Doku: Lilienthal an den Kammerspielen Bedingungslos geliebt, bedingungslos abgelehnt

München und Matthias Lilienthal, das war keine Liebe auf den ersten Blick. Die unterhaltsame BR-Doku "Kammerspiele – Jammerspiele" blickt zurück auf fünf Jahre Lilienthal an den Münchner Kammerspielen.

Stand: 20.01.2021 12:10 Uhr

Anta Helena Recke in der Rolle als Matthias Lilienthal in den Münchner Kammerspielen. | Bild:  Münchner Kammerspiele/2020 NOZY Films GmbH/BR

"Ein Edelpenner für die Maximilianstraße", überschrieb die Süddeutsche Zeitung einen Text über den Theatermann Matthias Lilienthal. 2013 war das und gerade war bekannt geworden, dass Lilienthal die Leitung der Münchner Kammerspiele übernehmen werde. Eine herzliche Begrüßung sieht anders aus. Münchens "Wohnzimmer", wie das Theater in der Landeshauptstadt genannt wird, schien in Gefahr.

Lilienthals Amtsantritt in der Spielzeit 2015/16 hat viel bewegt – die Stadt und die Gemüter. Seine erste Aktion noch vor Spielzeitbeginn: Er will aufmerksam machen auf die Münchner Wohnungsnot und lässt in der gesamten Stadt "Shabbyshabby Apartments" verteilen. Plötzlich stehen von Künstlerinnen und Architekten erdachte Holzkonstruktionenen im gesamten Stadtgebiet herum. Eine davon geht nachts in Flammen auf. Viele kratzen sich am Kopf, ob es das ist, was sie von ihrem "Theater der Stadt" erwarten, andere applaudieren der politischen Geste.

Erst ein Café für Geflüchtete, dann Goethe, Schiller und Co

Sein nächster Programmpunkt ist das Thema Migration und Flucht: Lilienthal stellt die teuersten Quadratmeter der Republik (Die Kammerspiele liegen in der schicken Maximilianstraße) einmal pro Woche Geflüchteten zur Verfügung. Sein Haus organisiert ein Café für Geflüchtete und den "Open Border Congress". Die Reaktion sind viel Anerkennung für die Öffnung des Theaters – und eine Mahnwache der AfD vor dem Schauspielhaus.

Widerspruch kann Lilienthal nicht davon abhalten, in den folgenden fünf Jahren politische Debatten zu befeuern und der Stadt seinen Stempel aufzudrücken. Bedingungslose Liebe und bedingungslose Ablehnung geben sich die Hand. Lilienthal wird schnell zur bestgehassten Person Münchens, wie er selbst sagt. Gestört hat er sich an solchen Zuschreibungen nie: "Ich bin eine Rampensau und ich möchte, dass der Zuschauerraum voll ist. Insofern werde ich alles tun, dass das Gegenteil von leeren Rängen entsteht."

Keine Hommage und deshalb sehenswert

Jetzt widmet sich die Dokumentation "Kammerspiele. Jammerspiele" der Ära Lilienthal in München. Der Film ist keine Hommage an den Meister, Lilienthal ist außer in der Anfangscollage aus Medienauftritten und Presseresonanzen kaum im Film zu sehen. Sondern eher impressionistisches Mosaik aus Ensemblegesprächen, Proben, Inszenierungsausschnitten, Schauspielerinterviews und ironischem Rollenspiel. Das findet sich schon im Titel der Doku: Der paraphrasiert nämlich gleich eine weiter Headline aus der lokalen Presse: "Kammerspiele? Jammerspiele!"

"Kammerspiele – Jammerspiele" steht bis zum 18. Februar 2021 in der BR Mediathek zur Verfügung.