"Über Menschen" Juli Zehs Sehnsucht nach dem großen Wir

Ein Dorfkosmos im Brandenburgischen. Das Buch "Über Menschen" schildert wie "Unterleuten", Juli Zehs Erfolgsroman, prekäre Biografien und eine verkümmernde Infrastruktur – aber diesmal mit einer Sehnsucht nach dem großen Wir.

Von: Stephanie Metzger

Stand: 22.03.2021

Die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh  | Bild: picture alliance / SvenSimon | Anke Waelischmiller/SVEN SIMON

Am Anfang will Dora noch Ordnung schaffen. Trotzig, dickköpfig, gegen alle Widerstände. Auf dem Grundstück ihres Hauses in Bracken wuchert es wild, Dora will ein Gemüsebeet anlegen. Gegen die Unordnung im Garten. Gegen die Unordnung in sich. Und das, obwohl sie doch mit ihrem Umzug aufs Land gerade den allzu klaren Lebensstilen und Meinungen in Berlin entflohen ist. Leben heißt dort von einem Projekt zum nächsten hetzen und sogar die Entprojektierung des Lebens zum Projekt zu erklären. Für ihren Freund Robert heißt es auch, gegen den Klimawandel kämpfen und jetzt, seit Corona, zu Hause bleiben, und zwar wirklich! Dora kommt da nicht mehr mit, sie will sich nicht zur Ordnung rufen lassen. Aus Prinzip.

"Manchen Menschen fehlt das Lebenstalent, und vielleicht zählt Dora in diese Kategorie. Zu allem, was ihr ein- oder auffällt, gibt es immer auch ein Gegenteil. Bei genauer Betrachtung zerbröseln alle Gültigkeiten, und jede Idee hebt sich selber auf. Ihr skeptischer Verstand findet überall Widersprüche, Absurditäten, logische Fehler. Er verwandelt den Mitmach-Impuls in trotziges Sträuben."

Juli Zeh, Über Menschen

Unordnung aus Prinzip

Und doch ist die Protagonistin in Juli Zehs Roman "Über Menschen“ keine Rebellin. Eher Grüblerin, Zweiflerin, Brütende. Die sich überall verhärtenden Wahrheits-Gewissheiten im Zuge der Pandemie und Krise treiben sie in die Flucht. Überstürzt zieht sie in das alte Haus, das sie sich vor kurzem gekauft hat. Findet sich im brandenburgischen Bracken wieder und in der Natur. Beide so typisch wie eigensinnig. Oder besser: stoisch gegenüber den Aufregungen der Zeit:

"Um sie herum tut der Frühling, was er muss. Zwingt jeden biologischen Organismus zu Wachstum und Fülle. Peitscht das Leben zu Höchstleistungen, nötigt alle Beteiligten zur Reproduktion. Nichts wird beurteilt, alles wird benutzt. Was stirbt, lässt sich verwerten. Verschwindet eine Art, füllt eine neue die Lücke." Juli Zeh, Über Menschen

Was Dora in Bracken erlebt, ist schnell erzählt, auch vorhersehbar, aber keineswegs banal. Juli Zeh spielt mit Klischees, Vorurteilen und Wertungen über abgehängte ostdeutsche Provinz und linksliberale Stadtmenschen. Nur um diese im Laufe der Erzählung umso eindringlicher zu unterwandern. Auch hier: Unordnung aus Prinzip.

Doras Nachbar Gote ist Nazi mit krimineller Vergangenheit. Aber genau wie der Ausländer- oder Corona-Witze reißende Heinrich oder das schwule Pärchen Steffen und Tom, die Blumen züchten und Gestecke verkaufen, leistet er "Nachbarschaftshilfe". Kontakt bahnt sich an, Nähe, Freundschaft. Noch mehr mit der Krebsdiagnose des neuen Freundes. Gote, seine Tochter Franzi und sie selbst: plötzlich ahnt Dora etwas von Familie und Zuhause. Widersprüche und Absurditäten inklusive.

"Horst Wessel und Hortensien. Könnte der Anfang eines dadaistischen Gedichts sein. Natürlich steht nirgendwo geschrieben, dass Neonazis keine Hortensien mögen. Komisch ist es trotzdem. Eine Bedrohung des lebenswichtigen Irrtums, man könnte Gut und Böse spielend leicht auseinanderhalten."

Juli Zeh, Über Menschen

Die Sehnsucht nach einem großen Wir

Ironisch und poetisch, lakonisch und zugleich anrührend, am Puls der Zeit und hintergründig lockt Juli Zeh ihre Protagonistin und die Lesenden in Erfahrungen und Situationen, in denen eindeutige Urteile schwerfallen. Unaufgeregt und trotzdem politisch pointiert zeichnet sie das Porträt eines Dorfes mit aussterbender Infrastruktur, prekären Biografien, rechter Gesinnung. Aber eben auch von Menschen, die ums Überleben kämpfen, sich helfen und Gotes Tod am Ende gemeinsam betrauern. Wer sich über diese Menschen stellt, wird nichts verstehen, auch nicht von sich selbst. Um über diese Menschen etwas zu erfahren, gilt es ihnen zu begegnen und sich dazuzuzählen. Das zumindest ist der Weg von Dora. Und letztlich auch die menschelnde, sprich tatsächlich berührende Botschaft des Buches. Wie der Anblick des Fisches, dem Dora einmal mit der kleinen Franzi in einem YouTube-Video beim Schwimmen zusieht – sät dieses Buch die Sehnsucht nach einem zwar widersprüchlichen aber eben doch großen Wir. Und irgendwie auch die Hoffnung, dort anzukommen.

"Offensichtlich weiß der Manta, dass es ein großes Wir gibt, über die Grenzen sämtlicher Spezies hinweg. Vernichten und retten. Kooperieren und kämpfen. Zerstörung und Fürsorge. Es sind alles Aspekte derselben Beziehung, und das, denkt Dora, könnte man schon fast ein Zuhause nennen."

Juli Zeh, Über Menschen