Kinofeeling Eine Reise durch Bayerns Lichtspielhäuser

153 Plätze, aber nur 10 Zuschauer*innen: Alltag in bayerischen Kinos. Gerade im Flächenstaat Bayern sind die Lichtspielhäuser in der Region unverzichtbare Kulturplattformen, Begegnungsorte.

Von: Markus Aicher

Stand: 15.07.2020

Ein Kinosaal | Bild: Bayerischer Rundfunk 2020

Erst registrieren, dann Tickets kaufen, so steht es am Eingang des Münchner City Kino: Datum, Film, Personenanzahl, Telefonnummer muss man angeben. "Monos" heißt der Film, der sich um eine aus Teenagern bestehende Kampfgruppe von Rebellen irgendwo im abgelegenen kolumbianischen Hochland dreht. Der Filmklassiker "Der Herr der Fliegen" trifft auf Werner Herzog. Toller Film. Aber nur sehr wenige Zuschauer haben sich ins Kino verirrt. Im Saal mit 153 Plätzen sind maximal zehn Sitze besetzt. Alltag derzeit in den Bayerischen Kinos. Holger Trapp vom City Kino hat einen großen Wunsch: Endlich wieder eine Premiere im großen Saal - und die sollte auch gleich ausverkauft sein.

In die Nachmittagsvorstellung nebenan mit Claude Lelouchs "Die schönsten Jahre eines Lebens" gehen mehrheitlich ältere Damen. Sie sind glücklich einen Film auf der großen Leinwand sehen zu können: "Es ist nicht dasselbe wie es im Fernsehen zu sehen."

Wie geht es den Kinos in den Kleinstädten?

Von München in den Westen nach Gauting und an den Starnberger See. Matthias Helmig ist der renommierte und vielfach preisgewürdigte Betreiber des Breitwandkinos und Leiter des von ihm ins Leben gerufenen "Fünf Seen Filmfestival". Hoffnung und Bangen halten sich bei ihm die Waage, von einer Tragödie möchte er nicht sprechen. Er hofft, dass die Zuschauer*innen bald zurückkehren: "Es ist ein ganz sicherer Raum, in dem man sich wohlfühlt".

Anders geht es zu im "Marias Kino" in Bad Endorf nahe des Chiemsees. Benannt ist es nach der langjährigen Betreiberin Maria Stadler, heute wird es von einem eingetragenen Verein betrieben. Das Haus ist ein Kulturtreffpunkt und weit über die Ortsgrenzen hinaus für sein gutes Programm bekannt. Alle arbeiten hier ehrenamtlich. Jürgen Bach, ehemaliger Unternehmensberater im Ruhestand, ist seit zehn Jahren hier aktiv, jetzt als Geschäftsführer. Man ist bis jetzt finanziell gut über die Runden gekommen, weil man dem Verein bei der Miete entgegengekommen ist, aber es habe "alle kalt erwischt. Es war nicht einfach, die Begeisterung aufrecht zu erhalten über die Wochen."

18 Personen - mehr geht nicht

Kinofeeling in Bayern. Mit dem Zug nach Norden ins niederbayerische Abensberg, eine schmucke Kleinstadt 30 Kilometer südlich von Regensburg, weithin bekannt durch den Hundertwassertum des gleichnamigen österreichischen Künstlers, den eine örtliche Brauerei finanziert hat. 1.400 Einwohner, darunter die Familie Kroiß, die seit über 50 Jahren das Roxy Kino führt.

Sympathische mittelständische Kinobetreiber, die mit viel Herzblut arbeiten: "Wir sind seit 1956 eine Kinofamilie. Wir haben es vererbt bekommen und unser Junior ist bereits seit zwei Jahren aktiv im Kino. Und der betreibt es dann weiter." Der Lockdown hat die Kroißens mitten im unternehmerischen Umbruch getroffen. Sie bauen am alten Standort nach Abriss des alten 250 Platz Hauses ein neues, modernes Kino mit vier Sälen, sie investieren in die Zukunft.

Um den Kinobetrieb einstweilen aufrecht zu halten waren sie vor einem Jahr mit dem "Roxy" interimsmäßig in eine alte Autowerkstatt gezogen. Die 100 Plätze dort, sagt Gerda Kroiss, sind aber mit den derzeitigen Abstandsregelungen nicht vernünftig zu betreiben: "Das rechnet sich nicht, hier würden zwischen 15 und 18 Personen Platz nehmen können. Und das bei einem größeren personellen Aufwand, weil man muss ja alles aufschreiben."

Verleiher sind zögerlich

Mitte Juli will Gerda Kroiß wieder aufsperren, der Blick nach vorn. Sie hofft auf den neuen "Eberhofer". Im August hätte der neue Film mit Sebastian Bezzel - betitelt "Kaiserschmarrndrama" in die Kinos kommen sollen. Für viele Kinobesitzer in Bayern ein Publikumshit, der Einnahmen garantiert. Doch er wurde vom Constantin Verleih auf das kommende Jahr verschoben.

Auch der neue "Bond" startet erst im November, gerade die amerikanischen Major Studios zögern, ihre zugkräftige Ware jetzt auf den Markt zu bringen. Derzeit sind eher die Independent Verleiher mit "kleineren" Filmen und Dokus auf dem Angebotsmarkt. Doch je länger das Warten, umso größer die Verluste. Im Durchschnitt gehen in Deutschland pro Jahr rund 120 Millionen Besucher in die Kinos. Für heuer wäre der Verband der Verleiher froh, wenn es zumindest schon die Hälfte wäre.