Odyssee im Kulturweltraum #4 Pandemische Pointen mutieren im Kabarett 2021

Selbstzweifel, Widerstandsgeist, Pandemie-Pointen-Erschöpfung: Die Künstlerinnen und Künstler im Kabarett erleben 2021 mit gemischten Gefühlen. Thomas Koppelt spekuliert über ihre Seelenlage und schöpft trotzdem Hoffnung.

Von: Thomas Koppelt

Stand: 21.12.2020 | Archiv

Frühling 2021. Auf den kürzlich erst wiedereröffneten Kleinkunstbühnen spielen sich erschütternde Szenen ab. Die deutsche Humor-Branche liegt danieder. Die Pointen sind schal geworden. Die abgestandenen Corona-Witze zünden schon lange nicht mehr. Galgenhumor oder Selbstironie, schwierig, sagt Guido Cantz: "Das sind echt schwere Zeiten für uns Komiker. Kein Publikum, wenig Fernsehauftritte, keine Tournee – da bekommt der Spruch: 'Man muss auch mal über sich selbst lachen können' eine ganz neue Bedeutung! Hahaha. Ein Riesenbrüller!"

Selbstzweifel und Lampenfieber

Fordern die langen Monate der Bühnenschließung ihren Tribut? Hat selbst ein alter Hase wie Max Uthoff im Lockdown sein Handwerk verlernt? "Ich fühle mich erinnert an meine Zeit in der Fußballjugend. Wenn du drei Wochen nicht spielst, dann bist du nicht mehr in der Lage, diesen Ball anständig… Es ist erstaunlich, wie einem Spielpraxis fehlt." Maxi Schafroth lernt Lampenfieber neu kennen: "Die Nacht davor schlaf ich ein mit dem Gedanken: Wie habe ich es jemals geschafft, dass die lachen?"

Vielleicht liegt es auch an der mangelnden Motivation. Ja, es sind wieder Live-Veranstaltungen erlaubt – aber nur vor einem einzigen Zuschauer, der nach Vorlage eines abgestempelten Impfpasses in einem langwierigen Losverfahren ermittelt wird. Ein Trauerspiel. Zum Glück werden die Kabarettbühnen bereits nach wenigen Tagen wieder geschlossen. Publikum und Künstler atmen auf.

Ensemble-Renaissance und pandemische Pointen

Frühsommer 2021. Kleinkunstveranstaltungen können wieder stattfinden. Allerdings darf die Zuschauerzahl die Zahl der auftretenden Künstlerinnen und Künstler nicht überschreiten. Es kommt zu einer Renaissance des Ensemble-Kabaretts. Riesige, mehrere hundert Mann und Frau starke Gruppen tun sich zusammen. Neue Genres entwickeln sich: das pandemische Pointen-Gewitter, der Simultan-Sketch, das virale Chanson, in dem etwa Holger Paetz das Virus fragt: "Wohin reist du, kleiner Virus? Sag, wo geht die Reise hin?"

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Autokino und Hausbesuche

Hochsommer 2021. Künstlerinnen und Künstler gehen auf die Straße. Sie demonstrieren gegen die obligatorischen Satire-Veranstaltungen in Autokinos, allen voran Helmut Schleich: "Also ich weigere mich! Ich trete nicht vor Autos auf! Das ist für mich an der Grenze des Würdelosen oder vielleicht auch schon drüber! Wenn die Leute statt zu klatschen die Scheibenwischer einschalten…"

Nicht nur alternative Finanzierungsmodelle, auch neue Veranstaltungsformen entstehen. Immer mehr Comedians treten auf Surfbrettern in Badeseen auf. Leise Zwischentöne gehen da natürlich baden. Ebenfalls beliebt sind kabarettistische Auftritte an stark befahrenen Kreuzungen, wie sie Guido Cantz beschreibt: "An der roten Ampel – zack – und schon stehen sie vor dir. Das ist mittlerweile ein neuer Trend in vielen deutschen Städten. Ich finde das eine tolle Idee, da aufzutreten, wo die Leute nicht wegkommen."

Guido Cantz hat sogar noch andere Ideen: "Ich hab' mir auch schon überlegt, einfach zu klingeln, wie ein Zeuge Jehovas oder ein DHL-Bote, bei Leuten an der Haustür. Und wenn die nicht aufmachen, werfe ich einen Zettel in den Briefkasten: Den Witz habe ich bei Ihrem Nachbarn abgegeben."

Lachverbot und Kleinstkunst

Herbst 2021. In Mainz wird ein neu geschaffener Satirepreis verliehen: der goldene Mundschutz. Die Kabarettbühnen haben wieder aufgesperrt, allerdings herrscht strenges Lachverbot. Pointen werden vom erweiterten Infektionsschutzgesetz untersagt und mit Bußgeldern geahndet. Comedians sind dazu angehalten. Das Publikum über die aktuellen Inzidenzwerte zu informieren, "damit überhaupt jemand errechnen kann, ob noch jemand da ist – außer mir", sagt Dieter Nuhr.

Aber außer ihm ist kaum noch jemand da. Die Kleinkunst ist endgültig zur Kleinstkunst zusammen geschnurrt. Doch dann geschieht das nicht mehr für möglich Gehaltene: Kurz vor Jahresende präsentiert Bastian Pastewka die erste coronafreie Pointe des Jahres: "Treffen sich 'ne Null und 'ne Acht in der Wüste. Sagt die Null: Mensch, bei dem Wetter trägst du 'nen Gürtel? Haha… Ich bin ein lausig schlechter Witzeerzähler."

Egal. Es ist 2021. Man ist dankbar für alles.

Die kulturWelt, das aktuelle Feuilleton auf Bayern 2, begibt sich in einer kleinen Serie auf eine "Odyssee im Kulturweltraum", übt sich im Futur II - und malt sich jetzt schon mal aus, wie 2021 für die Kultur so gewesen sein wird.