Gendergerechte Sprache Brauchen wir neue Pronomen neben er und sie?

Schweden hat es schon: ein drittes Pronomen neben er und sie. Warum tun wir Deutschen uns so schwer damit? Johanna Usinger und Lann Hornscheidt geben Antworten.

Von: Sabine Rohlf

Stand: 02.12.2020 | Archiv

Gliederpuppe mit Sprechblasen: Gender & Sternchen | Bild: Bildagentur-online/Ohde/pa

"Liebes Publikum" statt "liebe Hörer", verbale Antidiskriminierungstipps im Duden, Moderator*innen, denen der Genderstern immer selbstverständlicher über die Lippen geht: Unsere Sprache verändert sich. Nicht alle freuen sich darüber. Aber vieles was heute neu und radikal erscheint, ist morgen vielleicht schon Gewohnheit, ja macht Spaß. Sabine Rohlf hat mit zwei Menschen gesprochen, die sich schon länger mit dem Thema befassen: Lann Hornscheidt, bis 2017 Linguistik-Profex für Gender Studies und Sprachanalyse an der Humboldt Universität Berlin, veröffentlicht in Kürze den Leitfaden "Wie schreibe ich divers? Ein Praxishandbuch zu Gender und Sprache." Johanna Usinger betreibt seit fünf Jahren die Website www.geschicktgendern.de und bietet Beratung und Workshops an.

Sabine Rohlf: Wie kamen Sie zum Thema Gender und Sprache?

Johanna Usinger: Ich hatte für meine Masterarbeit in Pädagogik die Auflage, gendergerecht zu schreiben, und hätte es selbst praktisch gefunden, einfach eine Website zu finden, wo alles dazu gesammelt ist. So kam die Idee, selbst eine zu machen und die Information zu bündeln, sodass man beim Schreiben schnell nachgucken kann.

Also standen am Anfang auch bei Ihnen Fragen?

Genau. Und das Thema ploppte auch bei anderen immer wieder auf. Nach dem Motto: Ich soll gendergerecht schreiben, weiß aber nicht wie. Ich wusste dann eben schon, dass es alternative Wortvorschläge gibt, Tipps und Tricks, einfache Anregungen, wie man das angehen kann. Damit hat diese Herausforderung für mich an Schwere verloren. Es war auf einmal ganz leicht und hat Spaß gemacht. Ich merkte, dass auch andere es leichter finden, wenn sie Handwerkszeug an die Hand bekommen. Viele haben eigentlich Lust darauf, sie wissen nur nicht wie.

Seit fünf Jahren gibt es www.geschicktgendern.de. Dort findet sich neben vielen Tipps und Anregungen auch eine stetig wachsende Sammlung mit gendergerechten Wörtern und Wendungen. Offenbar ist die Resonanz groß.

Es ist toll, unsere Klickzahlen zu verfolgen und zu sehen, in wie vielen Bereichen die Seite verlinkt ist: In Intranets und auf Webseiten, öffentlich und auch nicht öffentlich. Die Leute beteiligen sich auch am Wörterbuch: Man kann fehlende Wörter einschicken oder Alternativen vorschlagen. Wir haben sehr viele Zuschriften und da ist dann oft noch eine Zeile dabei, wie "danke, super Seite" oder "Hat mir sehr geholfen im Arbeitskontext". Diese Art von Feedback bekommen wir viel und regelmäßig. Auf der anderen Seite haben wir auch negative Kritik oder eigentlich schon hate speech würde ich sagen. Beleidigungen und was es für ein "Genderwahn" sei.

Was würden Sie Leuten sagen, die sich beschweren, dass sie bei der Arbeit –  etwa in einer Behörde – Genderstern, Unterstrich, die konsequente Doppelnennung o.ä. verwenden sollen?

Vorgaben im Arbeitskontext sind eigentlich nichts Ungewöhnliches. Genau so wie mir Berufskleidung vorgeschrieben wird oder dass ich vielleicht die Farbe Grün im Corporate Design zu verwenden habe, muss ich dann vielleicht bei der Arbeit in gewissen Schriftstücken gendergerechte Sprache anwenden. Aber da habe ich ja auch Zeit oder kann das nochmal durchlesen und auch sehen, welche Schreibweise benützt mein Unternehmen überhaupt? Es gibt so viele unterschiedliche Möglichkeiten. Ich glaube, es ist ein Lernprozess und irgendwann geht es ins Gesprochene über, aber sicher nie hundertprozentig.

Und was raten Sie den Menschen, die in einer Institution oder einem Unternehmen geschlechtergerechte Sprache einführen wollen?

Ich würde empfehlen zu prüfen, wie weit die Mitarbeitenden und auch die Kundinnen und Kunden in dem Bereich sind. Vielleicht wurden bisher nur die Männer angesprochen und es ist ein erster Schritt, auch die Frauen anzusprechen. Da kann es eine Überforderung sein, wenn man dann gleich mit einem Stern oder einem Unterstrich oder einem Doppelpunkt kommt. Sicher gibt es auch andere Positionen dazu, die sagen würden, nein, man kann direkt mit dem Stern gleich alles richtig machen. Aber ich glaube, man muss die Leute auch da abholen, wo sie sind, und es gibt immer erstmal Bedenken. Wenn man aber die Leute dort abholt, wo sie sind, sie langsam heranführt und ihnen Handwerkszeug gibt, dann werden sie das auch besser umsetzen.

