Kirsten Boie lehnt Preis ab Brauchen wir einen TÜV für Preise?

Die Hamburger Kinder- und Jugendbuchautorin Kirsten Boie hat eine Auszeichnung des Vereins Deutscher Sprache abgelehnt – wegen rechtspopulistischer Äußerungen seines Vorsitzenden. Und beweist damit Courage und Augenmaß – schließlich sollten wir uns nicht jeden Pokal ins Regal stellen, sondern vorher lieber zweimal hinschauen ... bzw. googeln!

Von: Andrea Mühlberger

Stand: 25.11.2020

Die Kinderbuchautorin Kirsten Boie  hat den Sprachpreis des Vereins Deutsche Sprache wegen rechtspopulistischer Äußerungen seines Bundesvorsitzenden abgelehnt. | Bild: dpa-Bildfunk/ Ulrich Perrey

Also kein Kristallschwan auf dem Schreibtisch von Kirsten Boie. Die Preisverleihung des Elbschwanenordens für dieses Jahr: abgeblasen. Eine Last-Minute-Entscheidung – die Wellen schlägt.
Sie habe erst am Wochenende gegoogelt, wer für die "respektable Auszeichnung" stehe und dabei "mit Erschrecken die Äußerungen des Bundesvorsitzenden des Vereins Deutsche Sprache e.V. gelesen", schreibt die beliebte Kinderbuchautorin Kirsten Boie in ihrer Erklärung an den Hamburger Landesverband. Zunächst habe sie die Entscheidung gefreut. Der Preis hätte die Autorin in eine Reihe gestellt mit dem Publizisten Hellmuth Karasek, dem Musiker Achim Reichel und der Stadtreinigung Hamburg (für die Sprüche auf ihren Mülltonnen). Aber dann doch eine Verunsicherung bei der designierten Preisträgerin, kurz vor dem großen Tag der Verleihung am 25. November? Jedenfalls kam am Wochenende dann doch noch die Internet-Suchmaschine zum Einsatz – und spülte einen dumpfen Bodensatz an Ausdrücken und Äußerungen des Bundesvorsitzenden Walter Krämer im globalen Meinungssumpf nach oben. Und die gefielen Kirsten Boie gar nicht: "Lügenpresse", "Überfremdung der deutschen Sprache", "Genderwahn". Dazu die Kommentare, die den Ansichten des Vorsitzenden nicht widersprechen – auch der Landesverband Hamburg hielt es nicht für nötig, sich davon zu distanzieren. Also ging Kirsten Boie in letzter Minute auf Distanz – zum Kristallschwan, der sich durch Google leider in einen traurigen Schwan verwandelt hatte …

Gegen den rechten Sprach-Sumpf

Zugegeben: Geschichten für Kinder handeln häufig von solchen Metamorphosen – nur geht die Sache da meistens gut aus, nach dem bewährten Schema: Der Frosch wird zum Prinzen, der Bär zum Bräutigam – und, natürlich, das hässliche Entlein zum Schwan. Im Fall Kirsten Boie läuft es leider umgekehrt, aus Ehrung wird Verwehrung und Ablehnung, aber das "Märchen vom Elbschwanenorden" spielt leider in der Realität. Und die soll Sprache ja bekanntlich auch abbilden.
Zur Realität des Vereins Deutscher Sprache gehören allerdings nicht nur die von Kirsten Boie aus dem rechten Sprach-Sumpf gegoogelten Äußerungen Walter Krämers. Unter seinem Vorsitz hat sich der Verein auch in eine Art sprachpuristische Gottesburg verwandelt, an der alle aktuellen Vorschläge einer gendergerechten Sprache bzw. Schrift abprallen wie stumpfe Pfeile und als "Genderwahn" oder "Genderpest" verteufelt werden.

