NFTs im Kunstbetrieb Wieso wir froh sein sollten, wenn Millionäre ihr Geld in Kryptokunst stecken

Warum gibt jemand Geld für Kunst aus, die er sich auch mit einem Rechtsklick herunterladen könnte? Der Künstler Max Haarich beschäftigt sich mit Fragen, die digitale Werke und NFTs dem Kunstmarkt stellen.

Von: Friedrich Müller

Stand: 13.04.2022

Pixelige Darstellung eines Urinals | Bild: Max Haarich

Seit im März 2021 der damals weitgehend unbekannte Künstler Beeple 69 Millionen US-Dollar für eine Collage erzielte, die nur digital existiert, redet nicht nur die Kunstwelt über NFTs und digitale Kunstwerke. Zum einen geht es dabei um digitale Kunstwerke: animierte Bilder zum Beispiel oder aufwändige 3D-Grafiken, künstlerische Arbeiten also, die digital produziert werden. Auf der anderen Seite gibt es NFTs. Die sind selbst keine Kunstwerke, sondern im Grunde nichts anderes als digitale Zertifikate, in denen verschiedenes hinterlegen kann: zum Beispiel Eigentumsrechte an Autos, an Häusern – aber eben auch an Kunstwerken, egal ob auf Leinwand oder digital. Max Haarich arbeit mit und über NFTs. Er ist Konzeptkünstler und beschäftigt sich mit neuen Technologien wie Künstlicher Intelligenz und eben Non-fungible Tokens. Ein Teil seiner Arbeiten sind digitale Kunstwerke, ein anderer Teil ist völlig analog. Ein Gespräch über Tantiemen, die automatisch ausgezahlt werden, übers Angeben mit Kunst und das Investieren in Kunst statt in Semmeln.

Friedrich Müller: Vorab zur Klärung: Wenn du ein digitales Kunstwerk baust, zum Beispiel ein Bild im JPEG-Format, und dieses Bild anschließend als NFT verkaufst: Bekommt, wer das NFT kauft, etwas anderes, als jemand, der sich die Bild-Datei einfach herunterlädt, weil sie irgendwo im Netz herumschwirrt?

Max Haarich: Das ist genau das, was vielen Leuten Kopfzerbrechen bereitet. Physisch ist es identisch. Ein NFT-Kunstwerk ist absolut identisch mit einem normalen Digitalkunstwerk. Das Kunstwerk verändert sich nicht, du verlinkst es nur mit dem NFT. Wenn du von dem JPEG eine Kopie machst, ist die absolut identisch mit dem JPEG, das als NFT verkauft wird.

Warum soll ich das dann kaufen?

Max Haarichs Arbeiten beim NFT-Händler opensea.io

Weil es dann dir gehört. Und dass etwas dir gehört, ist für viele Leute sehr, sehr wichtig. Es gibt Leute, die sich geprügelt haben, weil der eine als Profilbild ein NFT genommen hat, das dem anderen gehörte. Er hat natürlich technisch betrachtet nur das JPEG genommen, das NFT blieb unberührt. Aber er hat angegeben mit etwas, wofür ein anderer viel Geld bezahlt hat. Eigentlich kann dir keiner was wegnehmen mit einer digitalen Kopie von einem Bild. Und das ist das Tolle: Du kannst im NFT-Bereich etwas besitzen, ohne es jemand anderem wegzunehmen. Wenn jemand ein tolles Kunstwerk kauft, dann ist es in den meisten Fällen für die Öffentlichkeit verloren. Das ist bei NFT niemals der Fall.

Was ist dein Ansporn dafür, Kunst mit NFTs zu machen?

Für mich ist NFT fast immer selber Thema in meinen Arbeiten. Die Technologie verändert die Welt und es wird zu wenig reflektiert, was das für eine Welt ist, die wir da erschaffen. Ich möchte Brücken zwischen Kunst und Technologie bauen, weil es wichtig ist, dass es eine stärkere Rückkopplung gibt. Kunst ist eine universale Sprache, die sichtbar machen kann, wo Technologie uns hinführt.

Und ich liebe NFT, weil es theoretisch für die Ewigkeit ist. Was auf einer Blockchain gespeichert ist, lebt dort so lange, bis der letzte Server der Blockchain abgeschaltet wird. Und der kann in einem Bunker mit einem tollen Solar-Akku laufen, bis sonst wann. Theoretisch überlebt das ewig.

Wie kann das also aussehen, eine künstlerische Reflexion über die Technik?

