Kunstkonserven Kultur aus der Dose

Die Künstlerinnen Momo Heiß und Katharina Müller haben in München Kunstautomaten verteilt. Schließlich kann Kunst auch in kleinen Dosen viel bewirken.

Von: Flora Roenneberg

Stand: 16.04.2021 | Archiv

Frau zieht eine Dose aus einem Automaten | Bild: Jo Heiß

"Am Anfang der Welt, da war eigentlich alles schon da: Die Tiere, die brummenden Insekten, die wilden Wälder und der blaue Himmel, und die Sonne und der Mond und die Sterne und die Luft und das sprudelnde Wasser und die Erde und das Feuer. Ja, und es gab auch schon Mann und Frau. Die wohnten gemeinsam in einer Hütte. Und es war eigentlich alles, wie es sein sollte – und dann kam der ärgste Feind der Liebe: Der Alltag ist es, der ihnen dazwischen kommt."

Diese Geschichte stammt aus einer Konserve. Einer Kulturkonserve. Um den Alltag, gerade in Zeiten der Pandemie, mit Poesie und Inspiration zu füllen, haben die beiden Künstlerinnen Momo Heiß und Katharina Müller ein ganz besonderes Projekt ins Leben gerufen: Kunst & Kulturkonserven. Kleine bunte Dosen, die man für einen Euro an alten Süßigkeiten-Automaten in der ganzen Stadt ziehen kann, laden dazu ein, zu lachen, zu basteln, zu träumen, zu lauschen, Ideen zu entwickeln, nachzudenken, zu diskutieren und mit anderen in Kontakt zu treten. Es geht darum, auf ganz neue Gedanken zu kommen, und dem grauen Alltag etwas Buntes entgegenzusetzen.

16 Kunstautomaten über die Stadt verteilt

Die beiden Macherinnen: Katharina Müller und Momo Heiß

"Ich bin ein bisschen Automaten-begeistert", sagt Katharina Müller. "Und wollte schon vor Jahren immer mal so einen Automat machen mit Kunst, und hab immer schon gesucht, und dann war das irgendwie der erste mit diesen Dosen, den man so selber gut befüllen konnte. Und das war dann der Kunstautomat."

Inzwischen gibt es 16 Orte in München, an denen man diese bunten, mit Kunstdosen gefüllten Mitmach-Automaten finden kann. Mal steht einer unter Baumwipfeln im Park, mal lehnt einer an einem Kiosk, mal an einer Straßenkreuzung oder vor einem Café. Mal geht einer auf Reisen oder erobert eine Grundschule. Es gibt sechs verschiedenen Arten von Dosen. Jede Konserve enthält ein Versprechen. "Wir haben die Kunst- und Kulturkonserven in München stehen, voller Anregungen, Geschichten, 'Kreativ-Dosen', 'Kennst-Du-Das-Dosen', 'Wunderworte' – immer mit der Anregung, dass man uns doch etwas zuschicken kann", sagt Momo Heiß.

Flüsterpost gegen Einsamkeit

Es geht den Künstlerinnen um Austausch und Miteinander, während unser Alltag gerade von Distanz und Einsamkeit geprägt sind. Geschichten werden gezogen, getauscht, neu-, weiter- und zu Ende erzählt. Kunst wird erschaffen, dokumentiert, gesammelt und gezeigt. So hat vor einem Jahr im Lockdown die Flüsterpost der Kunst und Geschichten begonnen und spinnt sich seitdem täglich weiter.

"Wir sind beide Macherinnen", sagt Momo Heiß. Eins habe immer das andere ergeben, ohne dass man groß geplant hätte. "Es ist nicht so ein Projekt, das lange vorgeplant und dann perfekt abgeliefert wird - sondern es ist ein wirklich interaktives Projekt, wo auch wir noch lernen."

Ein Passant zieht sich eine Kunst- und Kulturkonserve aus einem der Automaten. Als er sie öffnet findet er einen Zettel. "Du hast die Geschichte Mondsteinchen-Sam gezogen", liest er vor. Er scannt den QR-Code neben dem Titel, setzt sich den Kopfhörer auf. Während er der Erzählung lauschend weiter durch den Englischen Garten schlendert, nähert sich neugierig eine sich ein kleines Mädchen an die nächste Dose. Sie zieht eine Dose mit Fäden, Eisstielen, Gummibändern und Augen zum Aufkleben. Vielleicht ein Fantasietier? Das Mädchen setzt auf die nächstgelegene Parkbank und beginnt zu basteln.

Kreatives Momentum mit Eigendynamik

In einem anderen Stadtteil betrachten zwei junge Männer gerade gespannt ihre frisch erbeuteten Kunstkonserven. "Ich habe eine Wunder-Worte-Dose geogen", sagt der eine. "Bedrohte Worte, Redensarten und Missverständnisse. Ich bin schon gespannt, was drin ist."

Kunst aus der Dose gleich kreativ weiterverabeitet

Während der eine sich mit den Begriffen "cringe" und "blümerant" auseinandersetzt, zieht der andere aus seiner Dose zwei kleine Figuren. Die Jungs setzen die beiden Figuren auf die Puderzuckerschneelandschaft eines Schokobrownies, schießen davon ein Foto und stellen es online in die Ausstellungsreihe des Projekts. So entsteht schon durch eine einzige Dose ein kreatives Momentum, das immer weiter fortwirkt.

Genau um solche Situationen geht es den beiden Macherinnen, Katharina Müller und Momo Heiß: "Uns war es wichtig, dass wir zum Tun anregen,  zum Austausch miteinander. Deswegen haben wir ja auch in allen Dosen immer die Möglichkeit angelegt, mit dem Projekt selbst zu interagieren. Wir haben zum Beispiel ganz fantastische Geschichten, die sich Teilnehmer ausgedacht haben oder andere Teilnehmer, die Grüße hinterlassen in der nächsten Dose.  Das soll ein Projekt für alle sein!"