Kulturjournal Ken Krimstein über die USA vor der Präsidentschaftswahl

Die USA mitten in einer großen Krise und kurz vor der Wahl. Cartoonist Ken Krimstein, bei uns bekannt durch seine Graphic Novel über Hannah Arendt, macht sich große Sorgen – und hofft auf Wähler, die sich für Anstand entscheiden.

Stand: 13.10.2020 | Archiv

"The Office of the Future": Cartoon von Ken Krimstein  | Bild: Ken Krimstein

In drei Wochen stellt sich der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten zur Wiederwahl. Das Land, das mit seiner Verfassung die Verwirklichung der Gerechtigkeit und das Glück der Freiheit garantieren will, befindet sich in einer tiefen Krise. Die Zahl der Menschen, die an Corona erkrankt und gestorben sind, ist nirgendwo auf der Welt so hoch wie in den USA. Der Präsident, selbst erkrankt, liefert eine befremdliche Show und verkündet gerne, wenn er die Wahl nicht gewinne, dann sei sie gefälscht. Dazu der schreckliche Rassismus, die Gewalt, die hasserfüllte Sprache. Und ebenso eine tiefe Wirtschaftskrise. Mit welchen Gefühlen blicken Künstler aus den USA auf ihr Land? Niels Beintker hat darüber mit dem Karikaturisten Ken Krimstein in Chicago gesprochen.

Niels Beintker: Ken Krimstein, wie geht es Ihnen drei Wochen vor der Wahl?

Ich kann es nicht glauben, dass Sie das alles in einem Satz aufzählen, ohne einmal Luft zu holen. Wenn ich mir das anhöre, werde ich nervös. Es ist beunruhigend, dass das Vertrauen in die Regierung derart zusammengebrochen ist. Und dass es eine solche Entzweiung gibt. Es ist, als hätten wir unseren gesunden Menschenverstand verloren. Viele Menschen, ich eingeschlossen, haben das Gefühl, als würden sie auf einer Eisscholle dahin treiben und nicht wissen, wohin es geht.

Sie sind Karikaturist, Sie zeichnen für den New Yorker, die Chicago Tribune und für andere Magazine. Sie sind ein Beobachter des alltäglichen Lebens in den USA. Was würden Sie – aus dieser Perspektive – sagen: Wie hat sich die amerikanische Gesellschaft verändert unter einem Präsidenten, der es liebt, viele Lügen zu verbreiten?

Die Menschen sind gemeiner geworden.Ich bemerke das, wenn ich auf der Straße unterwegs bin. Eine bestimmte Form der Grobheit wächst im Umgang mit Menschen, die fremd sind, oder auch mit Menschen im Geschäft. Wir werden ein immer aggresiveres Land. Der Egoismus nimmt zu. Auch die Art und Weise, in der wir miteinander sprechen, sollte uns alarmieren. Für mich als Amerikaner sind das ganz neue Erfahrungen. Es ist für mich sehr ungewöhnlich, diese Entzweiuung zu erleben – sogar in den Familiengesprächen. So vieles wird ausgespart. Denn die Politik bestimmt immer mehr die Gespräche daheim. Das kann sehr anstrengend sein.

Inwiefern können Sie diese Entwicklung in Ihren Kaikaturen thematisieren? Zum Beispiel sieht man auf einem Bild Vater und Sohn in einer Eisdiele. Dort können sie Eis mit interessanten Geschmacksrichtungen kaufen – etwa "Bestechung" oder "Halt die Klappe". Oder wir sehen einen Menschen, der im Krankenhaus verstorben ist. Der Arzt sagt zu den Verwandten am Krankenbett: "Er ist tot, das ist aber normal für sein Alter". Sind Sie mit ihren Karikaturen in den vergangenen Jahren politischer geworden?

Es ist interessant, dass Sie diese Zeichnungen politisch nennen. Ich kann das selbst nicht beurteilen. Politisch? Ich mache keine Karikaturen über politische Parteien. Ich zeichne vielmehr mit einem bestimmten Zynismus oder einem sehr schwarzen Humor. Der schwarze Humor ermöglicht uns, auf eine andere Weiee zu lachen. Nicht "Ha, ha, ha", sondern eher: "Ja, genauso ist".

In den vergangenen Jahren haben Sie eine große Biographie einer wichtigen Frau aus dem 20. Jahrhundert geschrieben und gezeichnet: eine Biographie von Hannah Arendt. Eine Frau und eine Denkerin, die immer wieder auf die Flucht gehen musste, die sich intensiv mit der Idee der Freiheit und mit dem Pluralismus beschäftigte. Ebenso mit der Frage, was wir Menschen tun können gegen totalitäre Herrschaft und Tyrannei. Hat Hannah Arendts Denken für Sie eine Bedeutung, eine Relevanz, gerade in diesen Zeiten?

