Graphic Novel "Penelopes zwei Leben" Eine Ärztin im syrischen Bürgerkrieg

Penelope operiert in Syrien Kriegsopfer, zu Hause warten Mann und Tochter auf sie. Judith Vanistendael hat einen Comic über eine zerrissene Frau gezeichnet – der auch Fragen an die europäische Einwanderungspolitik stellt.

Von: Niels Beintker

Stand: 16.03.2021 | Archiv

Bewegtes Aquarell eines verwundten Kindes auf einer Trage und einer Ärztin in OP-Kleidung | Bild: Judith Vanistendael/Reprodukt

Wie so oft schon steht sie einfach in der Tür. Niemand holt Penelope mehr ab, wenn sie für ein paar Wochen aus Syrien nach Hause kommt – nicht ihr Ehemann, ein Lyriker, und auch nicht ihre Tochter, die mitten in der Pubertät steckt. Penelope ist plötzlich da, die große rote Tasche zu ihren Füßen. Sie arbeitet in Aleppo, als Ärztin für eine Hilfsorganisation, und operiert im Krieg Verwundete, darunter viele Kinder. Es liegt leider nicht in ihrer Hand, allen zu helfen, alle zu retten. Das wirft sie aus der Bahn.

Zerrissen zwischen zwei Leben

"Penelope ist eine Frau, die – tief in ihrem Inneren – nicht in der Lage ist, das zu tun, was man von ihr aufgrund ihrer Rolle erwartet", sagt Judith Vanistendael über die Protagonistin ihrer Geschichte. "Sie kann die Dinge, die ihr wirklich wichtig sind, nicht einfach verleugnen. Sie ist eigentlich nicht sehr kontaktfähig. Sie kann nicht erfüllen, was von ihr erwartet wird. Aber sie hat einen unglaublich schönen Charakter: Sie will Menschen helfen. Und sie ist voller Liebe für ihr Kind."

In Aleppo wütet der Krieg

Judith Vanistendaels Graphic Novel "Penelopes zwei Leben" entfaltet ein ganzes Bündel an miteinander verwobenen Geschichten. Das mit zarten Aquarellfarben und leichten Strichen gemalte Buch erzählt die Geschichte einer Familie, die in einem der großen Konflikte unserer Zeit zerrissen wird, ebenso vom Verhältnis einer Mutter zu ihrer Tochter. In dieser besonderen Perspektive rückt ein in Europa langsam aus dem Bewusstsein schwindender Krieg in den Fokus. Und mit ihm die Schicksale der Menschen, die, in der Hoffnung auf ein Leben in Frieden und Freiheit, auf die Flucht gehen und in Lagern wie Moria stranden – in katastrophalsten Situationen.

Motive aus der Odyssee

Judith Vanistendael, die in Brüssel lebt und arbeitet, hat 2017 eine Comic-Reportage über diesen traurigen Ort am Rand Europas gezeichnet, über die Geflüchteten und die, die ihnen helfen. Ihre Graphic Novel über die Ärztin Penelope ist auch auf Grundlage ihrer Begegnungen in Moria entstanden. "Ich bin Autorin", sagt Judith Vanistendael, "ich zeige und erzähle. Ich weiß nicht, was ich machen würde, wenn ich politische Macht hätte, welche Lösungen ich finden würde. Das ist eine verdammt schwere Frage." Das einzige, was sie machen könne, sei, zu zeigen, wie brutal die augenblickliche Situation an den Grenzen Europas ist – und wie armselig und schlecht wir Europäer handeln.

In Brüssel wartet die Tochter

Die Bilder und Szenen, die Judith Vanistendael gefunden hat, spiegeln auf verschiedene Weise, direkt und indirekt, die große Geschichte der Odyssee. Ganz am Anfang erklärt Penelope, dass sie nicht webe und nicht warte. Eine Anspielung auf die Frau des Odysseus. Anders als im Epos von Homer ist Penelope bei Judith Vanistendael diejenige, die sich auf die Irrfahrt begibt, Mann und Tochter wiederum sind die, die zu Hause warten und schließlich mit ansehen, wie die Frau und Mutter, die sie lieben, womöglich für immer verschwindet. Aber auch die, die vor Krieg und Gewalt nach Europa fliehen, erleben vielfach eine Odyssee. Diese steht beständig im Hintergrund des Comics.

Wie würde ich reagieren?

Wie viele Autorinnen und Autoren vor ihr habe sie Penelope ein neues Leben gegeben und die Rollen von Männern und Frauen vertauscht, so Vanistendael. "Zudem möchte ich meinen Leserinnen und Lesern ein paar  Fragen stellen: Was würdet Ihr tun? Was denkt Ihr über Penelopes Verhalten? Wie ist Euer Leben? Und wie würdet Ihr reagieren?" Kurz vor ihrem Aufbruch nach ein paar Wochen daheim – mit dem 14. Geburtstag der Tochter und einem Weihnachtsfest im Kreis der Familie – bemerkt Penelope, sie sei noch nicht fertig mit dem, was sie begonnen habe. Sie muss wieder los, nach Syrien, getrieben auch von den Bildern, die sie nicht vergessen kann: Bilder von Kindern, denen sie im OP-Saal nicht mehr helfen konnte. Judith Vanistendaels Graphic Novel "Penelopes zwei Leben" konfrontiert uns auf bewegende wie beeindruckende Weise mit einem existentiellen, unauflösbaren Konflikt.

"Penelopes zwei Leben" von Judith Vanistendaels Graphic Novel ist in der Übersetzung von Andrea Kluitmann im Reprodukt-Verlag erschienen. Den Beitrag aus der kulturWelt können Sie hier nachhören.