Münchner Kammerspiele Anfang auf Abstand – Barbara Mundel als neue Intendantin

An den Münchner Kammerspielen hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Mit der Neu-Intendantin Barbara Mundel steht zum ersten Mal eine Frau an der Spitze. Überschattet wird der Neustart von der Corona-Pandemie.

Stand: 23.10.2020 | Archiv

Barbara Mundel - neue Intendantin an den Münchner Kammerspielen | Bild: BR

Aller Anfang ist schwer, sagt das Sprichwort. Aber dieser Anfang ist es ganz besonders. An den Münchner Kammerspielen hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Mit Neu-Intendantin Barbara Mundel steht zum ersten Mal eine Frau an der Spitze dieses Theaters. Überschattet wird dieser Aufbruch aber von einem anderen Novum: Es ist zugleich der erste Neustart an einem großen Theater, bei dem Corona mit am Regietisch sitzt. Die "Hygieneverordnenden inszenieren quasi mit", erklärt Falk Richter, neuer Hausregisseur an den Kammerspielen, der die Intendanz Mundel am 8. Oktober eröffnet hat.

Mindesabstand als Thema beim Eröffnungstück "Touch"

"Touch", so der Titel der Produktion. Falk Richter führte nicht nur Regie, er hat auch die Texte geschrieben und das Stück, das sich zwischen Sprech- und Tanztheater bewegt, gemeinsam mit der niederländischen Choreographin Anouk van Dijk entwickelt. "Touch" – also: "Berührung". Um die Sehnsucht nach Nähe geht es. Und um Berührungsängste in Zeiten von Corona. Idee und Titel des Projekts standen übrigens schon lange vor Ausbruch der Pandemie fest – allerdings war das Projekt da noch als Kommentar zu Entkörperlichung zwischenmenschlicher Kommunikation durch die Digitalisierung gedacht. "Dann kam mit Corona die Ansage, niemand darf sich mir anfassen, alle müssen Abstand halten. Und das", sagt Richter, "hat das Thema natürlich zum Explodieren gebracht." "Touch" ist kein Stück mit klassischer Handlung. Eher ein Patchwork aus gespielten und getanzten Szenen, die Schlaglichter auf die Corona-Krise werfen. Eine mosaikartige, zusammengepuzzelte Bestandsaufnahme, die die gängigsten Facetten von Reaktionsweise auf und Gemütszuständen durch Corona bündelt: Verschwörungstheoretisches und Untergangsprophetisches. Überforderung, Verunsicherung und Vereinsamung. Auf der Spielfläche verteilt liegen künstliche Eisplatten, so vereinzelt wie Schollen im Meer. Ähnlich einsam irrlichtern die Tänzerinnen und Tänzer, Schauspielerinnen und Schauspieler, anfangs auf der Bühne umher, getrieben von frostig kühlen Elektro-Sounds. Sie weichen einander aus, meiden die Begegnung. Das ist einerseits den geltenden Hygieneregeln geschuldet – auch auf der Bühne ist ein Mindestabstand von anderthalb Metern einzuhalten. Andererseits ist es hier auch das Thema der Aufführung.

"Alles auf Anfang!" Aber auch: "Alle auf Abstand!"

Wollte man der Situation Positives abgewinnen, könnten man sagen: Falk Richter hatte Glück im Unglück. Er hatte ohnehin vor, ein Stück über unsere berührungslose Gesellschaft zu entwickeln. Die Wahl dieses Themas hat es ihm nicht nur leichter gemacht, die Corona-Auflagen in seinem Inszenierungskonzept plausibel umzusetzen; die aktuelle Krisenlage hat "Touch" zudem einen gehörigen Relevanzschub verliehen, verhandelt das Stück doch nun das Thema der Stunde. Für Falk Richter ein schwacher Trost. Ein enormes Problem sei zum Beispiel, dass sich das Ensemble einer Produktion wie "Touch" außerhalb der Proben aus dem Weg gehen müsse. Wo doch eigentlich Gespräche in der Kantine ungeheuer wichtig seien, um als Mannschaft zusammenzuwachsen und gemeinsam Ideen zu spinnen. Die Kontaktbeschränkungen machen es übrigens nicht nur für die Darsteller*innen einzelner Produktionen schwer, sondern für das Ensemble des Theaters insgesamt. Etwa 30 Schauspieler*innen gehören der frisch zusammengewürfelten Kammerspiele-Truppe an. Nur ein Drittel von ihnen war schon unter Vorgänger-Intendant Matthias Lilienthal am Haus engagiert. Alle übrigen sind von unterschiedlichen Theatern neu in die Stadt gekommen und müssen sich erst kennenlernen. Wie um alles in der Welt, fragt man sich, sollen sie als Ensemble zusammenwachsen, wenn die unausgesprochene Parole in den Tagen des Neubeginns nicht nur: "Alles auf Anfang!" lautet, sondern auch: "Alle auf Abstand!" Denn Bühnenluft zu schnuppern gilt plötzlich als gefährlich.

