Nicht nur online ein Trend Christian Neuhäuser nimmt Moralismus ins Visier

Sind Igor Levits Posts auf twitter moralisch oder moralistisch? Warum fällt im Netz Moralismus so leicht? Und ist Moralismus immer falsch? Der Philosoph Christian Neuhäuser sagt, es gibt nicht nur den einen Moralismus, sondern mindestens vier.

Von: Knut Cordsen

Stand: 29.12.2020 | Archiv

zwei Demonstranten mit Mundschutzmaske halten Plakate mit der Beschriftung "Go Vegan" | Bild: picture alliance / NurPhoto | Chris Jung

Vor einigen Tagen postete der renommierte und auf Twitter sehr aktive Pianist Igor Levit folgende Aufforderung an seine Follower: "Ich weiß, es ist redundant, aber trotzdem: Bitte kauft keine Bücher bei Amazon, bitte!" Über 12.000 Herzen vulgo Likes flogen ihm dafür zu. Denn der amerikanische Internetriese ist nach allgemeiner Lesart das schlechthin Böse. Ja, sagen wir es gerade heraus: Wer bei Amazon kauft, der macht nach Meinung vieler etwas moralisch Verwerfliches. Warum diesen Erfolgs-Tweet zitieren? Weil er möglicherweise ein Beispiel für jenen öffentlich zur Schau getragenen Moralismus ist, dem sich der Sammelband "Kritik des Moralismus" in einer Vielzahl von Aufsätzen widmet. Einer der beiden Herausgeber dieses Buches ist Christian Neuhäuser, Professor für Praktische Philosophie an der Technischen Universität Dortmund. Knut Cordsen hat mit ihm über Spielarten des Moralismus, das Netz als Moralismus-Maschine und die Nähe von Kant und Nietzsche gesprochen.

Knut Cordsen: Herr Prof. Neuhäuser, vielleicht nehmen wir gleich mal den gerade angeführten Tweet "Bitte kauft keine Bücher bei Amazon, bitte!" Das ist ja das aus den sozialen Netzwerken wohlbekannte "Virtue Signaling", dieses Ausstellen von Tugendhaftigkeit. Ist das Moralismus?

Christian Neuhäuser: Das ist gar nicht so leicht zu sagen. Denn die Idee unseres Buches besteht ja darin, deutlich zu machen, dass man mit dem Moralismus-Vorwurf vorsichtig sein muss. Weil gar nicht so klar ist, wann etwas moralisch gerechtfertigt ist und etwas moralisch nicht gerechtfertigt und dann eben moralistisch ist. Das kann auf zwei Arten und Weisen geschehen. Es kann dem Inhalt nach überzogen sein oder es kann in der Form wie es geäußert wird, überzogen sein. Ich würde jetzt sagen, dieses "Bitte kauft da nicht!", dass das von der Form her nicht besonders überzogen ist, sondern relativ freundlich. So dass das schon einmal nicht moralistisch wirkt.

Jetzt bleibt noch die Frage übrig: Ist es inhaltlich moralistisch, von Menschen zu erwarten, dass sie nicht bei Amazon einkaufen gehen? Und da spricht ja schon was dafür. Denn im letzten Jahr hat Amazon eine enorme Marktmacht dazugewonnen. Es ist riesig geworden. Der Eigentümer von Amazon, Jeff Bezos, ist ja schon vorher Multimilliardär gewesen, jetzt hat er wahrscheinlich schon über 200 Milliarden. Amazon hat eine marktbeherrschende Stellung im Quasi-Monopol und das ist natürlich nicht unproblematisch. Ob man jetzt von einzelnen Menschen erwarten kann, da zu kaufen oder nicht zu kaufen, das ist allerdings etwas, was von sehr individuellen Bedingungen abhängt. Wenn jemand nicht so gut aus dem Haus gehen kann, kann es gut sein, dass diese Person sehr gute Gründe hat, bei Amazon einzukaufen. Vielleicht mehr als jemand anderes, der einen schönen Buchladen direkt um die Ecke hat. Und das ist wiederum auch wichtig für den Moralismus, dass man sich die Details anschaut.

