Kulturlieferdienst So kommt trotz Lockdown Musik in die Straßen

Straßenmusik trotz Veranstaltungsverbot? Der Münchner Kulturlieferdienst nutzt eine rechtliche Lücke, um im Lockdown Konzerte im öffentlichen Raum zu organisieren. Wie das geht, erklärt Veranstalter Benjamin David im Interview.

Von: Andrea Mühlberger

Stand: 12.02.2021 | Archiv

Die gesperrte Kapuzinerstraße von oben mit Musikern und Zuschauern bei einem Konzert des Kulturlieferdienstes | Bild: Benjamin David

Friseure dürfen ab März wieder aufsperren. Das Argument der Staatsregierung: Mit ihrer Haarkunst sorgen sie in der Pandemie für die Aufrechterhaltung unserer Würde. Das Verbot für Kulturveranstaltungen im öffentlichen Raum dagegen bleibt. Doch es gibt legale Schlupflöcher, die Musikern Auftritte ermöglichen und auch ihnen ihre Würde zurückgeben. Eines dieser Schlupflöcher nutzen Benjamin David und Jürgen Reiter vom Münchner "Kulturlieferdienst", um Musik in die Straßen zu bringen. Konzerte auf Bestellung!

Andrea Mühlberger: Wie kann Kultur trotz Lockdown stattfinden? Auf diese Frage hat der Kulturlieferdienst schon im Mai eine raffinierte Antwort gefunden. Wie kommt es, dass ihr trotzdem Straßenkonzerte organisieren dürft?

Benjamin David: Es gibt in der bayerischen Gesetzeslage einen ganz interessanten Aspekt, den ich übrigens auch jeder anderen Gemeinde empfehlen kann: Und zwar ist es so, dass Demonstrationen jetzt auch während der Pandemie bis zu einer Teilnehmerzahl von 200 Personen zugelassen sind, anfangs waren es 50 Personen. Und diese rechtliche Lücke nutzen wir sehr verantwortungsvoll und ermöglichen so Konzerte im öffentlichen Raum, unter freiem Himmel, mit viel Abstand, inzwischen auch mit Maske, zwischen den Häusern und verwandeln quasi die Autostraßen in Konzertsäle. Bis zu 200 Menschen stehen auf der Straße oder machen ihre Fenster auf, stehen auf den Balkons und können ein bisschen Kultur genießen, auch in dieser Zeit.

Liefern Konzerte auch im Lockdown: Die Veranstalter Benjamin David und Jürgen Reiter haben das Vertrauen der Münchner Behörden

Also offiziell sind das alles genehmigte Demonstrationen, als Kundgebungen maskierte Konzerte könnte man auch sagen. Erinnert mich tatsächlich ein bisschen an Karneval, an die offiziell gestattete Unterwanderung geltender Regeln. Werdet ihr von den Münchner Behörden dabei nicht auch etwas misstrauisch beobachtet?

Was uns hilft ist, dass man uns in München schon seit 25 Jahren als Veranstalter kennt und weiß, dass wir uns eigentlich sehr streng an alle möglichen Regeln halten. Das nehmen wir auch in der Pandemie ausgesprochen ernst. Tatsächlich sind wir schon so weit gegangen, dass wir einzelne Teilnehmer, die sich geweigert haben, eine Maske zu tragen, aus der Versammlung ausgeschlossen haben. Also wir wollen eigentlich sogar einen Beitrag zur Pandemie-Bekämpfung leisten, als eine Art pädagogisches Projekt, bei dem man übt, wie öffentliches Leben, wie Kommunikation, Interaktion und Begegnung in dieser Zeit stattfinden können. Dieser Spagat ist natürlich immer wieder aufs Neue auszuhandeln. Aber man muss auch sagen, dass unsere Kreisverwaltungsbehörde hier in München und das Gesundheitsamt von vornherein sehr offen waren. Das gilt auch für die Zusammenarbeit mit der Polizei. Eben weil sie sehen, dass die Regeln sehr genau eingehalten werden, und so ist dann öffentliches Leben auch relativ normal möglich.

Ihr zählt mit euren Kultur-Lieferungen zu den wenigen kulturellen Veranstaltungen, die momentan live stattfinden dürfen. Wie wird das Projekt von den Künstlern und Zuschauern angenommen?

