Präsidentenvereidigung in den USA Hoffnungsträgerin Kamala Harris

Kamala Harris verkörpert die Hoffnung von Millionen. Sie ist die erste Frau im Amt einer Vizepräsidentin in den USA – selbstbewusst, stark, intelligent. "ttt" hat ihren Biografen Dan Morain zum Interview getroffen.

Von: Ronja Dittrich

Stand: 18.01.2021

Joe Biden (rechts), der "gewählte Präsident" (englisch: "President Elect"), und Kamala Harris, die "gewählte Vizepräsidentin" ("Vicepresident Elect"), stehen am 08.11.2020 im Rahmen einer Ansprache auf der Bühne in Wilmington (USA) und tragen Mund-Nasen-Schutz.  | Bild: dpa-Bildfunk/Andrew Harnik

Amerika, die älteste Demokratie der Welt, ist zersetzt von innen. "Unser Rechtstaat wurde angegriffen", sagt Kamala Harris. "Wir wissen, dass wir besser sein sollten." Die USA sind ein Land am Abgrund. Es ist ihr Moment: Kamala Harris, Staatsanwältin, kommt ins höchste Amt, das eine Frau in den USA jemals errungen hat. "Sie könnte als Vizepräsidentin eine nie dagewesene Bedeutung bekommen", sagt ihr Biograf Dan Morain. Die Juristin wird gefeiert wie ein Popstar. Harris ist zum Symbol für eine Sehnsucht geworden nach einem Amerika, das es vielleicht wieder geben könnte: ein Land, das vereint ist im Glauben an die Demokratie. Und das bereit ist, sie zu verteidigen. 

Wer ist die Frau, auf der so viele Hoffnungen liegen?

Geboren wird Kamala Harris 1964 in Kalifornien. Die USA sind auch damals im Umbruch: Es ist die Zeit der Bürgerrechtsbewegung. Kamala ist die erste Amerikanerin der Familie. Die Mutter kommt aus Indien, der Vater aus Jamaika. Sie wächst in Berkeley auf. Es ist die Zeit der Studenten-Proteste, ihre Eltern sind mittendrin. In vielen Bereichen sind Afroamerikaner noch immer benachteiligt. Als Kamala in die zweite Klasse kommt, beschließt die Stadt, das zu ändern. Kamala ist eine der ersten, die jeden Morgen in eine Schule gebracht werden, die bis dahin nur von weißen Kinder besucht wurde.

In der Highschool kommt es zu einem Erlebnis, das ihr Leben verändern wird. Ihre beste Freundin ist damals Wanda Kagan. "Ich wurde von meinem Stiefvater sexuell missbraucht" sagt Kagan heute. "Eines Tages habe ich Kamala davon erzählt. Und sie hat sofort gesagt: 'Okay, du ziehst jetzt zu uns.' Und das tat ich. Das hat damals mein Leben verändert. Später hat sie mir mal gesagt: Das war der Moment, an dem sie wusste, dass sie Menschen für ihre Taten zur Verantwortung ziehen will." Kamala Harris studiert Jura, wird Staatsanwältin. Später wird sie sagen: Der Moment, an dem ihr Leben eine Bedeutung bekam war, als sie das erste Mal im Gericht stand. "Ich erhob mich und sagte in diesem Moment zum ersten Mal die Worte: Kamala Harris, im Namen des Volkes."

In der Höhle des Löwen

Kamala Harris wird die erste weibliche Bezirkstaatsanwältin San Franciscos. Und somit Teil eines Justizsystems, das oft die bestraft, die sich nicht wehren können. "Sie ist damals in die Höhle des Löwen gegangen", sagt Morain. "Das war ein mutiger, aber auch ein umstrittener Schritt. Sie arbeitete jetzt für ein System, das vor allem Afroamerikaner diskriminierte." 

Wer erwartete, dass sie das System von innen reformieren würde, wird enttäuscht. Rassismusvorwürfe gegen ihre Beamten häufen sich. Minderheiten werden kriminalisiert, Menschen zu Unrecht eingesperrt. Kamala Harris schweigt zu alldem. Auch als sie Justizministerin Kaliforniens wird. Dafür wird sie heute heftig kritisiert – insbesondere vom linken Flügel ihrer Partei. "Erst als sie Senatorin wurde, begann sie klar progressive Positionen zu vertreten", sagt Morain. "Sie wurde eine der Anführerinnen des Widerstands gegen Donald Trump."

Rettet sie die USA?

Kamala Harris betritt den Senat in dem Moment, als in Washington "alternative Fakten" einziehen. Sie wird zur erbitterten Gegnerin eines reaktionär-konservativen Amerikas. Supreme-Court-Richter, die Abtreibungen kriminalisieren wollen, treibt sie öffentlich in die Enge. Wie 2018 Brett Kavanaugh, den konservativen Kandidaten der Trump-Regierung für den Sitz am Obersten Gericht. Ihn treibt sie mit einer ganz einfachen Frage in die Enge: "Fällt Ihnen ein Gesetz ein, bei dem der Staat Entscheidungen über männliche Körper trifft?" Kavanaugh muss verneinen.

Kamala Harris ist so etwas wie ein Rorschachtest, in dem man ganz unterschiedliches sehen kann, je nachdem wo man sich selbst politisch einordnet: Konservative Amerikaner sehen in ihr eine linke Aktivistin, linke Aktivisten sehen in ihr eine konservative Law-and-Order-Juristin. Beides stimmt.

Gerade steht nichts Geringeres als die freiheitlich-demokratische Kultur der USA auf dem Spiel. Auf Kamala Harris ruht die Hoffnung vieler. Harris war in ihrem bisherigen Leben beides: Konservative und Reformerin. Wofür sie sich jetzt entscheidet, wird die Zukunft ihres Landes prägen.

Dan Morain: "Kamala Harris. Die Biographie" ist im Heyne Verlag erschienen. Aus dem Amerikanischen von Sylvia Bieker, Christiane Bernhardt, Karsten Singelmann, Astrid Becker, Eva Schestag, Henriette Zeltner-Shane, Pieke Biermann, Hella Reese, Stephan Kleiner.