Seit 2018 gibt es die Personenstandskategorie divers.

Und da müssen Unternehmen jetzt natürlich auch Möglichkeiten finden, Menschen anzusprechen, die sich nicht männlich oder weiblich fühlen oder sich nicht zuordnen wollen. Da ist der Stern eine Möglichkeit.

Neue Pronomen braucht das Land - Lann Hornscheidt

Sabine Rohlf: Lann Hornscheidt, Sie veröffentlichen Ende des Jahres das Buch "Wie schreibe ich divers? Wie spreche ich gendergerecht?" Wie weit ist unsere Gesellschaft in Sachen Geschlecht?

Lann Hornscheidt: Mit der Anerkennung der Kategorie divers als dritte Option der Personenstandskategorien hat sich sehr viel in der Öffentlichkeit verändert. Ich finde, seitdem gibt es ganz viele Sternchenformen, ganz viele Stellenanzeigen, wo m/w/d (männlich/weiblich/divers) in Klammern dahinter steht. Es gibt eine viel größere öffentliche Wahrnehmung davon, dass es mehr gibt als nur Frauen und Männer.

Gleichzeitig gibt es für die Anrede diverser Menschen oder für die Pronomen, die zu ihnen passen würden, bisher keine verbindlichen Regelungen. Das ist eigentlich seltsam.

Ja. Allerdings finde ich es auch erstmal gut. Ich wünsche mir keine strikte Norm oder Regel, weil ich Sprache als Handlung, nicht als Regelwerk verstehe. Aber es ist auffällig, dass es so wenig Diskussionen dazu gibt, was denn eine geeignete Anrede wäre statt "sehr geehrte Damen und Herren" oder "liebe Bürgerinnen und Bürger". Und es ist seltsam, dass es gar keine Diskussion um Pronomen gibt. Was ist denn das Pronomen neben "sie" und "er", das diverse Menschen berücksichtigen würde? Im Singular?

Neue Pronomen sind ein tiefgreifender Eingriff in die Grammatik. Ist so etwas überhaupt machbar?

In Schweden hat es funktioniert. Neben "han" als männliches Pronomen und "hon" als weibliches Pronomen ist dort vor zehn Jahren "hen" eingeführt worden. Es kam aus dem Trans*-Aktivismus, wo Personen, die sich nicht als weiblich oder männlich verstehen, es schon lange verwenden. Und dann ist es in einem Kinderbuch benutzt worden, weil die Autorin dieses Kinderbuchs nicht wollte, dass das Kind im Buch klar ein Junge oder Mädchen ist – sondern dass alle damit gemeint sein können. Alle Kinder. Es gab eine riesige Diskussion und es hat sich herauskristallisiert, dass der Staat das Pronomen "hen" auch empfehlen würde. Es hat heute einen ganz festen Platz im schwedischen Alltag.

Und wie wird es verwendet?

Ganz am Anfang war es wie in Deutschland bei den Binnen-I-Formen: Ah, bist du ne Feministin oder was? Genauso ist hen am Anfang so ein Stigma gewesen: Ah, bist du so eine transfreundliche Person oder was? Und das hat sich dann sehr verändert zu einem genderfreien Pronomen. Also ein Pronomen, das für alle Personen einfach benutzt wird, unabhängig davon, wie sie sich über Geschlecht definieren oder nicht definieren.

Im Deutschen gibt es ja schon "das". Es wird aber als herabsetzend wahrgenommen und deswegen nicht als akzeptable Antwort auf das Geschlechtergrammatikproblem betrachtet.

Also für mich ist es keine wirkliche Option. Ich finde es sehr viel besser zu sagen, es gibt ein neues Pronomen, eine neue Form und eine neue Endung, die alle Menschen meint. Und ich würde sie vom grammatikalischen Geschlecht entkoppeln. Also Frauen können sich weiterhin über ein feminines Genus ausdrücken lassen, die Studentin beispielsweise. Männer über ein maskulines, der Student. Und dann müsste es eine neutrale Form geben, für alle Leute. Unser Vorschlag in „Wie schreibe ich divers?“ ist ens, also den Mittelteil aus Mensch, als Endung zu nehmen. Also Studens, Lesens, Hörens. Und das Pronomen ist dann ens, der bestimmte Artikel ist dens, der unbestimmte ist einens.

Und was ist mit denen, die sich über keins der beiden traditionellen Geschlechter definieren und genau das ausdrücken wollen?

Für Menschen, die sich als genderqueer oder nonbinär verstehen, würde ich "ex" vorschlagen. Ex wie Exgeliebte, also Gender verlassend, exgender, und das ist auch kein Genus mehr. Dann hieße es: Ich bin Studex oder Lesex usw. Wenn ich aber eine Grundform haben will, auch im Singular, mit der ich alle Menschen benennen kann, würde ich ens vorschlagen.

Alle bekommen ihr Pronomen, dazu kommt eine wirklich neutrale Form für alle. Das klingt sehr gerecht. Und sehr ungewohnt. Schon gegen den Genderstern gibt es eine Menge Widerstand.

Die Abwehr dagegen, Sprache zu verändern, zeigt, wie wichtig Sprache ist. Wenn Sprache nicht wichtig wäre, müssten Menschen nicht in eine dermaßen emotionale Abwehr gehen, dann würden sie einfach sagen: Ach, andere Leute drücken sich anders aus, ist doch spannend, da verändert sich gerade was.