Gefühl der Leere im Saal

Immerhin: Bis dato sind die Münchner Kammerspiele von Corona-Fällen weitgehend verschont geblieben. Keine Ausfälle im Ensemble, keine Katastrophen hinter der Bühne. Sechs verschiedene Produktionen zur Spielzeiteröffnung ab Mitte Oktober konnten stattfinden, dicht hintereinander. Und doch kann von Normalität keine Rede sein. Bei einer Auftaktpremiere wie "Touch" wären die Kammerspiele üblicherweise brechend voll. Doch wegen Corona dürfen nur 200 Menschen ins Schauspielhaus, wo sonst um die 650 Platz fänden. Im Foyer ist es deshalb auch noch kurz vor der Vorstellung so eigenartig leer, dass man unwillkürlich denkt, es dauert noch mindestens eine halbe Stunde, bis sich der Vorhang hebt, denn es sind ja noch kaum Leute da!

Barbara Mundel steht gleichwohl am Eingang, um die eintröpfelnden Gäste willkommen zu heißen. Sie gibt sozusagen die Intendantin zum Anfassen – auch ohne Handschlag. Mundel will offen auf die Stadt zugehen, damit noch mehr Münchner*innen als bisher die Kammerspiele als ihr Theater begreifen. Aber wie kann ein Theater sein Publikum, auch im übertragenen Sinne, berühren, wo es doch das Gebot der Stunde ist, sich andere Menschen möglichst vom Leib zu halten? Die Corona-Auflagen erschweren es der neu formierten Theatertruppe nicht nur, sich untereinander kennen zu lernen. Auch die Zuschauer*innen kann sie derzeit nicht so nah an sich heranlassen, wie es wünschenswert wäre.
Premierenfeiern beispielsweise, auf denen Theaterschaffenden und Publikum einander begegnen, sind derzeit undenkbar. Dabei sind solche "informellen Begegnungsräume", wie Barbara Mundel sie nennt, elementar für den Austausch, erst recht bei einem Neustart, um sich wechselseitig kennenzulernen.

Den Theatern droht ein zweiter Lockdown

Eigentlich wäre es an der Zeit, darüber nachzudenken, ob man nicht wieder mehr Publikum ins Theater lassen könnte, als die maximal 250 Personen derzeit, findet Mundel. Die Hygienekonzepte funktionieren. Bis dato ist noch kein Fall einer Theateraufführung in Bayern bekannt, die sich zum Super-Spreader-Ereignis entwickelt hätte. Die Politik marschiert dennoch in die entgegengesetzte Richtung – statt hin zu einer weiteren Öffnung, stramm zu auf den zweiten Lockdown. Vor zwei Wochen, als die Saison an den Münchner Kammerspielen eröffnet wurde, musste die Zuschauer*innen auf dem Weg zu ihrem Sitzplatz Mund-Nasen-Schutz tragen, durften ihn dann aber während der Vorstellung abnehmen. Vor einer Woche kam die Ansage: Die Maske muss den kompletten Abend lang drauf bleiben. Vor zwei Tagen schließlich verkündete Bayerns Ministerpräsident Markus Söder weitere Verschärfungen der Corona-Regeln, wonach vielleicht schon bald nur noch 50 Personen pro Theatervorstellung erlaubt sein werden – wenn nämlich ein neu eingeführter Inzidenzwert von 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern binnen der letzten sieben Tage überschritten werden sollte. Theater wie die Münchner Kammerspiele wären dann nochmal deutlich leerer als jetzt schon. Bis zum vollständigen zweiten Lockdown würde da nicht mehr viel fehlen. Der Neustart von Barbara Mundel wäre brutal abgewürgt.

So einen Lockdown, sagt Mundel, gelte es unbedingt zu verhindern. Dabei denkt sie nicht nur an das eigene Haus, sondern wird grundsätzlich: "Wir brauchen Räume, in denen wir das, was wir gerade erleben, verhandelt wird. Die Themen, die wir vor Corona auf der Agenda hatten, sind ja nicht verschwunden. Weder ist das Thema Flüchtlinge verschwunden, noch sind es die Themen Grenzen oder Klimaschutz. Man hat aber das Gefühl, das Thema Pandemie und unsere Angst davor ist so groß, dass alle anderen Fragestellungen in den Hintergrund geraten, inklusive der Themen, die vielleicht ursächlich mit der Pandemie zusammenhängen." Die Kunst aber kann all diese Fragen auf den Tisch bringen. Mundels Fazit daher: Die Theater müssen offenbleiben, nicht trotz, sondern gerade wegen Corona!

Hier können Sie die Nahaufnahme von Christoph Leibold zum Neustart der Kammerspiel nachhören.