Videokunst-Pionierin Die befreiende Kunst von Pipilotti Rist

Feminismus für alle: Pipilotti Rist hinterfragt mit ihrer Kunst Rollenzuschreibungen nicht nur von Frauen, sondern von allen Menschen. Das zeigt gleich ihre erste Arbeit von 1986. Die Utopie dahinter ist universell.

Von: Joana Ortmann

Stand: 01.03.2021 | Archiv

Ich habe länger überlegt, aber ich kenne tatsächlich kein zweites Kunstwerk, das mit so wenigen gezielten Mitteln, in nur ein paar Minuten alles, was Feminismus ausmacht, so geballt auf den Punkt bringt wie "I'm Not The Girl Who Misses Much" – der allererste Clip der Schweizer Video-Pionierin Pipilotti Rist. Entstanden 1986, kurz nachdem MTV populär wurde. Die Künstlerin war damals Mitte 20, man sieht sie nur verschwommen, erahnt eine schöne junge Frau. Wogende Haare, knallroter Mund, schwarzes Kleid. Sie singt überaus schräg, einen Beatles Song parodierend, den sie eiskalt für ihre Zwecke nutzt. Immer wieder diese eine Zeile, wechselnd in Tempo und Tonhöhe. Mal melancholisch und sanft, mal hyperventilierend und rebellisch: "I'm not the girl who misses much".

Und sie tanzt dazu als gäbe es kein Morgen. Springt herum, zappelt, verrenkt sich, bis ihre Brüste aus dem Kleid hüpfen und frei swingen. Karikiert dabei die Ästhetik früher Musikvideos. Anarchisch, sexy, heiter. Ein Hauch Wahnsinn umweht sie. Nein, diese Frau vermisst nichts, lässt nichts aus, nimmt sich, was sie will. Die mal verlangsamten, mal beschleunigten, immer verfremdeten Bilder wirken heute ein bisschen retro, die Botschaft des Clips aber ist unverändert aktuell und vielschichtig. Auf den ersten Blick erliegt man der kraftvollen Selbstermächtigung und dem Slapstick, identifiziert sich vielleicht ein Stück weit mit dieser Frau, der offenbar alles egal ist, lässt sich hinreißen von ihrer Ekstase.

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Pipilotti Rist - I'm Not The Girl Who Misses Much | Bild: Mito Tomi (via YouTube)

Pipilotti Rist - I'm Not The Girl Who Misses Much

Ein Feminismus nicht nur für Frauen

Aber je öfter man das Video sieht, desto mehr Ebenen tun sich auf. Die Zuspitzung auf den weiblichen Körper und die Erwartungen an ihn scheint schnell zu eng. Hier geht's um mehr als "nur" um Frauen: Um einen lässigen, lust- und liebevollen Umgang mit allen Körpern. Und wenn wir schon mal dabei sind: mit ALLEN gesellschaftlichen Rollen und Rollenzuweisungen. Um die Tatsache, dass "wir uns manchmal wie Marionetten fühlen", sagt Pipilotti Rist. Uns in lichten Momenten fragen: Wer gibt eigentlich vor, wer bestimmt, was ich so treibe? Bin das wirklich ICH? Muss ich so handeln? Gibt es Auswege? Andere Möglichkeiten? Fragen, die sich für die Künstlerin unabhängig von jedem Geschlecht stellen. Die Frauen in ihren Arbeiten stehen immer für den Menschen. Es wird vielleicht noch zwei, drei Generationen brauchen, bis das durchsickert. Aber darum geht's doch im Endeffekt. "Ich sehe meine Kunst nicht als realpolitisches Statement", meint Pipilotti Rist dazu, "aber vom Gefühl her wünsche ich mir schon, dass wir alle zusammen gehören."

Wenn wir schon an dem Punkt sind, kann man noch eins drauf setzen und dieses kleine Video in ganz große Zusammenhänge betten. In Anbetracht der Tatsache, dass die Menschen eher dazu neigen, die Dinge schlecht zu reden, zu jammern, gern aus ziemlich privilegierten Positionen heraus – könnte man mit Piplotti Rist auch fragen: Am I the girl who misses much? Bin ICH wirklich die Frau, die viel vermisst? Nein, eigentlich habe ich das meiste, was ich brauche und kann hier gemütlich feministische Kunst als Exorzismus und Energie-Push feiern, während andere täglich um ihre Existenz kämpfen. Purer Luxus. Aber was ist das Luxuriöse? Die Kunst? Der Feminismus? Und bitte nicht falsch verstehen: Das ist keine post-ironische Mittelstands-Parole, sondern der Schmerz über einen unauflösbaren Widerspruch. Ich kann schließlich nur meinen eigenen Kontext definieren. Das ist er. Jetzt seid ihr dran!  

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