Architektur der Zukunft Wie Städte nachhaltig wachsen

Stand: 10.11.2021 11:28 Uhr | Archiv

Ballungsräume dehnen sich weltweit rasant aus. Wie bleiben unsere Städte trotzdem lebenswert? Die Zukunft der Architektur und Städteplanung liegt im nachhaltigen Bauen.

Wie Städte nachhaltig wachsen | Bild: BR

Noch nie lebten weltweit so viele Menschen in Städten wie heute. Doch der begehrte Lebensraum birgt viele Probleme: Wohnungsnot, fehlende Grünflächen, Verkehrskollaps. Die Architekturfilmreihe "Drunter und Drüber" hat sich der entscheidenden Frage gewidmet, wie unsere Städte nachhaltig wachsen können. In vier Folgen stellt die Doku zukunftsweisende Projekte renommierter Architekten aus der ganzen Welt vor – von Coop Himmelblau über Norman Foster bis Zaha Hadid. Von Hamburg und München über London, Paris und New York bis nach Singapur. Die Koproduktion von Arte und BR gibt einen Ausblick in die Stadt der Zukunft.

Die Dokus werden am Mittwoch, 10.11.21, (Folge 1+2) und am Mittwoch, 17.11., (Folge 3+4) jeweils um 22.45 Uhr im BR Fernsehen ausgestrahlt.

"Grünes" Bauen: Natur in der Stadt

Natur und Metropole sind keine Gegensätze: Denn die Lebensqualität in einer Großstadt hängt auch davon ab, wie viel Platz sie der Natur einräumt. Es gibt Wege aus dem Dauerstau und einige inspirierende Architekturprojekte, die zeigen, wie sich in Großstädten grüne Oasen schaffen lassen.

Bestes Beispiel für eine nachhaltige und kreative Umnutzung: eine Architektur, die ausgerechnet alte Verkehrswege nutzt, um neue Grünflächen und Erholungsraum zu schaffen. Wie etwa das „Seoullo“ in Seoul, Korea: Die ehemalige Stadtautobahn spannt sich über die größte und meistbefahrene Kreuzung der Millionenstadt. Anstatt sie abzureißen, beauftragte die Stadt das niederländische Architekturbüro MVRDV mit der Umwidmung in eine begrünte Fußgängerbrücke mit botanischem Garten. Heute verbindet der Stadtpark auf Stelzen mit seinen Stegen und Treppen zwei Stadtteile und dient als Flaniermeile und Erholungsraum. Unten der Verkehr, darüber der Park: Das ist auch das Konzept des Münchner Petuelparks sowie des Hamburger Deckels.

An anderen Orten entstehen wiederum ganze Gebäudelandschaften, die die Natur in die Stadt holen: Grasflächen ziehen sich diagonal vom Boden bis zum Dach, begehbare Dachflächen werden übergrünt, so dass die Bauwerke selbst zur Parklandschaft werden. Atrium-Einschnitte und begrünte Lichthöfe im Souterrain öffnen sie auch nach unten. Das Dongdaemun Design Plaza der britisch-irakischen Architektin Zaha Hadid fließt in Seoul mit seinen sechs Ebenen und Rasenflächen dynamisch in seine Umgebung hinein. Die Beispiele stehen für eine neuartige Bauweise: vielschichtig und durchlässig. Die Städteplanung der Zukunft lässt Natur und Stadt auf vielen Ebenen zusammenwachsen und schafft, trotz des steigenden Raummangels und ohne weitere Flächenversiegelung, neue attraktive Räume.

Aufstockung: Mittel gegen die Wohnungsnot?

