Installation für Flüchtlinge Leuchtzeichen für mehr Solidarität

Während Corona die Nachrichten bestimmt, ertrinken weiter Flüchtlinge im Mittelmeer. Auf dieses Drama weist Markus Heinsdorff mit einem Leuchtenfeld aus Schwimmwesten im Schloss Blumenthal hin. Ein Mahnmal, das auch helfen soll.

Von: Andrea Mühlberger

Stand: 17.03.2021 | Archiv

Installation mit Leuchtstelen im Innenhof von Schloss Blumenthal | Bild: BR / Muehlberger

Corona verdrängt so gut wie alle anderen wichtigen Themen – wie etwa die Flüchtlingsfrage. Dabei war die Zahl der Menschen, die weltweit vor Kriegen, Konflikten und politischer Verfolgung auf der Flucht sind, nie so hoch wie heute: Mitte 2020 lag sie laut UNESCO-Angaben bei über 80 Millionen. Eine Zahl, so hoch, als wäre fast ganz Deutschland auf der Flucht. 80 Millionen Einzelschicksale. An diese möchte der Münchner Installationskünstler Markus Heinsdorff in Schloss Blumenthal bei Aichach erinnern. Immer wenn es dämmert im Innenhof der Schlossanlage, beginnt sein Leuchtenfeld aus 144 Stelen orange zu glühen. Andrea Mühlberger hat mit dem Künstler über seine bemerkenswerte Installation gesprochen.

Andrea Mühlberger: Herr Heinsdorff, Sie haben hier im Innenhof von Schloss Blumenthal die Lampen angeknipst, im Zeichen der Solidarität: "Licht an für mehr Menschlichkeit" heißt Ihre Installation aus 144 orange leuchtenden Stelen. Wie kam es zu diesem Projekt?

Installationskünstler Markus Heinsdorff

Markus Heinsdorff: Ich bin als Künstler ja immer auf der Suche nach neuen Formen, gerade auch der Kunst. Und das war ein Anliegen, sozusagen auf Einladung von Schloss Blumenthal etwas zum Thema Flüchtlinge zu machen. Mein Vorschlag an die Blumenthaler war dann: Lasst es uns mal richtig machen! Auch mit der Idee, dass es hier eine große Gemeinschaft gibt und wir gemeinsam eine tolle Energie entwickeln und etwas auf die Beine stellen können.

Wer sind denn die Blumenthaler? Was ist das für eine Gemeinschaft, die in dieser Schlossanlage wohnt?

Diese Schlossanlage wurde vor anderthalb Jahrzehnten von zwei Familien erworben, heute wohnen dort meines Wissens an die 40 Menschen mit ihren Familien. Diese Gemeinschaft, die sich hier im Laufe der Zeit gebildet hat, ist extrem engagiert, auch gerade in Sozial- und Flüchtlingsfragen. Die hatten hier schon einiges im Vorfeld gemacht...

...beispielsweise haben die Blumenthaler immer wieder Flüchtlinge im Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos unterstützt. Wie kamen Sie mit den Blumenthalern zusammen?

Wir waren schon länger im Gespräch und die Idee kam auf, mit möglichst geringen Kosten ein möglichst eindrucksvolles Werk zu schaffen, welches das Flüchtlingsdrama aufgreift und genau auf den Punkt bringt. Insgesamt haben wir hier im Innenhof 700 Quadratmeter, die bespielt werden mit diesen 4,40 Meter hohen Stelen, die signalrot leuchten, und mit ihren 7 Watt LED-Lampen ein starkes, aber sehr umweltfreundliches Licht in die Umgebung strahlen und eben damit ein Signal setzen.

Sie hatten dabei an die 60 sehr tüchtige ehrenamtliche Helfer zur Seite, aus Blumenthal und der Region  ohne die wäre das Leuchtenfeld nicht zustande gekommen, oder?

Nein, denn diese roten Leuchtkörper sind alle handgefertigte Unikate aus originalen Schwimmwesten. Die wurden zerlegt in ihre Einzelteile und dann wieder zu Stoffbahnen zusammengefügt. Diese Stoffbahnen wurden dann zu Lampen mit Körpern aus Holz und LED-Leuchten verspannt. So ist die Arbeit entstanden. Die Idee bei der Leuchtinstallation war es, Authentizität mit reinzubringen. Nachdem die Schwimmweste inzwischen zu einer Art Symbol für die Fluchtthematik geworden ist, lag es für mich sehr nahe, mit den Stoffen von Originalwesten zu arbeiten, die schon mal im Einsatz waren. Dabei waren auch viele Westen, die überhaupt nicht schwimmenfähig waren das konnten wir anhand des Materials feststellen. Man erlebt durch diese Bearbeitung also auch, was für Dramen da noch in den Dramen stecken: Menschen, die einfach ertrinken, weil ihre Schwimmweste als solche gar nicht geeignet war. An den vielen kleinen Aufschriften und Nähten merkt man auch: Das sind Dinge, die schon mal in der Realität waren, was uns Menschen auch berühren sollte.

Was glauben Sie, was vermag Ihr Leuchtenfeld auszurichten in der Auseinandersetzung mit der Flüchtlingsproblematik?