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Also eigentlich durchgehend sehr positiv. Natürlich gibt es bei jedem Kulturlieferdienst auch immer einen, der sich über irgendetwas beschwert. Aber die Künstler freuen sich, es kommen auch großzügige Spenden zusammen für die Künstlerinnen, Künstler, Kulturschaffenden und Tontechniker. Inzwischen legt auch der Bezirksausschuss noch ein bisschen was on top drauf - also da kommen durchaus auch Gagen zusammen. Und es ist ein total tolles Publikum! Die Leute sind einfach ausgehungert, sie haben schon ganz lange keine Live-Musik mehr gesehen. Natürlich sind sie auch verblüfft. Wie bitte? Was macht ihr hier? Ein Konzert? Da fließen auch oft auch Tränen. Also die Leute sind wirklich sehr berührt. Daran sieht man auch, wie unverzichtbar Kultur und Musik sind in dieser Zeit. Die Leute brauchen das als Medizin gegen die Einsamkeit, gegen das ein Stück weit Eingesperrtsein zuhause.

Selbst jetzt in diesen eher unwirtlichen Monaten?

Also die Leute haben überhaupt kein Problem mit dem Wetter. Die lassen sich nicht abschrecken. Tatsächlich hatten wir unsere am besten besuchten Konzerte bei schlechtem Wetter. Wobei das ja eine Theorie ist, die ich schon sehr lange vertrete: Es ist einfach ein Gerücht, dass der öffentliche Raum im Winter bei uns nicht funktioniert oder bei Regen. Es ist einfach nur eine Frage der richtigen Kleidung und der richtigen inneren Einstellungen. Wie gesagt, das ist so selten, was hier gerade passiert, dass die Leute oft auch extra von ihren Balkonen runterkommen, dabei sein und die Musik mal wieder spüren wollen.

Als im Mai nach sieben Wochen Lockdown zum ersten Mal wieder ein Live-Konzert in der Münchner Kapuzinerstraße stattfinden konnte – dank eurer frechen Idee - wurde das von der Presse auch als "historischer Moment" gefeiert. Du hast die Aktion mit dem Auftritt der Schäffler verglichen, die am Ende der Pest die Bevölkerung mit ihrem Tanz wieder raus auf die Straße locken wollten. Wie siehst du das denn eigentlich jetzt im zweiten Lockdown?

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Wir sehen eigentlich alle Aktionen, die wir bei den urbanauten oder bei Isarlust e.V. machen, als "Lockerungsübungen" für unsere Gesellschaft an. Diese innere Spannung zwischen man will manchmal alleine und für sich sein, braucht aber auch den Austausch mit anderen Menschen, die gibt's eigentlich immer schon. Insofern wundert es mich nicht, dass gerade in dieser Zeit unser Format so gut ankommt, weil es eben wirklich etwas zutiefst Menschliches bedient. Man misst sich dabei auch ein bisschen und vergleicht sich mit dem Rest der Menschen. Das ist natürlich im Moment schon sehr merkwürdig, wenn die Masken anhaben – wie so ein riesengroßes Theaterstück, kommt mir manchmal vor. Aber trotzdem glaube ich, man bekommt ein Gefühl dafür, welche Rolle man selber in der Gesellschaft spielt. Und daneben ermöglicht das Format ja auch den Künstlerinnen und Künstlern, endlich wieder aufzutreten. Das darf man ja nicht vergessen. Die machen das ja nicht vor allem für Geld, sondern weil sie gerne für andere Musik machen und vor Leuten auftreten. Was wir da für Szenen erleben, ist teilweise absolut herzerweichend!

Und steht im Kontrast zu so bürokratischen Begriffen wie "pandemietaugliche Begegnungsplattform". Das verdeckt völlig, worum es bei solchen Aktionen im öffentlichen Raum und der Umdeutung solcher Orte geht, wenn sie mit Kultur bespielt werden. Was passiert denn da eigentlich, also nicht auf der Veranstaltungs- sondern auf der Meta-Ebene?

Solche Formate machen wir ja schon seit 20, 25 Jahren, etwa den "Mobil-ohne-Auto-Tag", heute heißt der "Street Life Festival", oder den Kulturstrand an der Isar. Und in einer Gesellschaft, die immer mehr auseinanderfliegt, die zentrifugale Kräfte entwickelt, sind diese Formate Orte, wo man wieder zusammenkommt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich im Studium meinen Richard Sennett gelesen habe und die anderen Theoretiker der Öffentlichkeit oder des öffentlichen Raums: Es ist eben eine innere Spannung, und je mehr man ins Private oder ins Intime gedrängt wird, oder heute ins Digitale, desto größer ist zumindest bei den meisten die Sehnsucht nach echten Begegnungen. Und das sind eben Sachen, die im Digitalen nur sehr bedingt gehen.

