Odyssee im Kulturweltraum #3 Im Jahr 2021 sind besondere Kinoerlebnisse möglich

Starauftritt von Hologrammen, Kino-Kasernierung oder Floating Festivals als bayerischer Sonderweg. Kinoerlebnisse werden im Jahr 2021 neu erfunden. Markus Aicher mit ersten, spekulativen Erfahrungsberichten.

Von: Markus Aicher

Stand: 21.12.2020 | Archiv

"Die Erfahrungen mit der Sommerberlinale waren gut", so der neue Kulturstaatsminister Xypsilonsen, der Monika Grütters nach der Bundestagswahl im September im Amt folgte. Auch wenn es vermehrten Abstimmungsbedarf mit den Festivals von Venedig und Cannes gegeben habe. Italien hatte sein Modell vom Vorjahr am Lido di Venezia wiederholt: Insel, AHA, viele Vorführungen mit Distanzregeln, personalisierte Online-Tickets. Neu war, dass die eingeladenen US Produktionen ihre Darstellerinnen und Darsteller gänzlich durch Hologramme vertreten ließen. Mit diesem Modell hatte man zwar auch in Cannes experimentiert, doch durch den üblichen Mai-Streik der technischen Dienstleistungsgewerkschaft in Frankreich war das Ergebnis eher dürftig.

In Berlin hingegen konnte man gute Erfahrungen mit dem "bubble – in" System erzielen, auch wenn es anfangs, so Xypsilonen einräumen musste, zu Protesten von Psychologen und einer Bürgerrechtsgruppe gekommen war. In den zahlenmäßig deutlich gewachsenen Veranstaltungsorten wurde das Publikum hier nach negativem Corona-Test maskenfrei für den Verlauf der Berlinale jeweils 10 Tage kaserniert, mit angeschlossener Restauration, Übernachtungsmöglichkeiten und sogar Badeörtlichkeiten an der Spree. Auch beim Filmfest München im Juni hatte man an derartigen Konzepten gearbeitet, die Umsetzung war jedoch am massiven Einspruch der Freien Wähler, Koalitionspartner der CSU, gescheitert. Zudem wollte Ministerpräsident Söder eine eigene bayerische Lösung wie beim DOKfest, das erneut bundesweit online auftrat. Der Ansatz "Floating Festival" auf der Isar wurde jedoch dann zu Gunsten eines von der IAA und BMW gesponserten reinen Autokinokonzepts mit über die Stadt verteilten Vorführungsorten verworfen.

Special Editions in einer ausgedünnten Kinolandschaft

Das große Kinosterben war nach der bis in den April angeordneten Schließung zwar nicht eingetreten, aber die Kinoszene in der bayerischen Landeshauptstadt musste deutlich Federn lassen, auch wenn das traditionelle "Filmtheaters Sendlinger Tor" durch einen Bürgerentscheid erhalten blieb. Vor allem die Multiplexe hatten unter dem Mangelangebot der Major-Studios zu leiden. Egal ob Warner, Disney oder Paramount – fast alle hatten sich von der regulären primären Kinoauswertung ihrer Produktionen verabschiedet und ließen – festivalähnlich – nur manchmal als "special edition" einen Blockbuster vorab auf den Leinwänden laufen, während sonst gestreamt wurde. Dies führte in der Folge zur Schließung von bundesweiten Kinoketten von denen auch Bayern betroffen war. In ein bekanntes ehemaliges Kino in Schwabing etwa zogen Teile der Stadtbibliothek ein.

35mm Projektoren und Schiffs-Screening

In der Fläche – auf dem bayerischen Land – brachte der Jahresverlauf auch deutliche Veränderungen. Nach der stärkeren Rückbesinnung der Menschen auf den ländlichen Raum als Lebensmittelpunkt und einer neuen hippen Retrowelle haben sich dort viele Landkinos zusammengeschlossen, Kino-Genossenschaften gegründet und Arthouse Cluster gebildet. Zudem wurden auch vielerorts die längst ausrangierten 35 mm-Projektoren angeworfen. Rainer Gottwald vom Utopia Kino in Wasserburg etwa hofft dabei wieder auf Publikum: "Wir graben jetzt in Wasserburg wieder unsere 35mm Projektoren hervor, zeigen die alten 35mm Kopien an ausgewählten Plätzen und hoffen da wieder auf großes Publikum."

Das Kino lebt!

Ein ganz besonderes Modell hat sich nach dem Sommer der findige Gautinger Kinobetreiber Matthias Hellwig vom "5 Seen Festival" einfallen lassen. Er hat nach seinem Outdoor-Festival samt special screening in einem U-Boot eine Anregung von Alexander Kluge aufgenommen – "perpetuum culturale mobile" genannt – und lässt seitdem ein von der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung angemietetes und auf den Namen "Cineschiffa" umgetauftes Schiff kontinuierlich auf dem Starnberger See kreisen, während an Deck in einer Dauerschleife Guiseppe Tornatores Klassiker "Cinema Paradiso" gezeigt wird. Freizeiterlebnis und Kunstgenuss in einem, laut Matthias Hellwig: "Das Schönste ist einfach, bei uns draußen mit dem Dampfer über den See zu fahren. Und dazu passend haben wir uns eben diesen wunderbaren Filmklassiker ausgesucht, der leider das Sterben des Kinos verhandelt. Aber das Kino geht weiter, auf dem Schiff kann man sich stündlich den Film anschauen."

Die kulturWelt, das aktuelle Feuilleton auf Bayern 2, begibt sich in einer kleinen Serie auf eine "Odyssee im Kulturweltraum", übt sich im Futur II - und malt sich jetzt schon mal aus, wie 2021 für die Kultur so gewesen sein wird.