Autor Hans Platzgumer Kunst ist ein Bindemittel der Demokratie

Ob unter der brasilianischen Militärjunta oder in der Sowjetunion: Mit die beste Musik entsteht in Diktaturen. Warum Kunst keine Demokratie braucht – aber eine Demokratie ohne Kunst undenkbar ist.

Von: Hans Platzgumer

Stand: 10.11.2021

Portrait von Hans Platzgumer | Bild: Chris Laine

Müsste ich die besten Pop-Alben aller Zeiten auflisten, meine Top 5 wären nicht rein anglo-amerikanisch besetzt. Auch ein Album aus Brasilien fände darin Platz: Chico Buarques "Construção". Ein Meisterwerk, 1971 erschienen, ein Album für die Ewigkeit. Die Raffinesse dieser Songs und ihrer ausgeklügelten Arrangements ist bis heute unerreicht.
Ein Aspekt an Construção ist aber besonders erstaunlich: Dieses Album wurde mitten in der brasilianischen Militärdiktatur produziert. Selbst unter den schlimmsten vorstellbaren politischen Umständen, fern aller demokratischen Freiheiten konnte Kunst von derartiger Eleganz entstehen, Kunst, die auch Jahrzehnte nach dem Ende der Unterdrückung des brasilianischen Volkes alles überstrahlt. Die Repressionen, die staatlichen Todesschwadronen, das tagtägliche Foltern in dieser gewissenlosen Gewaltherrschaft konnte Chico Buarque nicht abhalten, wohl erschien es ihm umso dringlicher, ein Album von derartiger Tragweite zu produzieren. Dezent und poetisch verpackte er seine Kritik am Militärregime in luftige Songs und mogelte sie an der Zensur vorbei.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Construção | Chico Buarque | Bild: Biscoito Fino (via YouTube)

Construção | Chico Buarque

Sogar die Generäle der Militärjunta sangen mit

Für dieses Brot, das wir essen und diesen Platz, wo wir schlafen, sang Buarque, dafür, mich atmen und existieren zu lassen: Gott soll es vergelten. Für den geschenkten Schnaps, den wir schlucken, den Rauch und die Schande, die wir aushusten, für die schwankenden Baugerüste, von denen wir fallen: Gott soll es vergelten.

Seine Stimme klang dabei so unbeschwert, dass sogar die Generäle der Militärjunta nicht anders konnten, als mitzusingen. Gott soll es vergelten, sangen sie und vergaßen, dass sie selbst von Gott für ihre Gräueltaten gerichtet werden sollten.

Der sowjetische Komponist Dmitrij Schostakowitsch.

Chico Buarque ist einer von unzähligen Künstlern, die herausragende Kulturgüter in ganz und gar undemokratischen Zeiten hervorgebracht haben. Auch Dmitrij Schostakowitsch komponierte seine unglaublichen Sinfonien voller versteckter Botschaften mitten im Stalinismus und hatte jahrelang um sein Leben zu fürchten.

Kunst kann erwiesenermaßen in undemokratischen Zeiten entstehen, ja können Kunstschaffende sogar von widrigen Rahmenbedingungen zu besonderen Werken getrieben werden, das zeigt sich in der Geschichte aller Sparten von Kunst und Kultur. Kunst kann ohne Demokratie. Wie aber sieht es umgekehrt aus? Kann Demokratie ohne Kunst und Kultur bestehen?

Kunst kann ohne Demokratie – und umgekehrt?

Dafür gibt es kein einziges Beispiel. Derzeit lebt knapp die Hälfte der Weltbevölkerung in mehr oder weniger demokratisch geführten Ländern, und kein einziger dieser Staaten wäre vorstellbar ohne das künstlerische Schaffen, das in ihm möglichst unbehindert stattfindet. Denn Kunst und Kultur in all ihren Erscheinungsformen sind das Bindemittel, das demokratische Gesellschaften zusammenhält.

Schon Marx bezeichnete die Demokratie als Regime der Unruhe. Ihre Diskurse werden auf öffentlichen Bühnen ausgetragen, nicht hinter geschlossenen Türen der Parteibüros oder Zentralkomitees. Die Öffentlichkeit erregt, empört sich, diskutiert lauthals mit. Alles wird in Frage gestellt. Demokratie nährt sich von Meinungsunterschieden, Meinungsäußerungen, sie lebt vom Widerspruch.

Kultur macht diesen fortwährenden Tumult sinnlich begreifbar. Sie rollt unsere Meinungsfreiheiten vor uns aus, verhandelt die Rechte und Pflichten der Zivilgesellschaft, kommentiert unsere Errungenschaften und Versäumnisse in anschaulicher Weise. Kunst hievt unsere Lernprozesse, unser Denken, unsere Erfahrungen auf eine Ebene, von der aus es uns leichter fällt, uns selbst zu betrachten. Dadurch, dass sie abstrahiert, konkretisiert sie.

Verlieren wir Kunst und Kultur, verlieren wir uns

Das zutiefst Menschliche macht Kunst verständlich, nachvollziehbar, emotional erlebbar. Sie weckt unser Mitgefühl, das in vielen anderen Bereichen droht, verloren zu gehen, und indem sie uns den Boden unter den Füßen wegzieht, lässt sie uns sehen, was wir vorher vielleicht nicht wahrhaben wollten.

Öffentliche Kunst ist immer Berührung und gemeinsames Erleben. So hält sie uns zusammen, ohne dass es einer staatlichen Autorität bedarf. Bindemittel sind per Definition Stoffe, die an Phasengrenzen anderer Stoffe Bindungen herstellen oder begünstigen, vergrößern. Sie verbinden Stoffe, indem sie diese aufnehmen, anlagern, zusammenhalten, vernetzen.

Dies beschreibt genau die Rolle der Kunst in unserer Gesellschaft. Ein solches Gut ist aus Demokratien nicht wegzudenken. Es ist unverzichtbar und sein Wert in Zahlen nicht auszudrücken. Verlieren wir Kunst und Kultur, verlieren wir uns. Eine Demokratie ist dann nicht länger möglich.

Hans Platzgumer ist 1969 in Innsbruck geboren und lebt in Bregenz. Er studierte Musik in Wien und Los Angeles und schreibt heute Romane, Essays, Hörspiele, Theatermusik und Songs. Zuletzt erschien sein Roman "Bogners Abgang“ (Zsolnay, 2021).

Der Essay ist Teil unserer Reihe „Kultur & Demokratie“. Hans Platzgumer, Shida Bazyar und Norbert Niemann denken in drei exklusiven Essays für den Zündfunk über das Verhältnis von Demokratie und (Pop-)Kultur nach.