Auf Walter Krämer nämlich geht auch der Brandbrief "Schluss mit dem Gender-Unfug!" vom März 2019 zurück. Ein Appell an die Öffentlichkeit, die deutsche Sprache wieder durchzusetzen – gegen Gendersternchen und anderen Nonsens, unterzeichnet von vielen prominenten Autor*innen des Landes, wie Monika Maron oder dem Sprachkritiker Wolf Schneider. Ein Basta, das die Debatte natürlich nur befeuerte und jetzt durch Autor*innen wie Kirsten Boie am Laufen gehalten wird. Das Anliegen der Kinderbuchautorin zielt diesmal aber in eine andere Richtung: Was sie an den Äußerungen Krämers vor allem erschrecke, sei, "wie genau sie sich ausgerechnet in einer Zeit, in der wir mit Sorge einen Rechtsruck in Teilen der Bevölkerung beobachten müssen, in deren Argumentationsgänge einfügt". In diesem Wissen möchte sie den Elbschwanenorden nicht mehr annehmen. Anders ausgedrückt: Der Fisch fängt am Kopf zu stinken an! Die 70-jährige Autorin begründet ihren Preis-Verzicht mit der Unterwanderung des Vereins durch rechtspopulistisches Gedankengut. Und gibt in diplomatischen Worten zu bedenken: "Vielleicht würden Sie sogar, wenn Sie ein wenig mehr zu mir googeln würden wie ich jetzt zum Verein Deutsche Sprache, feststellen, dass Ihr Vorschlag ein Irrtum war."  

Die falsche Preisträgerin?

Ein Riesen-Irrtum, denn: Wer die beliebten Kinder- und Jugendbücher der Hamburgerin kennt, der weiß auch, dass sie gerne mit Geschlechterrollen spielt: das Piratenmädchen "Seeräubermoses" etwa, das als Schiffjunge ein ganzer Kerl sein muss. Und überhaupt sieht sie Lesen als Grundvoraussetzung und Mittel einer gesellschaftlichen Teilhabe und Behauptung – nicht Bevormundung. Ihre Literatur soll empathischer machen, Möglichkeiten bieten, in die Köpfe anderer zu schlüpfen – und keine Grenzen ziehen zwischen den Geschlechtern. Tja, liebe Hamburger Vereinsmeier*innen, Gratulation zu dieser Fehlentscheidung! Wie konnte das passieren? Hätte ein TÜV für Preise und Auszeichnungen uns allen diesen unwürdigen Elbschwanen-Abgesang ersparen können? Es ist schon ein Kreuz mit diesen Ehrungen: Erinnern wir uns nur an das Theater um den Karl-Valentin-Faschingsorden für den österreichischen Volks-Rock-n-Roller Andreas Gabalier, dessen frauenfeindliche, homophobe und nationalistische Äußerungen vielen zu deftig waren. Oder der Literatur-Nobelpreis für Peter Handke: Nicht ausgeschlossen, dass ein aus Bosnien stammender Autor wie Saša Stanišić dem Nobel-Komitee einmal die lange Nase dreht oder den Vogel zeigt, weil er nicht in einem Atemzug genannt werden möchte mit dem Serbenfreund und Kriegsverharmloser Handke. Und auch den renommierten Henri-Nannen-Preis können Journalisten ablehnen, weil sie nicht zusammen mit der "Bild"-Zeitung geehrt werden möchten. So geschehen im Mai 2012. Beispiele für solche "Stinkefinger"-Aktionen gibt es einige. Und die höfliche Absage von Kirsten Boie zeigt, dass wir dafür keinen Überwachungsverein brauchen – es reicht schon die Suchmaschine von Google, um den Wert einer Auszeichnung zu hinterfragen bzw. um zu checken: In welcher Gesellschaft bewege ich mich da eigentlich, wenn ich den Preis annehme? Naja, ein bisschen früher hätte Kirsten Boie die Such-Maschine vielleicht schon anwerfen können. Aber das ist auch der einzige Vorwurf, den ich ihr machen würde.