Das Allererste, was ich gemacht habe, war ein einzelner transparenter Pixel. Im Gegensatz zur sehr grellen Cyber-Ästhetik der meisten Digitalkunstwerke ist das eher minimalistisch und clean. Ein einzelner Pixel, eine kleinere Bilddatei kannst du nicht erstellen. Was bezahlst du dann dafür? Bei Beeple waren es 70 Millionen für ein rein digitales Kunstwerk, das sich jeder mit einem Rechtsklick kopieren kann, wo 5000 Tage Arbeit drinstecken. Wenn man das als NFT mintet, dann stößt der Prozess genauso viel CO² aus wie der des einzelnen Pixels. Was einfach total absurd ist, denn bei der Beeple-Collage kriegt man so viel mehr Kunst.

Gleichzeitig sollte der Pixel ein Kommentar sein zu Urheberrechtsfragen: Versuch mal, Urheberrechtsanspruch durchzusetzen für ein Objekt, das überhaupt keine Eigenschaften besitzt, weil du es nicht sehen kannst. Wenn jemand anderes einen transparenten Pixel macht, wie willst du dann sagen, der ist kopiert?

Das Meme Nyan Cat war als NFT eine halbe Million Dollar wert | Bild:  Chris Torres zum Artikel Hype um Krypto-Kunst Das Gespenst der NFTs

Seit der eher unbekannte Künstler Beeple 69 Millionen US-Dollar für ein rein digitales Kunstwerk erzielte, redet die gesamte Kunstwelt sie: NFTs. Kunstkritiker Kolja Reichert über den Hype – und warum wir uns über die NFTs freuen sollten. [mehr]

Stichwort Urheberrecht: Warum sind NFTs gerade für Kunstschaffende so interessant, welche Chancen liegen für darin für Menschen, die von Kunst leben wollen?

Ein riesen Faktor ist, dass du sogenannte Royalties einstellen kannst, das sind Verkaufsprovision beim Wiederverkauf. Normalerweise, wenn junge Künstler:innen was verkaufen, dann sehen sie in 20 Jahren, wenn alles toll läuft, wie ihre Werke für Millionen weggehen – es bringt ihnen selbst aber überhaupt nichts. Wenn das mit einem NFT passiert, dann kriegst du deine 10 Prozent davon oder mehr.

Da kannst du zum Beispiel in das NFT hineinschreiben: Beim Wiederverkauf werden 10 Prozent des eingenommenen Geldes an das digitale Portemonnaie der Künstler:in zurückgeschickt. Und das Schöne ist, das passiert automatisch. Sobald ein Verkauf getätigt wird, wird dieses Geld weitergeleitet. Du brauchst dich nicht drum kümmern. Deswegen bezeichnet man die Blockchain-Sache auch gerne als trustless technology: Du brauchst ihr nicht zu vertrauen, die Technologie kann nichts anderes machen als das, was sie die ganze Zeit macht.

Lass uns nochmal über den Beeple-Verkauf sprechen, bei dem im Frühjahr 2021 jemand unglaubliche 69,36 Millionen US-Dollar bezahlt hat für eine JPEG-Datei. Der Kunstkritiker Kolja Reichert sagt dazu: Ob die Datei das wert ist, sei überhaupt nicht die Frage, bezahlt wurde das viele Geld für den historischen Moment. Was man dafür bekomme seien "Bragging Rights", Angeberrechte.

Ich würde behaupten, im speziellen Fall Beeple trifft das sehr, sehr zu. Da ging es natürlich darum, dass jemand sagen kann: Schaut mal, das habe ich mir geleistet mit meinen Krypto-Milliarden. Ich sage immer, wir sollten froh sein, dass der Käufer diese ganze Kohle in Beeple gesteckt hat. Hätte er das Geld in Semmeln gesteckt, wären unsere Semmel jetzt doppelt so teuer. Das muss man auch sehen. Der Bereich der Kryptowährungen wächst sehr schnell. Irgendwo muss dieses Wachstum abgefangen werden und da wird viel Liquidität durch NFTs gebunden, die sonst unseren normalen Finanzmarkt überschwemmen würde.

Es ist eigentlich ziemlich cool, dass viele Leute viel in NFTs stecken. Ja, man kriegt "Bragging Rights", Angeberrechte, aber wer sich einen 40 Millionen-Dollar-Hasen von Jeff Koons kauft, steht definitiv auch auf bragging. Und es gibt es tolle Kunstwerke, die kannst du eben nur als NFT sammeln. Wenn man die Websites von Rafaël Rozendaal anschaut, die er schon seit Jahrzehnten macht: Da sind so fantastisch wunderschöne Websites dabei.

Max Haarich zeigt einige seiner Arbeiten aktuell in München. Die Gruppenausstellung "Die ersten Jahre der Professionalität #41" ist bis zum 8. Mai 2022 in der Galerie der Künstler zu sehen. Mehr Infos zur Ausstellung gibt es hier.