In Ihrem Sammelband fällt einmal das schöne Wort vom "Online-Moralismus". Mir kommt es so vor, als sei das Netz mit seinen vielfältigen sozialen Medien eine große Moralismus-Maschine, ein Moralismus-Katalysator. Ist es so?

Der Philosoph Christian Neuhäuser

Ja, das glaube ich schon. Und ich denke, dass der Hauptgrund dafür darin liegt, dass eben diese zweite Untugend des Moralismus dort eine wichtige Rolle spielt. Nämlich nicht unbedingt die inhaltliche Überzogenheit, das spielt auch eine Rolle. Vor allen Dingen aber die Überzogenheit in der Form. Da gibt es viel Oberlehrertum, es gibt viel Heuchelei, es gibt viel Inszenierung… Und das sind alles der Form nach verschiedene Spielarten des Moralismus. Und die findet man da doch sehr häufig. Ich weiß nicht genau, woran das liegt. Vielleicht denken viele Leute, dass das Internet so eine Art Spielwiese ist, auf der man sich austoben kann. Denn man weiß ja, dass Leute, die im Internet unter Umständen auch sehr harsche Sachen schreiben, wenn sie persönlich getroffen werden, ganz anders auftreten.

Wirkt das nicht oft kontraproduktiv, wenn man – wie oft geschehen – eben etwas gratismutig auf diese Weise demonstriert, dass man auf der moralisch richtigen Seite steht?

Genau, das spielt in dem Sammelband auch eine wichtige Rolle, beispielsweise in einem Text über Veganismus. Veganer sind ja sehr häufig davon überzeugt, dass das moralisch richtig ist, kein Fleisch zu essen, weil sie denken, dass man Tiere zum Fleischverzehr nicht töten sollte. Also sie machen das nicht nur aus gesundheitlichen Gründen, sondern aus moralischen Gründen. Wenn die dann aber mit der Moralkeule kommen und versuchen, andere davon zu überzeugen, dann geht das häufig nach hinten los in Bezug auf den Vegetarismus. Da gibt's ja auch eine Partei, die sehr darunter zu leiden hatte.

Und das liegt wiederum daran, dass bestimmte Bedingungen nicht hinreichend berücksichtigt werden. Hat jemand genug Geld dafür, ist jemand genug informiert? Auch diese Fähigkeit, sich von so etwas wie normalen Sitten und Gewohnheiten in einer Gesellschaft zu lösen. Wir sind nun mal eine Gesellschaft des Fleischkonsums. Das ist etwas, das fordert manchmal so etwas wie individuellen moralischen Heroismus. Viele Veganer und Veganerinnen hingegen sind in einem Umfeld, wo das wiederum selbstverständlich ist, denen fällt es dann sehr leicht. Das muss man alles mitberücksichtigen. Wenn man das nicht tut, dann geht Moralismus nach hinten los und läuft dadurch selber Gefahr, unmoralisch zu werden.

Sie schreiben in Ihrem Vorwort zusammen mit Ihrem Mitherausgeber Christian Seidel, dass es die eine Spielart und die eine Definition des Moralismus gar nicht geben kann, sondern, dass auch in Ihrem Buch natürlich viele unterschiedliche Auffassungen von Moralismus versammelt sind. Wie definieren Sie selbst Moralismus für sich?

"Kritik des Moralismus" erschienen bei Suhrkamp. In zahlreichen Beiträgen erforscht der Sammelband gegenwärtige Spielarten des Moralismus.

Also ich glaube, dass es hauptsächlich vier Arten des Moralismus gibt, die versuchen wir auch auseinanderzuhalten. Das eine sind pauschale, einseitige Urteile und Übertreibung, wo bestimmte wichtige Faktoren nicht berücksichtigt werden. Das Zweite ist eine Art von Selbstbezogenheit. Das, was man moralisch äußert, das macht man gar nicht, um die Welt besser zu machen, sondern um selber gut dazustehen. Das ist eine Form von Moralismus. Dann gibt es so etwas wie Deplaziertheit. Es kann gut sein, dass man mit bestimmten Leuten gut darüber reden kann, ob man Veganer oder Veganerin werden sollte oder nicht. Aber vielleicht nicht gerade an deren Hochzeitstag. Und dann gibt es natürlich eine vierte Form des Moralismus, nämlich dass man gar nicht zuständig ist. Das ist glaube ich auch etwas, was man online und auch insgesamt sehr häufig findet. Man mischt sich in Dinge ein, die einen aus verschiedenen Gründen nichts angehen, weil sie zu persönlich, zu privat sind, weil man sich selber nicht genug auskennt, Diese vier verschiedenen Formen lassen sich nicht auf einen Nenner bringen, sondern man muss genau hinschauen, was gerade vorliegt.

