Odyssee im Kulturweltraum #5 Musikaktivismus und Hoeneß Hall

Pianisten als Politiker, erbauliche Kunst von Herzen, neue Konzertsäle mit prominenten Paten: 2021 erfindet sich die Klassik neu. Tobias Stosiek phantasiert ein bewegtes Jahr für die Szene.

Von: Tobias Stosiek

Stand: 28.12.2020 13:22 Uhr | Archiv

26. September 2021, 18:30 Uhr: Das grüne Traumpaar der deutschen Bundespolitik tritt vor die jubelnde Menge. Robert und Igor. Habeck und Levit, der künftige Kanzler und sein Kanzlermacher. Über 60 Prozent sagen die Hochrechnungen. Absolute Mehrheit. Kaum denkbar, dass Habeck diese Zahl ohne den Twitterpianisten erreicht hätte. Ohne dessen Follower, 17 Millionen mittlerweile. Vor allem aber ohne dessen Integrationskraft. Levit verbindet Popappeal mit hochkulturellem Habitus. Ist wie der junge und alte Joschka in einer Person. Ein Mann, der bei den jugendlichen Klimaaktivisten auf der Straße genauso ankommt wie bei den nicht mehr ganz so jugendlichen Kretschmännern und -frauen in ihren Ökokarossen.

Und so ging‘s los: Im März 2021 tritt Habeck erstmals in einem von Levits getwitterten Hauskonzerten auf. Merz verhindern sei das Ziel, knurren beide zunächst in die Kamera. Dann folgt Musik: Beethovens Pastorale. Naturecomposing vom Musiktitanen. Levit spielt, Habeck bläst in die Kazoo. Das Video geht viral: 45 Millionen Aufrufe allein in den ersten drei Tagen.

Politik wird musikalisch

Die Kritiker und Kritikerinnen grollen, zumindest ein Teil von ihnen: Als wäre es nicht schon genug, dass sich klassische Musiker zur Politik äußerten. Jetzt machten auch noch Politiker klassische Musik. Zu Recht halten andere entgegen, dass dieses Phänomen so neu ja nun nicht sei. Man erinnert sich unter anderem an klimpernde Kanzler. Offenbar auch in der Bayerischen Staatskanzlei. Gerüchten zufolge hat Markus Söder seine Posaune entmottet. Was Habeck kann, kann er schon lang: Der Landesvater übt. Die musikalischeren unter den Staatssekretären intervenieren. Die Veröffentlichung eines Videos, in dem Söder unterm Kreuz das Posaunensolo aus Ravels Bolero durch den Trichter drückt, wird in letzter Minute gestoppt. Ohne den Rechercheverbund aus NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung wüssten wir bis heute nichts davon.

Kulturbeflissen zeigt sich der Ministerpräsident auf andere Weise: Der Nürnberger Konzertsaal, im November 2020 noch von der Stadt gecancelt, solle nun doch kommen, verkündet Söder im Mai. Er werde sich persönlich dafür stark machen. Söder stellt sein Engagement jedoch unter eine Bedingung: Ein Sponsor aus der Privatwirtschaft müsse gefunden werden. Idealerweise ein Unternehmer mit Ortsbezug.

Insolvenz und Innovation

Dass allein mit Sponsoren keine Musik zu machen ist in der Krise, zeigt sich zeitgleich in den USA. Die Verteilung des Impfstoffs dauert länger als gedacht. Erst im Spätherbst finden wieder Publikumskonzerte statt. Zu spät für die Met. Das wichtigste Opernhaus der USA meldet Insolvenz an. In das Gebäude zieht ein Amazon-Paketdepot. Und die Musikerinnen und Musiker stehen auf der Straße. Auch Chefdirigent Yannick Nezet-Seguin, der sich just an ein Angebot aus München erinnert. Eigentlich wollte man ihn als Nachfolger von Mariss Jansons beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Jetzt hätte er Zeit – blöderweise ist der Job schon vergeben.

Der Bayerische Rundfunk setzt auf Innovation: Sir Simon Rattle und Mirga Grazinyte-Tyla stellen das erste Doppel an der Spitze eines internationalen Top-Orchesters. In den Medien ist die Rede vom Biden-Harris-Modell. Ihn braucht man als Aushängeschild. Vor allem als Argument im Ringen um die staatlichen Mittel für den Bau des neuen Münchner Konzertsaals. Ihr – gehört die Zukunft.

Freie Kunst braucht Herz, kein Geld

Um genau die machen sich die freischaffenden Musikerinnen und Musiker weiterhin sorgen. Zwar sind seit Juni wieder Publikumskonzerte möglich. Aber noch lange nicht vor vollen Sälen. Dazu kommt der Ärger mit den Förderprogrammen. Allen voran: die bayerischen Soforthilfen. Im Oktober 2020 wurden sie angekündigt. Anträge konnte man erst im Dezember stellen. Und ausbezahlt wurde bis zum Juli 2021 kein Cent. Das Kunstministerium spricht von IT-Problemen. Und Minister Sibler, der, wie er nicht müde wird zu betonen, seit Monaten in die Kulturszene hineinhorcht, meint rauszuhören, dass jetzt, wo das kulturelle Leben so langsam wieder Fahrt aufnehme die Gelder gar nicht mehr so wichtig sein. Am erbaulichsten ist die Kunst ja eh dann, wenn sie nur aus dem Herzen kommt. Kein Wunder, dass in der Szene die Erwartungen an Berlin hoch sind. Insbesondere an den designierten Kulturstaatsminister: Igor Levit.

Das Klassikjahr 2021 endet versöhnlich

Ob der baldige Ex-Pianist seinen bisher nur talkshowerprobten, emotional-pathetischen Aktivismus auch in Realpolitik umsetzen kann, wird sich erst 2022 zeigen. Doch auch unabhängig von solchen Unwägbarkeiten endet das Klassikjahr 2021 recht versöhnlich. Im Dezember tritt Söder vor die Kameras und verkündet, nach langer Suche habe man einen Sponsor für den neuen Nürnberger Konzertsaal gefunden. Und einen Namen gleich mit: Hoeneß Hall.

Die kulturWelt, das aktuelle Feuilleton auf Bayern 2, begibt sich in einer kleinen Serie auf eine "Odyssee im Kulturweltraum", übt sich im Futur II - und malt sich jetzt schon mal aus, wie 2021 für die Kultur so gewesen sein wird.