Hannah Arendts Denken ist so wichtig, gerade jetzt. Die Geschichte ihres Lebens kann eine Inspiration für die Beschäftigung mit ihrem Denken sein. Ich hatte schon vor der letzten Wahl mit dem Buch begonnen. Je tiefer ich in die Materie einstieg, desto mehr begriff ich, ihre Gedanken können uns Trost und auch eine Anleitung geben. Und das sehe ich bis heute so. Sie hat zum Beispiel so klug über Wahrheit und Lüge in der Politik geschieben. Und sie sagte: das ideale Subjekt für ein System totalitärer Herrschaft ist nicht ein überzeugter Kommunist oder ein überzeugter Faschist. Sondern jemand, der resigniert und alles stillschweigend akzeptiert. In meinem Land gibt es viele Menschen, die denken: Es hat eh alles keinen Sinn mehr. Und genau das wollen die totalitären Herrscher. Sie wollen dich immunisieren. Hannah Arendt ist 1975 gestorben. Was hätte sie über eine Welt gedacht, in der wir jemandem anonyme Posts senden können? Was über den ganzen Aufruhr mit den großen Technologie-Firmen wie Facebook? Das geht weit über ihre Erfahungen hinaus. Sie wusste, dass der Mensch zu schrecklichen Dingen fähig ist. Aber was ist mit dem Verlust des Gespräches, mit dem Verlust der Verbindung zwischen den Menschen? Ich habe verstanden, das ist etwas, was Hannah Arendt die ‘dunklen Zeiten’ nannte. Und diesen kann man nur mit Denken begegnen, mit der Verpflichtung zum Denken! Das Denken ist gefährlich. Es ist aber unsere Erlösung.

Düstere Zeiten in Hollywood? Ein Cartoon von Ken Krimstein

Von Hannah Arendts Biographie zurück zur Krise dieser Zeit. In den Vereinigten Staaten sehen wir gerade einen großen Gegensatz: Die USA sind das reichste Land der Welt. Gleichzeitig gibt es dort die weltweit höchsten Corona-Infektionszahlen – und so viele Menschen, die in Folge der Krankheit gestorben sind. Wie erklären Sie sich diesen Gegensatz?

Ich kann das nicht erklären. Die Leute, die unsere politischen Führer sein sollen, haben uns mit sehr widersprüchlichen Nachrichten versorgt. Wenn ich jetzt mit einer Maske auf die Straße gehe, ist das ein politisches Statement. Und ich setze eine Maske auf. Wenn nun andere Menschen wiederum keine Maske tragen, ist das auch ein politisches Statement. Diese Entscheidung kann aber zum Tod anderer Menschen führen. Das ist unverantwortlich. Die Diskussion darüber, dass wir nicht schwächer aussehen, wenn wir eine Maske tragen, ist für mich ein Beweis für Hannah Arendts These vom Ncht-Denken. Wie kann das nur sein, dass man solchen magischen Gedanken folgt, wenn die Wissenschaft klar sagt, eine Maske hilft. Und warum glaubt man, dieser Schutz sei ein Abzeichen der Feigheit. Ich habe so etwas in meinem Land noch nicht erlebt. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass jeder Staat eigene Regelungen hat. Meine Frau kam mehrfach nach Hause und sagte, ich wünschte, wir hätten eine Regierung wie in Deutschland oder in anderen Ländern, die die Situation besser bewältigen konnten.

Wie haben Sie selbst die vergangenen Monate während der Pandemie erlebt?

Ich bin in den vergangenen Monaten ein ganz ordentlicher Koch geworden. Ich fahre nicht so viel herum. Ich gehe spazieren oder nehme das Fahrrad. Die derzeitigen Abstandsgebote führen dazu, dass wir viel mehr gemeinsam mit unseren Nachbarn machen. Die Leute leben bodenständiger. Wir bilden in einem bestimmten Sinn eine Gemeinschaft mit den anderen. Viele Leute sagten: "Hannah Arendt! Ken, du bist ein Idealist. Die Leute schließen sich doch niemals zusammen und gehen die großen Themen wie etwa den Klimawandel an. Und wenn du einmal zurückblickst auf die ersten Tage, hier in Amerika, als das Land dicht gemacht wurde: Da gab es kein Flugzeug am Himmel. Und das Wasser von Venedig war plötzlich so sauber, dass man die Fische sehen konnte. Wir können etwas tun. Uns fehlt nur der Wille.

In drei Wochen können die Amerikaner entscheiden: Vier weitere Jahre unter dem jetzigen Präsidenten. Oder ein Wandel – obwohl wir nicht exakt wissen, wie der sich unter Joe Biden gestalten wird. Der jetzige Präsident, der so gerne lügt und der Amerika spaltet, mit so großer Aggresivität, dieser Präsident hat viele Anhänger. Sie sind Künstler und kein politischer Analyst. Was glauben Sie, wie wird diese besondere Wahl ausgehen?

Ich bin mir nicht sicher, dass die Amerikaner die einzigen sind, die über den Ausgang dieser Wahl entscheiden. Ich hoffe natürlich, dass es keine Einflussnahme durch Russland gibt, wie unsere Geheimdienstmitarbeiter sagten. Wenn die Amerikaner Joe Biden einen rauschenden Sieg mit 20 Prozent Vorsprung vor Trump ermöglichen, dann können wir sicherstellen, dass es zu einem Machtwechsel kommt. Alles was darunter liegt, wird dazu führen, dass sich die jetzige Regierung an der Macht festklammern wird. Außerdem können Sie sich nicht vorstellen, wie groß die Verunsicherung mit Blick auf die Briefwahl ist. Ich bin kein Prophet und kein politischer Denker. Was ich aber heute sagen kann, ist das: Es könnte sich eine Gemeinschaft der Anständigen durchsetzen, auch wenn viele Leute die jetzige Regierung wiederhaben wollen.