Krimi-Klassiker neu übersetzt  Braucht Raymond Chandler ein Update?

Raymond Chandler war Krimiautor, vor allem aber ein unvergleichlicher Stilist, der zum Vorbild für eine Generationen von Autor*innen wurde. Nun werden die Bücher des großen Desillusionisten neu übersetzt.  

Stand: 02.11.2020 | Archiv

Die schwarze Silhouette eines Mannes vor weißem Hintergrund | Bild: BR

"Ich habe 36.000 Wörter Kinkerlitzchen und noch keine Leiche", klagte er einmal. Raymond Chandler war auch Krimiautor. Vor allem aber war er ein unvergleichlicher Stilist, der mit seinem Sound zum Vorbild von Generationen von Autor*innen wurde, darunter auch Friedrich Ani, der beim Lesen von "Farewell, My Lovely" zum Chandler-Fan wurde. 45 Jahre nach der Veröffentlichung in der legendären schwarz-gelben Reihe von Diogenes werden die Romane des Krimigroßmeisters neu übersetzt.

Capriccio hat Robin Detje getroffen, der gerade "The little sister" neu ins Deutsche übertragen hat. Wie geht das: einen Stil beim Übersetzen beizubehalten und gleichzeitig zu modernisieren? Das ist eine der Fragen an den Theatermann, Ex-Journalisten und mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichneten Übersetzer:  "Für mich war die Herausforderung wenig zu tun. Also gerade, wenn man etwas Cooles herstellen will in der deutschen Sprache, die ja wirklich keine coole Sprache ist, da nicht in ein "Kater Karlo... Ha. Ha"-Ton oder "die Panzerknacker kommen um die Ecke" zu verfallen. Sondern mich eigentlich sehr stark zurückzunehmen und nicht zu glauben, oh, das ist jetzt cool: Jetzt trink‘ ich mal einen Whiskey und mach ne coole Übersetzung."

Marlowes neuer Fall treibt ihn wieder ins Moloch Los Angeles. Ein sprödes Ding aus der Provinz sucht da ihren Bruder. Spurlos verschollen, sagt sie. Marlowe glaubt kein Wort - und zieht trotzdem los. Bei Chandler zählt nicht die Story, sondern der Sound, aberwitzige Metaphern; diese kaum kopierbare gebrochene Coolness, die auch am Boden liegend, noch Platz für Ironie findet. Und Frauen, die vornehmlich dahinschmelzen. Auch für den Übersetzer wirkt das aus der Zeit gefallen: "Natürlich hat Chandler jetzt kein so ein tolles Frauenbild, das ich mir zu eigen machen will und zwei Blondinen pro Seite sinken ihm freiwillig in die Arme, weil sie nichts anderes zu tun haben."

Ein Schreibanfänger mit 45

Raymond Chandler wurde 1888 in Chicago geboren. Nach der Scheidung der Eltern zieht er mit der Mutter nach England. Dort wurde er Public Student in London mit humanistischer Ausbildung, während des 1. Weltkriegs Soldat bei der kanadischen Luftwaffe. Nach dem Krieg zieht es ihn nach Kalifornien, wo er sich als Aprikosenpflücker durchschlägt und später zum Vorstand einer Ölgesellschaft aufsteigt.

Chandlers Leben ist gezeichnet von Brüchen. Erst als 45 Jähriger beginnt Chandler mit dem Schreiben. Kurzkrimis für das "Black Mask"-Magazin. Bald wird Hollywood auf ihn aufmerksam. Zusammen mit Billy Wilder schreibt er das Drehbuch der Noir-Ikone "Frau ohne Gewissen" und hat sogar einen kleinen Cameo-Auftritt. Weltberühmt aber macht ihn seine Figur des Privatdetektivs "Philip Marlowe", eines Einzelgängers mit Beschützerinstinkt. Einer, der sich in die falschen Frauen verliebt und zu tief ins Glas schaut.