Expertinnen und Experten sehen in der Nachverdichtung und Aufstockung von Bestandsgebäuden ein enormes Potenzial, um eine Menge bezahlbaren Wohnraum zu gewinnen. Reiner Nagel, Präsident der Bundesstiftung Baukultur, ist überzeugt:

"Über zwei Millionen neue Wohnungen auf Wohngebäuden und Gewerbebauten könnten in Deutschland gebaut werden durch Aufstockung von ein oder zwei Geschossen." Reiner Nagel, Präsident Bundesstiftung Baukultur

Lebenswerte Stadt: Bezahlbarer Wohnraum und Lebensqualität für alle

Paris hat mit seiner schon immer dichten Bebauung und den sozialen Brennpunktvierteln in den Vororten extreme Wohnungsnot. Schon 2004 haben Magendie Architectes in Boulogne-Billancourt ein ganzes Sozialwohnungs-Quartier aufgestockt: eine neue Wohnlandschaft mit über 72.000 Quadratmeter Fläche. Wie sich trotz der geringen Budgets Wohnungen mit Eigenheim-Charakter schaffen lassen, zeigt das Projekt vom Architekturbüro agence virtuel in Poissy. 33 unterschiedlich große Häuschen mit einem eigenen roten Satteldach haben die Architekten auf die Wohnblocks gesetzt. So fühlt es sich für die Bewohner fast ein wenig an wie im idyllischen Reihenhäuschen – aber mit sensationellem Weitblick. Sozialer Wohnungsbau im Bestand – mitten im teuren Bloomsbury in London: Das ist DSDHA Architects mit der Sanierung und Erweiterung von Suffolk House gelungen.

Es ist mehr als nur Wohnraum: Nachverdichtungen bewirken oft auch eine Verbesserung der Versorgungsinfrastruktur. Mehr Bewohner heißt mehr Kunden, mehr Kinder, mehr Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel also im besten Falle auch einen Bäcker direkt im Viertel, einen Kindergarten oder eine neue Bushaltestelle.

Doch mit Blick Richtung Zukunft sind auch kluge Lösungen für kleine Dachflächen gefragt. Denn von ihnen gibt es insgesamt in vielen Städten mehr als große Dachflächen. Bei kleinen Aufstockungen ist Innovationsfreude und Einfallsreichtum gefragt. Die Wohnungen, die hier entstehen, sind zwar eher exklusiv und teuer, zeigen aber, wie selbst auf dem kleinsten Dach noch neuer Wohnraum entstehen kann.

Zaha Hadid: Revolutionärin der Gegenwarts-Architektur

Zaha Hadid wurde in Bagdad geboren und ist dort aufgewachsen. Die britisch-irakische Architektin galt Zeit ihres Lebens als Diva, weil sie Bauherren provozierte und auch gerne mal Interviews mit Journalisten abbrach. Aber der Pionierin gelang es, die zeitgenössische Architektur nachhaltig zu verändern: Weiblichkeit und amorphe Formen prägen ihren einzigartigen Baustil, aber die "Queen of Curves" hatte auch bereits Themen wie Diversität und Inklusion im Blick. Ihr Neubau auf dem Porthouse Antwerpen beweist, wie ästhetisch Aufstockung sein kann. Das Objekt ist auf den historischen Bau aufgesetzt, seine Form erinnert an ein Schiff und es spiegelt das Wasser im Hafenbecken. Die Konstruktion soll an Diamanten erinnern und so einen Bezug zum Diamantenhandel in Antwerpen herstellen. Das Dongdaemun Design Plaza in Seoul lässt Grünflächen und Gebäude auf mehreren Ebenen verschmelzen.

2004 erhielt Zaha Hadid als erste Frau die wichtigste Auszeichnung in der Architektur, den Pritzker-Architektur-Preis.

Zaha Hadid: Ihre Vision

Die Architektur-Ikone fasste ihre Vision einmal so zusammen:

"Das Wichtigste ist die Bewegung, der Fluss der Dinge, eine nicht-euklidische Geometrie, in der sich nichts wiederholt: eine Neuordnung des Raumes." Zaha Hadid

Das Dongdaemun Cultural Center in Seoul nannte sie selbstbewusst "eine metonymische Landschaft". Möglicherweise hatte sie recht: Die Zukunft des Bauens liegt vielleicht in der komplexen Verknüpfung von Architektur und Landschaft. Das einzelne Gebäude könnte irgendwann der Vergangenheit angehören. Die Neuordnung des urbanen Raums wird nicht mehr klar unterscheiden zwischen oben und unten, innen und außen, Stadt und Natur. Der Stadtraum als fließendes Kontinuum wird seinen Bewohnern ganz neue Räume bieten.