Kommentar zu Charlie Hebdo Warum die Erdogan-Karikatur ein Rohrkrepierer ist

Satire ist durch die Meinungsfreiheit geschützt. Aber das darf nicht heißen, dass sie nicht kritisiert werden darf. Unser Autor findet die Erdogan-Karikatur ist ein Griff ins Klo.

Von: Martin Zeyn

Stand: 29.10.2020

Die Titelseite des französischen Satiremagazins «Charlie Hebdo» vom 27.10.2020 mit einer Karikatur des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan darauf.  | Bild: Charlie Hebdo/Majorelle PR & Events/dpa

Sagen wir es frei heraus: Die Karikatur auf dem neuen Titel von Charlie Hebdo ist scheiße. Und damit meine ich nicht, dass ein Staatsoberhaupt grundsätzlich Respekt verdient. Gerade Erdogan zeigt deutlich in seiner Reaktion auf Macron: Er weiß nicht, wie man Respekt buchstabiert.

Was ist zu sehen? Die Karikatur zeigt einen schmerbäuchigen Erdogan, der die Vollverschleierung einer Frau so anhebt, dass ihr nackter Hintern zu sehen ist. Wer so etwas lustig findet, lacht auch keckernd über Altherrenwitze. Das Ganze ist kein Ausreißer, sondern leider ein Rückfall in alte Zeiten – über Jahrzehnte suhlte sich Charlie Hebdo darin, Frauen als möglichst unbekleidete Sexobjekte zu zeigen. Und sich damit über gesellschaftliche Prüderie zu beömmeln. Allerdings indem die Autoren genau die Stereotype von Weiblichkeit perpetuierten, von denen sie glaubten, sie würden sie demaskieren. Männer können so naiv sein!

Nebenwirkungen der sexuellen Befreiung

Es ist eine tragische Erkenntnis: Die sexuelle Befreiung verstanden nicht wenige 68er als Freibrief, Frauen scheiße zu behandeln – und das für antibürgerlich, das heißt für revolutionär zu halten. Und natürlich kommt Erdogan auch nicht gut weg, aber es ist eben nicht sein Arsch, der gezeigt wird. Zugegeben, die Überschrift versöhnt mich ein wenig: "Erdogan – privat ist er sehr lustig". Das zielt sehr schön auf die Jovialität, mit dem sich die neuen Potentaten so gerne schmücken, die Kims, Putins, Trumps und Orbans – und tatsächlich glauben, auf die Leute (vor allem die Frauen) herabzuschauen mache sie zu großen Staatsmännern.

Und trotzdem, eine Karikatur ist nicht bloß deswegen eine gute Karikatur, weil sie einen Erdogan zum Kochen bringt. Das ist nämlich ziemlich einfach zu bewerkstelligen. Sogar grottenschlechte Lyrik bringt ihn auf, wie Jan Böhmermann lernen musste.

Charlie Hebdo muss den Wechsel der Welt erkennen

Klar ist: Seit dem Attentat lebt die Redaktion von Charlie Hebdo hinter Panzertüren und mit Personenschützern. Einige altgediente Zeichner haben die Zeitschrift verlassen, darunter etwa Luz, von dem der weinende Mohamed mit dem Schild "Je suis Charlie" stammt. Beifall kommt manchmal auch von der falschen Seite, etwa als die rechtspopulistische dänische Partei Nye Borgerlige ankündigte, Karikaturen von „Charlie Hebdo“ nachzudrucken. Die Redaktion lehnte entschieden ab. Hin oder her: Auch Charlie Hebdo muss lernen, dass die 70er und 80er vorbei sind. Und weil die Mitarbeiter den Wechsel der Welt ignorierten, sank die einst hohe Auflage dieses Magazins massiv – bis zum Anschlag vor fünf Jahren. Ja, Charlie Hebdo hat das Recht, diese Karikatur zu veröffentlichen. Aber auch ich habe das Recht zu sagen, dass sie – ich bin mal kurzzeitig sehr milde – höchstens zweitklassig ist. Und wenn das Magazin nicht darauf achtet, wirklich gute Titelbilder zu produzieren, dann wird es wieder in der Bedeutungslosigkeit versinken, in der es wegen der Bloß-weiter-so-Haltung seiner Autoren geraten war.