Gespräch mit Joseph Croitoru Der Kampf um Jerusalems heilige Stätten

Der Tempelberg mit Felsendom, Al-Aqsa-Moschee und Klagemauer ist der umstrittenste heilige Ort der Welt. Der Historiker und Publizist Joseph Croitoru über die Bedeutung des Areals für die aktuellen Spannungen in Nahost.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 09.06.2021

Palästinenser stoßen mit israelischen Sicherheitskräften auf dem Gelände der Al-Aksa-Moschee zusammen | Bild: dpa-Bildfunk/Mahmoud Illean

Felsendom, Al-Aqsa-Moschee und Klagemauer: Der Tempelberg in Jerusalem ist einer der umstrittensten heiligen Orte der Welt - für Muslime das drittwichtigste Heiligtum, für Juden die Stelle, an der ihr Tempel stand, bevor er von den Römern zerstört wurde. Im Gespräch erklärt der Historiker und Publizist Joseph Croitoru, welche Bedeutung das aufgeladene Areal für die aktuellen Spannungen in Nahost hat.

Judith Heitkamp: "Der ewige Kampf um Jerusalems heilige Stätten", so heißt ihr aktuelles Buch im Untertitel – sind die Eskalationen der letzten Wochen letztlich auch Teil dieses Kampfes? Wie groß ist die religiöse Dimension?

Joseph Croitoru: Der Tempelberg steht eindeutig im Zentrum auch der jüngsten Auseinandersetzung. Denn für beide Seiten des Konflikts ist dieser Ort von großer religiöser und nationaler Bedeutung. Für Muslime, für die Palästinenser ist das die drittwichtigste heilige Stätte, für die jüdische Seite ist der Berg an sich der Ursprung aller jüdischen Kultstätten. Dort soll nach der Überlieferung der jüdische Tempel gestanden haben und alles, was davon geblieben ist, ist ein Stück der ursprünglichen Umfassungsmauer des zweiten Tempels – die von den Juden verehrte Klagemauer. Das alles liegt sehr eng beieinander. Die räumliche Nähe führt zu häufigen Auseinandersetzungen.

In Ihrem Buch führen Sie eindrucksvoll vor Augen, dass Beten in dieser Auseinandersetzung als aggressiver Akt verwendet wird. Wie gehen die Tempelberg-Aktivisten vor?

Nach dem 1967 nur mündlich vereinbarten Status quo dürfen Juden und andere Nichtmuslime zwar das Moscheen-Areal auf dem Tempelberg besuchen, aber dort in keiner Weise beten. Dagegen haben all die Jahrzehnte kleine Gruppen von israelischen Extremisten protestiert, sowohl nationalistische als auch religiöse und in kleinen Gruppen mit Gebetsaktionen provoziert. Seit ungefähr zwei Jahren gibt ihnen die israelische Polizei, die dafür grünes Licht von der Regierung bekam, das Recht, auf dem Moscheen-Areal leise zu beten. Aus palästinensischer Sicht eine grobe Verletzung des Status quo - das erzürnt die Muslime, weil es für sie ein heiliger Ort ist. So sind die Palästinenser immer stärker in eine Verteidigungsposition geraten. Irgendwann haben sie ihre Autonomie über das Tempelberg-Areal dazu genutzt, unterhalb der Al-Aqsa-Moschee so etwas wie Grabungen durchzuführen. Sie haben die Bogenhallen ausgeräumt, die es dort gibt - ungefähr seit der Zeit des zweiten Tempels, die "Ställe Salomos" - um dort eine eigene Moschee zu errichten. Sie mussten das religiös begründen und es wurde behauptet, dass dort schon immer eine Moschee existiert hatte, was allerdings nicht belegbar ist. Auf jüdischer Seite hat diese Aktion für große Proteste gesorgt, aber letztendlich wurde sie von der israelischen Regierung geduldet.

Vor Ort stehen sich nicht Regierungen gegenüber, sondern Stellvertreter, nämlich Wachleute auf der einen Seite und Verwaltungsbeamte auf der anderen Seite. Können die auf Basis einer klaren gesetzlichen Regelung agieren?

Die Lage nach dem Status quo von 1967 war durchaus klar. Nur sind heute die muslimischen Waqf-Wächter, die immer die Aufgabe hatten, aufzupassen, dass jüdische Besucher auf dem Moscheen-Areal nicht beten, von der israelischen Polizei praktisch ausgeschaltet. Wenn sie oder andere, auch hochrangige, Vertreter der muslimischen Verwaltung gegen diese Präsenz jüdischer Extremisten auf dem Berg und gegen ihr Verhalten protestieren, riskieren sie nicht nur Geldstrafen, sondern auch, vom Moscheen-A real für Wochen oder gar Monate verbannt zu werden.

Das Tempelberg-Areal lädt Jerusalem als ganze Stadt auf, für alle beteiligten Parteien.  An die israelische Eroberung Ostjerusalems im Sechs-Tage-Krieg sollte ein Marsch erinnern am morgigen Donnerstag, der jetzt abgesagt ist. Glauben Sie, dass es morgen ruhig bleiben wird?

Das glaube ich eher nicht. Wahrscheinlich wird noch bis zuletzt darüber debattiert, ob und wie dieser Marsch vielleicht doch, mit einer anderen Route, stattfinden wird. Vielleicht wird man den rechtsextremen Politiker Itamar Ben-Gvir alleine unter massivem Polizeischutz marschieren lassen. Aber wie auch immer diese Pläne dann am Ende realisiert werden, auf palästinensischer Seite sorgen sie schon seit Tagen für Alarmbereitschaft. Sie werden in allen Netzen stark wahrgenommen, es wird gewarnt und mobilisiert.

Joseph Croitoru: " Al-Aqsa oder Tempelberg. Der ewige Kampf um Jerusalems heilige Stätten" ist im Verlag C.H. Beck erschienen.

Das Gespräch mit Joseph Croitoru lief in der kulturWelt, die Sie hier nachhören können.