Ich möchte mit dieser Istallation einfach auf ein Riesenproblem aufmerksam machen: Nach Corona wird die Welt nicht mehr die gleiche sein, der Klimawandel wird natürlich noch einiges dazu beitragen. Das heißt, wir müssen die Probleme angehen und Lösungen finden. Als Künstler habe ich natürlich großes Interesse, hier Sensibilität und Aufmersamkeit zu schaffen. Darüber hinaus haben wir ein mehrschichtiges Projekt entwickelt: Erst gibt es eine große Installation für die Öffentlichkeit. Dann können Interessierte einzelne Leuchtstelen erwerben und bei sich im Garten, am Balkon oder Fenster installieren und damit auch ein Zeichen setzen. Dabei generieren wir über Spenden Gelder, die dann entsprechend an Hilfsorganisationen weitergeleitet werden.

Die Leuchtstelen sind jede für sich ein Unikat, "solides Handwerk", sagen Sie. Aber auch ästhetisch ansprechend. Das gilt auch für viele andere ihrer Werke wie etwa Mini-Häuser aus Plastikmüll oder Bambus. Wie gelingt es, aus minderwertigen Materialien Kunst herzustellen, die durch ihre Botschaft wachrüttelt, gleichzeitig aber auch gefällt?

Ja, das ist eine der großen Herausforderungen: Mit einfachen Materialien Projekte zu entwickeln. Gerade im Sozial- und Umweltbereich sind die Budgets ja meistens sehr knapp. Hier heißt es auch ein bisschen zu zaubern. Ein großes Thema von mir ist gerade das Bauen mit Müll, also Klimahüllen herzustellen für alle, einfache Bauten. Aktuell sind 80 Millionen Menschen auf der Flucht und bräuchten ein Dach über dem Kopf, Tendenz steigend. Hier experimentiere ich gerade mit entsprechenden Konzepten. Die Kunst besteht dann darin, etwas Attraktives daraus zu machen, also mit einfachen, "armen" Materialien, wenn man so will, zu arbeiten und gleichzeitig einen ästhetischen Glanzpunkt zu setzen.

Sie sind als Künstler viel herumgekommen: Indien, China, Indonesien und in all diesen Ländern haben Sie durch Ihre Installationen oder architektonischen Interventionen beeindruckende Zeichen gesetzt. Auf der Expo 2010 in Shanghai haben Sie den deutsch-chinesischen Pavillon gestaltet. Man kann schon sagen, dass sie wirklich viel Erfahrung haben mit internationalen Projekten. Dieses Leuchtfeld hier hätten Sie eigentlich auch an einem Mittelmeer-Strand aufstellen können. Aber Sie haben sich Schloss Blumenthal dafür ausgesucht. Warum?

Schloss Blumenthal war prädestiniert aufgrund der Teamarbeit. Aber es war auch eine schöne Herausforderung, mal hier in der Region etwas zu machen, was einen möglichst großen Einzugsbereich hat. Das erleben wir gerade, dass nicht nur die Medien das annehmen, sondern auch viele Menschen gerne kommen und sich das anschauen. Ich finde es gut, in die Region, aufs Land zu gehen und gerade von hier aus den Blick auf die Nachbarn zu lenken, die ja nur einen Katzensprung entfernt sind, als Anrainerstaaten und natürlich auf die ganze Mittelmeerregion, die uns ja sehr nahe ist.

Die Rettungswesten waren alle auch in Gebrauch. Auf den Stoffen sind noch Spuren von Salz. Jede Leuchte, die hier steht, steht also auch für mindestens ein Flüchtlingsschicksal. Hatten Sie selbst auch Kontakt zu Flüchtlingen?

Ich selbst bin in Schwellenländern, in Entwicklungsländern etwa in Afrika immer in Slums gegangen, um zu lernen, wie man mit einfachen Mitteln bauen kann. Was von außen aussieht wie eine desaströse Ansammlung von Materialien, ist letztlich ein extrem kreativer Akt: Dass Menschen mit fast nichts sich eine Hülle, ein Dach, ein Zuhause bauen das hat mich immer sehr beeindruckt. Und das Flüchtlingsthema oder das Aus-der-Not-Geborene liegt mir sehr nahe, weil ich es auch als einen kreativen Akt sehe.

Sie sind dafür bekannt, mit Ihren Projekten den Finger in die Wunde zu legen: Klimawandel, Wasserknappheit jetzt also die Flüchtlingsproblematik. Kunst als Medium, die Menschen wachzurütteln. Warum gerade jetzt, weil das Thema Flucht durch Corona verdrängt wurde?

Die Corona-Zeit ist ja auch eine Zeit des Nachdenkens. Da passt es gut rein, dass wir auch in die Zukunft schauen und uns fragen: Wie wollen wir die gestalten? Dass wir uns um unsere Nachbarn einfach viel mehr kümmern und uns da verstärkt engagieren müssen, ist, denke ich, selbstverständlich. Die Zukunft steht vor uns. Sie hat vielleicht schon ein kleines bisschen begonnen, mit der Frage: Was ist möglich wie kann man sich einbringen, auch in kleinen Schritten?

Die Installation "Licht an für mehr Menschlichkeit" im Innenhof von Schloss Blumenthal bei Aichach ist noch bis Anfang Mai zu sehen und kann ganztags besichtigt werden – auch ohne Voranmeldung. Alle Informationen zur Anfahrt, zum Künstler und auch zur Spendenaktion für Flüchtlinge im Mittelmeer finden Sie hier.