Judith Hermann: "Daheim" "Ein Wort wie aus einem Märchen"

Eine Frau in der Mitte ihres Lebens zieht in ein Haus am Meer, um neu anzufagen. Nach sieben Jahren hat Judith Hermann mit dem Roman "Daheim" wieder ein Buch veröffentlicht. Wir haben mit ihr über Elternschaft, Altern und gestörte Idylle gesprochen.

Von: Stephanie Metzger

Stand: 14.05.2021 | Archiv

Porträt Judith Hermann 2014 auf der Buchmesse in Frankfurt | Bild: dpa/picture alliance

Seit einem Jahr lebt Judith Hermanns Protagonistin allein an der östlichen Küste im Norden. Die Tochter Ann streunt durch die Welt, von ihrem Mann Otis hat sich die Erzählerin getrennt, um in einem Haus mit leeren Zimmern neu anzufangen. Oder um überhaupt zu verstehen, was ihr Leben bis dahin geprägt hat.

Nach sieben Jahren hat Judith Hermann wieder ein Buch veröffentlicht, den Roman "Daheim". Den Themen, die sie in ihren vorhergehenden Erzählungen und Romanen wie "Sommerhaus später", "Nichts als Gespenster" oder "Aller Liebe Anfang" nachgegangen ist, bleibt sie treu. Und doch erhalten diese Sujets neue Färbungen. Die Figuren sind älter geworden und existenzielle Fragen entwickeln eine besondere Brisanz – obwohl der Roman vor Corona beendet war. Stephanie Metzger hat mit der Autorin gesprochen.

Stephanie Metzger: Der Titel Ihres Buches ruft die Frage nach einem Zuhause auf. Im Roman gibt es Figuren, vor allem die Protagonistin, die da eher auf der Suche sind, auch keine festen Wurzeln wollen. Dennoch dieser Titel. Braucht der Mensch ein Zuhause?

Judith Hermann: Die Figuren im Buch sind zum Teil in dieser Landschaft, in der das Buch spielt, sehr verwurzelt. Zum Teil sagen sie, sie hätten keine Wurzeln und bräuchten eigentlich auch keine. Und ich glaube, dass das stimmt. Also dass es Menschen gibt, die Wurzeln haben und sie brauchen. Und andere, die sich so ein bisschen wurzelloser bewegen können, aber dann vielleicht doch auf der Suche nach einem inneren Ort sind. Der Titel selbst hat etwas damit zu tun, dass die Figuren doch alle irgendwie eine bestimmte Sehnsucht haben. Und man kann das eine Sehnsucht nach Zuhause nennen. Man kann es aber auch eine Sehnsucht nach einem Menschen nennen oder nach einem bestimmten Zustand der Ruhe. Und all das steht unter dem Dach dieses Wortes "daheim". Was eigentlich, wie ich finde, wie ein Wort aus einem Märchen ist, es hat fast was Utopistisches.

Diesen inneren Ort kann die Erzählerin eigentlich ganz gut aufsuchen. Es heißt an einer Stelle, sie beherrsche es schon immer sehr gut, sich in sich zurückzuziehen. Eine Fähigkeit, die durch Kinder, also Elternschaft, herausgefordert wird, oder?

Die Ich-Erzählerin erlebt einen Übergang von dem auf das Kind fokussierte Leben zurück zu dem Leben, in dem man sich dann doch wieder mehr mit sich beschäftigt. Das ist etwas, was mich sehr beschäftigt hat in den letzten Jahren. Also diese merkwürdige Tatsache, dass man als junger Mensch sehr egozentriert lebt. Und wenn man dann das Glück hat, ein Kind zu bekommen, dann erlischt ja dieser egozentrierte Fokus und macht etwas ganz anderem Platz. Nämlich diesem totalen Fokussiert-Sein auf das Kind und im besten Sinne der Abhängigkeit vom Wohl und Wehe des Kindes. Wenn das einmal eingesetzt hat, hört das nicht mehr auf. Aber es verändert sich mit dem Größerwerden des Kindes. Wenn das Kind erwachsen wird und in die Welt hinausgeht, dann ist man plötzlich wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Das ist natürlich eine ganz andere Egozentrik als die, die man erlebt hat, bevor man Mutter wurde. Mich hat interessiert herauszufinden, was man damit macht, also inwieweit man das vielleicht auch schön findet. Was ist da erlaubt oder was wäre maßlos? Und wer ist da überhaupt nach den 20 Jahren mit dem Kind übriggeblieben? Das sind Fragen, die mich beschäftigen, und ich habe sie an die Erzählerin weitergeben können.

Die Figuren in Ihrem Roman wirken teils allein, vereinzelt oder abgekapselt und doch geht es immer um den Wunsch nach Beziehungen, dieses Dilemma zwischen Nähe und Distanz.

Das ist ein Thema, mit dem ich mich schreibend eigentlich immer beschäftige. Also ich glaube, es gibt in all meinen Büchern diese Nähe-Distanz-Geschichte und die Frage, wie viel Alleinsein brauche ich, um mich jemandem wirklich nähern zu können und wie nah kann ich mich jemandem überhaupt fühlen? Das ist ein Thema in Variationen über alle Bücher hinweg. Und in diesem Buch ist es, glaube ich, einfach sehr lang ausgespielt.

Welche neue Farbe kommt denn jetzt hinein? Zentral scheint mir die Frage nach dem Altern.

