Fabian Steinhauer über Laschet "Ein Lachen vor dem Abgrund"?

Morgens mit dem Diesel zum Bäcker fahren – hat das was mit der Klimakatastrophe zu tun? Ein Gespräch über Verursachungen, berechtigte Emotionen am Abgrund – und wie wir bei Katastrophen Abstand gewinnen können.

Von: Joana Ortmann

Stand: 19.07.2021

Armin Laschet (CDU) lacht in Erft, auf fb tost die Empörung | Bild: dpa-Bildfunk/Marius Becker

Es waren nur ein paar Sekunden, aber sie haben offengelegt, wie fragil die Lage ist. Während am Samstag Bundespräsident Steinmeier im besonders vom Hochwasser betroffenen Erft in NRW eine Rede gehalten hat, sah man im Hintergrund einen mit seinen Begleitern scherzenden NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet. Die Empörungswelle am Wochenende konnte sich mit der Flut messen. Joana Ortmann nahm das zum Anlass, um mit dem Frankfurter Kulturwissenschaftler Fabian Steinbauer über den verwirrenden Zusammenhang zwischen Katastrophen, Moral und Humor nachzudenken.

Joana Ortmann: Sie haben gestern auf Facebook einen interessanten Satz gepostet: „Die Ereignisse sind immer neu, die Zukunft war noch nie da. Aber die Reaktionen darauf sind immer alt“. Und Sie haben dann an ein Ereignis aus dem 17. Jahrhundert erinnert.

Fabian Steinbauer: Noch etwas früher, 1524 gibt es ein großes Vorbild, was die Bildproduktion bei Sintfluten betrifft. Das ist die erwartete Flut von 1524, die für große Irritation sorgte. Und Sie haben ja das Beispiel Laschet genannt, das - glaube ich - ganz gut auch als pietätlos beschrieben ist. Man darf aber auch in solchen Momenten nicht vergessen, dass die Pietätlosigkeit eines Ministerpräsidenten im Hintergrund noch das kleinste Problem ist. Denn die Welt selbst ist ja pietätlos, wenn sie plötzlich ganze Dörfer wegschwemmt.

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Fabian

Jemand hat ein Photoshopbild mit Gretas Namen gemacht, das sorgt für Zwinkersmileys auf facebook. Die Ereignissse sind...Gepostet von Fabian Steinhauer am Sonntag, 18. Juli 2021

Das ist wahr. Welches Ereignis war das genau, 1524?

Das war ein Ereignis, das gar nicht eintrat: Es wurde für 1524 eine große Flut vorausgesagt – es gab schon damals viel Ratgeberliteratur, wie man damit umgehen sollte. Und Luther bemerkte relativ schnell, diese Flut ist ja gar nicht eingetreten und machte sich dann über die Astrologen lustig, auch über die Bilder dieser Sintfluten. Er merkte aber auch, dass diese Bilder gleichzeitig so aussahen wie der Beginn der Bauernkriege ein Jahr später. Auch da sieht man, dass solche Ereignisse deshalb so irritierend sind, weil - egal wie real sie sind -, immer etwas Symbolisches mitläuft. Und der Witz, den man daraus macht, ist ja nur ein Versuch, dieses seltsame Aufklaffen der Realität irgendwie wieder zusammenbringen. Ob in Schreckenserzählungen oder in Witzen, ich glaube, die Funktion ist, erst mal wieder einen Boden unter die Füße zu bekommen.

Nun hat Laschet gar nicht über die Flutkatastrophe gescherzt. Aber seine Reaktionen sind ihm ein wenig entglitten. Und das beschreibt ja auch recht gut, was Sie historisch analysieren.

Auch solche historischen Vergleiche muss man nochmal relativieren. Im Moment ist es so, dass die Leute dort vor Ort noch im Schock gefasst sind: Die müssen erst mal aufräumen, den Schlamm aus dem Keller bringen. Ich bringe aus der Entfernung ja erst mal nur eins: Distanz. Und das können die Leute vor Ort im Moment vielleicht nicht unbedingt gebrauchen, aber vielleicht der mediale Apparat: Da helfen solche historischen Bilder immer ganz gut, weil sie erst einmal so etwas ermöglichen wie die Dinge nicht beim Wort nehmen, das Bild nicht beim Bild nehmen, verstehen, dass da etwas Schreckliches passiert, aber eben gleichzeitig auch etwas weitergeht.

Sie nennen das „Abstandsbewusstsein“. Schulen Sie mal unser Abstandsbewusstsein.

Das Abstandsbewusstsein zu schulen ist nicht ganz einfach, denn die Leute sind empört, sind erregt - auf Facebook merkt man das besonders gut. Facebook ist immer wieder eine Art Petrischale für Erregung und Empörung, und das ist schon auch wichtig. Man muss den Leuten jetzt nicht unbedingt sagen, dass sie Ruhe geben, keine Witze machen und die anderen nicht beschimpfen sollen. Auch die Schuldfrage in Bezug auf die Klimakatastrophe muss nicht unbedingt besonnen und ruhig gestellt werden, das kann jetzt erst einmal alles hochkochen. Man muss aber immer versuchen, sich selbst in den Blick zu bekommen und vor allem auch den anderen.