Jetzt ist ja der Kulturlieferdienst so eine Art Notlösung. Wird das Format nach Corona weiterbestehen? Oder wird der Kulturlieferdienst überflüssig, sobald "normale" Veranstaltungen wieder erlaubt sein werden?

Was machen die da unten? Fenstergäste beim Kulturlieferdienst in der Münchner Kapuzinerstraße

Also nachdem es in München 6.000 Autostraßen gibt und in der Pandemie der Autoverkehr deutlich zurückgeht, könnte ich mir schon vorstellen, dass der Kulturlieferdienst oder ähnliche kleine Nadelstiche im Stadtraum auch in Zukunft möglich bleiben werden. Und es gibt ja noch eine andere "Gelingensbedingung": das sind die sozialen Medien mit ihren Möglichkeiten, Veranstaltungen zu sehr, sehr geringen Kosten zu organisieren und Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Ich glaube, dass das Format so weitergehen kann, zumindest kriegen wir das vielfach von Leuten so gesagt: "Macht doch weiter, auch wenn die Welt wieder normal wird!" Wobei ich mich auch manchmal frage, ob die Welt davor eigentlich normal war...

Könnte es nicht bald eng werden im öffentlichen Raum? Mein Eindruck ist, dass bayernweit viele aus der Kulturszene in den Startlöchern stehen und nur warten auf das Auftaktsignal zum Kulturfrühling…

Also ich glaube nicht, dass es eng wird. Ich habe jetzt immer wieder Leute aus anderen Gemeinden beraten, wie wir das hier rechtlich machen. Und ich sehe es eigentlich auch nicht als Konkurrenzsituation. Sonst übrigens auch nicht. Ich fand es schon immer blöd, wenn Leute sich gegenseitig neidisch auf die Formate geschaut haben. Wir haben da, glaube ich, einen ganz guten Weg gefunden, der auch von den Behörden mitgetragen wird. Und der letzten Endes auch verantwortlich ist, also zumindest ist kein einziger Ansteckungsfall in dem Kontext bekannt geworden. Insofern würde ich mir eher wünschen, wenn möglichst viele das früh kopieren. Aber sich dabei natürlich auch an die Spielregeln halten, an die wir uns wohl alle auch für die nächsten Jahre gewöhnen müssen. Das gehört einfach zusammen. Sehr viel Selbstdisziplin ermöglicht dann doch wieder sowas wie Freiheit! Verrückt, dass ausgerechnet ich sowas sage, aber anders geht es im Moment halt nicht.

Hast du noch eine Art Vision, wie es weitergehen könnte?

Gute Zusammenarbeit: Wenn sich alle an die Regeln halten, ist auch die Polizei mit im Boot

Im Prinzip ist die Vision relativ einfach: Es gibt 6.000 Autostraßen in München. Und es gibt viele Zeiten, zu denen die meisten dieser Autostraßen überhaupt nicht gebraucht werden. Also da wäre noch viel mehr möglich! Wir sind auch in ersten Gesprächen mit Leuten aus anderen Städten in Bayern, ob der Kulturlieferdienst nicht bayernweit expandieren könnte? Und wir basteln gerade auch an einer Art "Winter- Bühne", wobei langsam muss man ja "Frühlings-Bühne" sagen – oder Bühnen, zusammen mit anderen Kulturveranstaltern hier in München an der Isar. Also wir schauen einfach, was möglich ist. Wir versuchen dabei auch, unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Aber im Endeffekt versuchen wir, Begegnungsorte mit viel Kultur im öffentlichen Raum weiter zu ermöglichen, unter den Bedingungen, die halt jeweils gegeben sind.

Was muss ich machen, wenn ich da mitmachen will? Wenn ich als Kulturlieferantin oder Kulturlieferant bei euch mitmachen möchte?

Das geht eigentlich relativ einfach, wenn einer einen Vorschlag für Orte hat. Wichtig ist: Wir brauchen eine Steckdose, eine stinknormale 220 Volt Schuko-Steckdose. Dann kommen wir zu jedem in dieser Stadt vor die Haustür. Außerdem brauchen wir natürlich Künstler, die spielen wollen. Inzwischen sind schon über 50 verschiedene Bands bei uns aufgetreten. Die können sich bei Jürgen Reiter bewerben. Wir freuen uns auch immer über Spenden. Wir suchen auch immer wieder Ehrenamtliche, die uns mit den Straßenabsperrungen und dem Kreidekreis zeichnen auf der Straße helfen. Es ist ein offenes Projekt für alle.