Kabarettduo Suchtpotenzial Viele halten uns für Machos

Julia Gámez Martín und Ariane Müller teilen in ihren Songs ordentlich aus - und müssen auch viel einstecken. Das Comedy-Duo über Empowerment, Feminismus, Männer überhaupt – und in Freilandhaltung.

Von: Andreas Krieger

Stand: 11.05.2021

 Julia Gámez Martín und Ariane Müller im Interview | Bild: BR

Ariane Müller und Julia Gámez Martín sind das Comedy-Duo "Suchtpotenzial". Die beiden machen einfach das, was Männer immer tun. Und schon wird es lustig. In sehr komischen Liedern zerlegen sie männliche Rituale. In heutiger, expliziter Sprache. Dafür gibt es nun den Bayerischen Kabarettpreis 2021.

Andreas Krieger: In Ihren Lieder kritisieren Sie auf sehr lustige Art männliche Verhaltensweisen und Marotten. Warum?

Julia Gámez Martín: Zunächst einmal: Wir mögen Männer. Wir haben gar nichts gegen Männer. Wir finden Männer super, klasse, toll.

Ariane Müller: Ja, Männer finden wir voll cool. Wir halten sogar selber welche. Ganz artgerecht, im Freiland... Tatsächlich haben Männer bei vielen Dingen auf eine selbstverständliche Art sehr viel Spaß. Das, was bei Männern verpönt ist, nehmen wir ihnen weg, verhalten uns selber so und werden dafür noch abgefeiert. Ist doch  schön. Viele halten uns für Machos. Damit kann ich leben.

Warum sind Männer oft die Platzhirsche?

Ariane Müller: Männer sind in vielen Dingen sehr viel selbstbewusster. Es gibt viele männliche Kollegen, die sich in Talkshows einladen lassen und dort über Themen reden, von denen sie überhaupt keine Ahnung haben. Frauen sind da vorsichtiger und reden nur, wenn sie wirklich etwas wissen. Einfach mal draufloszureden: Das trauen sich viele Frauen nicht. Das ist vielleicht auch der Grund, warum es so wenige weibliche Stand-Up-Comedians gibt. Weil Frauen nicht einfach mal machen. Frauen üben so lange, bis ein Programm wirklich toll ist und sitzt. Männer machen oft nur so drauflos.  

Sprechen wir mal über das F-Wort...

Ariane Müller: Huch. Das F-Wort...

Julia Gámez Martín: (lacht) Das wird bestimmt gepiept im BR dann. Das F-Wort...: Feminismus!

Ariane Müller: Wir sind natürlich Feministinnen. Unsere Definition davon ist ganz einfach: Wir fordern das Gleiche wie Männer. So gesehen sollte auch jeder Mann ein Feminist sein.

Gleiches Recht für alle. Bei Ihren Songs heißt das aber auch: Wirklich alle bekommen ihr Fett weg. In Kommentaren in Social Media werden Sie für Ihre expliziten Texte auch stark angefeindet. Wie kommen Sie damit zurecht?

Julia Gámez Martín: Zum Beispiel bei YouTube haben wir krasse Kommentare. Was die Leute da in uns hineininterpretieren an schlimmen Sachen! Da denke ich mir: Um Gottes Willen, Leute, macht mal den Computer aus, geht mal eine Runde an die frische Luft. Entspannt euch!“

Ariane Müller: Wir haben diese Kommentare auch in unsere Konzerte eingebaut und damit wurde es wieder lustig. Wir haben sogar einen ganzen Song darüber geschrieben, den "Shitstorm Blues".

Julia Gámez Martín: Der häufigste Kommentar ist: "Links, grün, versiffte Drecks-F***... Frauen..."

Ariane Müller: Einer hat uns gewünscht: "Ihr sollt in der Höhle schmoren". Also "Höhle" mit "h". Das hat mich schon mitgenommen. (lacht) Mit Rechtschreibfehler wird es wieder witzig. Wenn die Leute aber schreiben: "Wir bringen dich um", dann finde ich das etwas übertrieben. So was liest man einfach nicht gerne. Da denkt man sich: Muss das jetzt wirklich sein, nur weil du unseren Witz nicht magst. Geh’ mal zum Therapeuten!