Wobei man es sich mit der Moralismus-Kritik auch nicht zu leichtmachen sollte. Das kann auch durchaus etwas Entlastendes haben, anderen immerzu Moralismus vorzuwerfen. So steht es auch in Ihrem Sammelband. Da fällt der Satz: "Moralismus-Vorwürfe können auch einfach ein Versuch sein, eingeschliffene, unmoralische Lebensstile zu rationalisieren oder gegen jede Kritik zu immunisieren." Also so ein Moralismus-Vorwurf kann auch ein Abwehrreflex sein.

Genau, da muss man wiederum aufpassen, das ist genau diese schwierige Balance. Denn wir haben jetzt viel darüber geredet, dass Moralismus selber problematisch ist. Aber natürlich gibt's berechtigte moralische Vorwürfe. Und in einer Kultur des Moralismus ist es denjenigen, die sich wirklich sehr unmoralisch verhalten, möglich, das umzudrehen und das als Moralismus abzutun. Ein gutes Beispiel ist meiner Meinung nach die MeToo-Debatte, wo wirklich völlig zu Recht darauf hingewiesen wird, dass wir in vielen Arbeitskontexten eine sehr patriarchalische, sexistische Kultur haben. Und das haben dann einige versucht als Moralismus abzutun. Und da muss man sehr genau aufpassen, da ist wenig moralistisch dran, sondern das ist wirklich moralisch gerechtfertigt. Und das ist genau, was wir in diesem Band versuchen: diese Grenze klar zu kriegen zwischen moralisch gerechtfertigten Vorwürfen, die im öffentlichen Diskurs auch wichtig sind, weil sie uns moralisch als Gesellschaft voranbringen - und solchen, die moralistisch sind und eher Schaden anrichten.

Friedrich Nietzsche ist quasi der Apostel der Anti-Moralisten, die gern abwertende Begriffe wie die von Ihnen schon zitierte "Moralkeule" oder "Tugendbold" verwenden. Immanuel Kant hingegen ist der Säulenheilige aller Moralisten. Wie kann man zwischen diesen beiden Polen vermitteln?

Gute Frage! Indem man sich weder auf eine rigoristisch-kantische Position noch auf eine nietzscheanische zurückzieht. In dem Band versuchen wir es ein bisschen mit dem Vorteil gegenüber Kant aufzuräumen. Der hat schon eine sehr strenge Moral. Interessanterweise ist das bei Kant so, dass er in Bezug auf die Vorwürfe, die man anderen machen sollte, sehr zurückhaltend war. Bei ihm ist es ganz wichtig, dass Menschen aus Freiheit handeln und aus Freiheit, aus ihrer eigenen Einsicht moralisch handeln - und nicht, weil ihnen andere Vorwürfe machen. Das war für keinen Grund zu sagen, lieber Vorsicht mit Vorwürfen.

Und auch bei Nietzsche ist das so. Naja, er hat sehr gerne provoziert. Aber der ist nicht der Brummbär, der Elefant im Porzellanladen, der alles gerne zerschlägt. Er wollte darauf hinweisen, dass Moraltheorien, Moralsysteme als solche, zu moralistisch werden können, wenn sie keinen Platz mehr für andere Belange des guten Lebens lassen. Und es gibt einen gegenwärtigen, also inzwischen auch verstorbenen englischen Philosophen, den ich sehr schätze, Bernard Williams, der auch immer wieder darauf hingewiesen hat, dass wir Fragen der Moral und Fragen des eigenen guten Lebens miteinander vermitteln müssen. So würde ich die Position von Nietzsche gerne verstehen.