schüler immer wieder daran erinnerten, dass man sich zusammen auf einem Hügel befindet.

Architektur ignoriert oft solche Erfahrungen. Viele Entwürfe folgen dem praktischen Sinn, gewisse Funktion zu erfüllen. McNamara & Farrell versuchen dagegem, ihren Gebäuden noch etwas Anderes einzuschreiben, einen symbolischen Bezug zur Umgebung und deren kultureller Bedeutung. Gebäude die mehr sind als reiner Zweck. Um dieses bauliche Plus müssen die beiden ständig kämpfen und damit um die Frage, was der wirkliche Wert, die eigentliche Botschaft eines Gebäudes ist. So versuchen sie bei ihren Projekten immer zuerst, die Neugierde der Auftrags- und Geldgeber für die soziale Bedeutung eines Ortes zu wecken.

Shelley McNamara und Yvonne Farrell gründeten 1978 zusammen das Architekturbüro Grafton Architects in Dublin. Bis über die Jahrtausendwende hinaus bauten sie ausschließlich in Irland. Wer ihre Gebäude erleben wollte, musste also lange Zeit auf die Insel reisen. Erst nach der Jahrtausendwende fingen die beiden Architektinnen an, auch auf dem europäischen Festland zu bauen, anfangs vor allem in Italien.

Bocconi Universität: Bauwerk des Jahres 2008

Besonders das neue Gebäude der privaten Wirtschaftsuniversität Luigi Bocconi mitten in Mailand, für das sie 2008 den World Building of the Year-Award gewannen, machte die beiden Irinnen dann international bekannt. Von außen wirkt der massive Bau mit seinen sechs hintereinander gestaffelten Betonblöcken eher etwas trutzig. Zwischen den Kuben mit Büroräumen haben die Architektinnen aber Einschnitte frei gelassen, durch die das Tageslicht in die einzelnen Gebäudeteile fallen kann – und auch das leicht unter das Straßenniveau gesetzte atriumartige Foyer wird mittels großer Glasflächen von oben beleuchtet.

Luigi Bocconi Universität Außenansicht | Bild: Gemeinfrei

Von außen trutzig - innen hell

"Diese Universität ist ein wunderbares Beispiel für Freespace," sagt Farrell. "Sie brauchten Büros für tausend Professoren, sie brauchten eine neue Aula für rund tausend Menschen und dazu noch fünf große Seminarräume. Unsere Idee: Die vielen Büros durch die Einschnitte mit den schmalen Innenhöfen so zu gestalten, als wären sie am Himmel aufgehängt." Für die Aula und Teile der Seminarräume hätten sie dafür tief in die Erde gegraben, woraus diese besondere Struktur aus Höhen und Tiefen, Himmel und Erde entstanden sei. "Über der unteren Aula blickt man nach oben bis zu einer Höhe von 22 Metern. Und die zur Straße offenen, querliegenden Einschnitte zwischen den Welten unten und oben erlauben es der Stadt, dieses Gebäude in den Freiräumen zu durchdringen. Die Aula ist wie eine Auster, die sich öffnet, und die Büroeinheiten stehen gestaffelt wie Abakusse darüber – alles eben verbunden mit der Stadt."

Der Effekt ist verblüffend. Dieser Campus wirkt weltoffen im besten Sinne. Auch abends ist er belebt. Dann stehen viele Studenten noch in der Aula oder rund um das Gebäude herum, reden und rauchen, trinken jetzt statt Espresso aus dem Uni-Café einen Aperol Spritz, den sie sich aus den Bars und Cafés der direkten Umgebung geholt haben. Bisweilen hockt sich einer oder eine an den Flügel, der in der Aula steht, und spielt ein wenig. Universitäre Freiraum-Barmusik.

Genau das verstehen Shelley McNamara und Yvonne Farrell unter Freespace. Sie orientieren sich an dem philosophischen Spruch des spanischen Architekten Alejandro de la Sota, der als Maxime ausgab, Architektur müsse aus so viel Nichts wie möglich bestehen und erst eine Leere kreieren, die dann gefüllt werden könne oder in den Worten McNamaras: "Die Menschen befinden sich im Nichts. Wir nutzen diese Metapher, um klar zu machen, was Architektur der Höhle eines Gebäudes hinzufügen kann."

Höchste Auszeichnung Pritzker Preis

Die Verleihung des Pritzker-Preises, der übrigens erst zum dritten Mal an Frauen vergeben wurde, findet in der Regel als feierliche Zeremonie in einem der Gebäude des oder der ausgezeichneten Architekten statt. Das war dieses Jahr wegen Corona nicht möglich. So entschied man sich für eine virtuelle Übergabe, für ein paar Clips, die man online stellte. Shelley McNamara & Yvonne Farrell durften sich für das Video ihrer Dankesreden einen Ort aussuchen. Sie wählten den Long Room des Trinity College in Dublin, jenen Teil der 1732 gebauten alten Bibliothek, in dem auf spektakulären 65 Metern Länge die wertvollsten Bücher aufbewahrt werden. Wegen Covid 19 darf er im Moment nicht genutzt werden. Für McNamara ein aktuelles Sinnbild des Zustands unserer Welt:

"Mehr oder weniger alleine hier zu stehen und den Pritzker Preis zu erhalten, ohne anwesendes Publikum – das erinnert mich an die leere Bühne eines Theaterstückes von Samuel Beckett. Aber natürlich sind wir hier im Long Room nicht allein, sondern an einem Ort, der Zeit, Wissen und die Schätze des Geistes umfasst. Die Präsenz der vielen Menschen, die hier gearbeitet haben, ist noch spürbar. Wir haben diesen großartigen Raum gewählt, um die Kraft von Architektur hier in unserer eigenen Stadt feiern zu können. So werden wir Teil einer größeren Ordnung, was einen wesentlichen Sinn von Architektur ausmacht."

Dieser Beitrag stammt aus dem Bayern 2 Kulturjournal. Den Podcast können Sie hier abonnieren.