Sie haben sich am Theater Ulm bei der Produktion der "Rocky Horror Picture Show" kennen gelernt. Wie kam das?

Ariane Müller: Unser Kennenlernen war bizarr und etwas unheimlich. Julia ist als Musicaldarstellerin nach Ulm gereist, hat sich da ein Zimmer in einer WG gemietet und dieses Zimmer hatte durch einen Zufall genau den Blick auf meine Wohnung. Und Ulm ist jetzt nicht so klein, es gibt hier nicht nur zwei Häuser. Sie konnte also von ihrem Zimmer aus zu mir in die Küche blicken. Am Tag vor unserer ersten Probe, also noch bevor wir uns zum ersten Mal persönlich getroffen haben, schrieb sie: "Hallo. Ich wohne direkt gegenüber und sehe dich gerade in der Küche." Dann hat sie mir vom Fenster aus zugewunken, mit einem echt verrückten Blick. Ich dachte mir: Wow! Seitdem arbeiten wir zusammen. 

Gemeinsam drehen Sie ordentlich auf. Sie setzen sich aber auch sehr für andere Kolleginnen aus dem Kabarett- und Comedy-Bereich ein. Wie wichtig ist Empowerment?

Julia Gámez Martín: Empowerment ist natürlich super. Wir lieben Empowerment. (lacht) Ich dusche jeden Tag mit Empowerment. Und meine Haare sind richtig weich seitdem.

Ariane Müller: Empowerment ist natürlich wichtig. Frauen sollten sich gegenseitig unterstützen. Wir machen überall darauf aufmerksam, wenn zu wenige Frauen vertreten sind. Wenn wir zum Beispiel an einer Bühne spielen und einen Spielplan lesen, in dem nur wenige Frauen drin stehen, dann schreiben wir einen Brief an den jeweiligen Intendanten oder stellen ihn gleich direkt zur Rede. Und empfehlen Kolleginnen, die lustig sind.

Julia Gámez Martín: Es gibt nun wirklich genug tolle, komische Frauen. Aber wenn man durch irgendeinen Spielplan an irgendeinem Kabarett-Theater blättert, kommen auf 100 Männer gerade mal so fünf Frauen. Wenn wir das sehen, reden wir mit den jeweiligen Intendanten und wollen wissen, woran das liegt. Manche Intendanten haben das von sich aus noch gar nicht wahrgenommen und viele sind sogar offen und dankbar, dass wir sie darauf ansprechen. Auf diese Weise hoffen wir einen Beitrag zu leisten, dass mehr Frauen in den Spielplänen auftauchen.

Ariane Müller: Das dümmste Klischee ist doch, dass Frauen nicht lustig sein können. Das nervt! Oft werden wir gelobt: "Ui, toll, ihr seid Frauen und auch noch lustig!" Also ehrlich, Millionen Frauen sind lustiger als Männer. Nur weil Frauen bislang nicht an Zahl angemessen auf den Bühnen vertreten sind, heißt ja noch lange nicht, dass es sie nicht gibt. Wir wurden auch schon mal angekündigt mit den Worten: "Und jetzt kommen zwei Frauen, die sind ganz besonders: Sie sind lustig." Das ist so dumm.

Was kann man dagegen tun?

Julia Gámez Martín: Sich als Frau einfach auch mal so verhalten wie es die Männer tun. Wir sagen anderen Frauen: Seid auf der Bühne einfach so wie ihr sein wollt. Macht, was ihr wollt. Und wenn ihr derbe Sprache verwenden und euch "männlich" benehmen wollt, dann tut das! Die Leute sollen sich mal langsam ein bisschen entspannen.

Ariane Müller: Es sollte heutzutage nun wirklich in Ordnung sein, dass Frauen voll berufstätig sind und auf eine Bühne gehen und dreckige Witze machen dürfen. Das sollte voll normal sein, ist es aber noch nicht. Und schon allein deshalb sind wir Feministinnen!