Dazu, sagen Sie, können historische Quellen als Beraterliteratur fungieren, aber wie?

Weil sie einfach umwegig sind: Diese alten Bilder sind ja keine Quellen oder Gründe für diese neue Katastrophe, da kehrt ja nichts Gleiches wieder. Das sind andere Ereignisse. Aber der Umweg trainiert vielleicht so eine Art Wechselbewusstsein. Eine Hauptdiskussion ist gerade die Verknüpfung zwischen Klimakatastrophe und ihrer apokalyptischen Realisierung. Die Schwierigkeit ist ja, dass die Klimakatastrophe durchaus ein neues Ereignis ist, weil man in der Klimakatastrophe so etwas wie Verursachung hat, aber diese Verursachung nichts mit der gewohnten Art von Verursachung zu tun hat – wie bei einem Verkehrsunfall. Es leuchtet den Menschen nicht ein, dass sie, nur weil sie mit ihrem Dieselfahrzeug zum Bäcker fahren, plötzlich ein Dorf zum Verschwinden bringen. Das gilt es vielleicht erst einmal zu ermessen. Diese seltsame Form von komplexer Kausalität nicht persönlich zu nehmen und trotzdem darauf zu reagieren. Denn dadurch, dass ich das nicht unmittelbar verursache, wird meine Verantwortung ja nicht unbedingt kleiner, sondern eventuell tatsächlich größer.

Welche Angebote gibt es denn dazu in Ihrem historischen Fundus? Haben Sie Grafiken, Bilder, Anekdoten vor Augen, die Ihnen besonders präsent werden in diesen Tagen?

Ich sammle selbst Pressebilder von katastrophalen Ereignissen, insbesondere zum Beispiel der kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg. Das ist eine große Hamburger Bibliothek gewesen, die 1930 nach London umgezogen ist und Bilder von Katastrophen gesammelt hat, um ein Wissen über phobische Reflexe entwickeln zu können, über das, was der Gründer dieser Bibliothek, Aby Warburg, ein Distanzschaffen nannte. Dem ging es dabei darum, so etwas wie eine schräge Übersetzertätigkeit im Umgang mit Katastrophen zu entwickeln.

Können Sie da vielleicht ein Beispiel herausgreifen?

Ja, er hat tatsächlich Bilder von den Sintfluten gesammelt. Es gibt ein buntes Bild, das zeigt einen Fisch, der im Himmel steht und dessen Blase sich öffnet und dann ergießt sich ein großer Strom über ein Dorf und spült es weg. Und dann stehen rechts und links Kaiser, Papst und Landsknechte. Warburg hat diese Bilder mit Pressebildern des Jahres 1929 verglichen und sich gefragt: Was kehrt in diesen neuen Bildern wieder? Was kehrt in der Realität als Irrealität wieder. Und es ging ihm erst einmal darum, nichts für bare Münze zu nehmen, auch nicht die Realität. Sondern ein Verhältnis zu einer Welt zu entwickeln, die eigentlich abgründig ist, die sich gegen ihre Bewohner wendet. Eine Welt, in der Rationalität immer vorhanden ist, aber einen Abgrund überspannt, von dem wir wenig wissen. Warburg hat alte Bilder gesammelt, mit neuen Bildern verglichen und hat versucht, daran zu rekonstruieren, wie Menschen versuchen, Boden unter den Füßen zu bekommen. Seine Idee war, dass es eigentlich egal ist, ob man Gesetze oder Vorschriften aufstellt oder Bilder verwendet. In beiden Fällen geht es darum, ein Verhältnis zur Abgründigkeit der Welt zu schaffen. Und damit muss man umgehen können.

Das könnte uns ja eigentlich auch nicht schaden, ein Verhältnis zur Abgründigkeit der Welt zu schaffen.

Es könnte vielleicht nicht schaden, die Welt bleibt aber trotzdem abgründig. Also die Apokalypsen werden dadurch wahrscheinlich nicht verschwinden oder weniger werden. Aber vielleicht gibt es so etwas wie einen Umgang mit diesen Situationen.

Vor diesem Hintergrund wird natürlich ein kurzes Lachen auch irgendwie bedeutungslos.

Bedeutungslos vielleicht nicht unbedingt, aber das Lachen im Hintergrund ist vielleicht auch als Lachen vor dem Abgrund zu verstehen. Und vor dem Abgrund stellen wir uns erst mal selbst so ein, dass alles in uns zum Affekt wird, zu Erregung, zu Emotion und Gefühl. Bei Helge Schneider gibt es diesen guten Satz: „Gefühle müssen erst mal raus“. Ob die dann richtig oder falsch sind, ob die angemessen oder unangemessen sind, das muss man davon trennen.