Auf jeden Fall. Ich bin jetzt 50 Jahre alt und ich schreibe seit 25 Jahren und jedes Buch ist immer sehr nah an dem Zeitpunkt, zu dem ich es schreibe. An den Verfassungen, an der Stimmung und an den Zuständen, in denen ich jeweils bin. Und dieses Buch ist entstanden in den letzten zwei Jahren bevor ich 50 geworden bin. Das ist natürlich eine große Zäsur, dieser 50. Geburtstag. Es ist aber auch ein beeindruckender Geburtstag. Über diese Jahre, die jetzt vor mir liegen, hat Peter Bichsel einmal sehr schön gesagt, das wären die Besten. Weil man in diesen Jahren zwischen 50 und 60 nicht mehr jung ist und noch nicht alt. Man hat natürlich mit so ganz vielen Dingen abgeschlossen, die sind vorbei. Aber man hat auch noch ganz viel Kraft, der Horizont ist ziemlich weit. Und es gibt die Möglichkeit, sich selbst wirklich näher zu kommen, durch die Erfahrungen, die man gemacht hat und Zäsuren, die schon stattgefunden haben.

Die Protagonistin Ihres Buches versucht es mit einem Neuanfang, verlässt den Mann und zieht ins Haus am Meer.

Offenbar gibt es bei ihr das Bedürfnis, eine gewisse Leere herzustellen, einen leeren Raum. Um von da aus alles anzusehen, was gewesen ist, und sich zu überlegen, wie es weitergehen soll. Ein bisschen so wie ein leeres, weißes Blatt Papier. Wenn ich ein Blatt Papier habe, auf dem lauter kleine Sachen stehen, macht mich das natürlich unruhig. Aber wenn ich es beiseiteschiebe und ein neues nehme, das weiß und leer ist, dann kann ich vermutlich klarere Gedanken fassen. Das versucht die Ich-Erzählerin, sehr präzise und konsequent.

Diese Spannung zwischen Alleinsein und sozialer Anbindung ist mit Corona ja sehr aktuell geworden. Sie haben Ihren Roman vor Corona beendet. Verändert sich Ihr Blick auf das Buch durch die neue Situation?

Ich glaube, ich kann das im Moment noch gar nicht sehen. Der Roman geht gerade von einer gewissen Eindimensionalität, die er hat, wenn man ihn geschrieben hat, in etwas Dreidimensionales über, weil er gelesen wird. Das ist sehr berührend und bewegend. Es ist ein bisschen wie ein Spiegel. Ich kann plötzlich sehen, was das Buch offenbar erzählt. Das sieht man nicht, während man es schreibt. Mir geht es jedenfalls so. Und im Moment bin ich viel zu sehr beschäftigt damit, diese Eindrücke zu verstehen und nachzuvollziehen, als dass ich sie schon in so einen großen gesellschaftlichen Rahmen stellen und befragen könnte. Und doch mutet es mich seltsam an, dass diese Rückzugsthematik, die Isolation, das Alleinsein und all diese Dinge, dass die jetzt mit dem Corona-Zustand kollidieren. Ich habe nichts dagegen, aber ich habe es natürlich auch nicht beabsichtigt.

Eine besondere Qualität Ihres Textes besteht meinem Eindruck nach in der Verbindung von ganz existenziellen, universellen Fragen mit Problemen unserer Zeit. Gerade im Verhältnis des Menschen zur Natur wird das deutlich.

Die Natur im Roman ist einerseits das, was einem so einfällt zum Leben auf dem Land. Es gibt Gärten, Felder, Landstraßen, Gräben, Hecken. Und dann gibt's das Meer, die Deiche, Ebbe und Flut. Aber andererseits sind diese Zusammenhänge offenbar ein bisschen aus den Fugen geraten. Es regnet z.B. überhaupt nicht mehr und die Erde ist sehr trocken. Und es gibt Massentierhaltung. Es ist also eine gestörte Idylle. Es gibt so Momente, in denen die Natur sehr stark, auch sehr sinnlich empfunden wird. Aber ein reines poetisches Naturerleben ist es nicht. Es ist eben alles ambivalent und ich wusste, dass ich das ambivalent erzählen möchte. Also ich wusste, dass ich kein politisches Buch schreiben kann. Aber auch, dass ich kein Buch schreiben kann, in dem ich mich ungehemmt in Naturbeschreibungen ergehen darf, sondern dass es eine Mitte geben muss zwischen dem, was schön ist, und dem, was man eben weiß. Und was wir wissen, ist, dass die Dinge aus dem Gleichgewicht geraten sind und dass wir vermutlich viel zu spät dran sind, um sie wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die Figuren in diesem Buch sprechen darüber. Das war mir wichtig.

Gleichzeitig bleibt Ihr Blick ein ganz nüchterner, eher konstatierend als kritisierend.

Genau, ich wollte nicht bewerten. Ich wollte keinen Zeigefinger heben. Ich wollte nicht moralisch sein. Ich wollte einfach nur vermitteln, dass ich das sehe und dass es mich beschäftigt. Ich möchte mich darauf verlassen, dass der Leser und die Leserin da auch so mitmachen. Also dass er mich begleitet und bei ihm Assoziationsketten losgehen, wenn etwa die Ich-Erzählerin mit Arild die Nacht verbringt und sich dann am nächsten Morgen mit ihm seine Ställe ansieht. Ich wollte es so erzählen, dass man es als Leser bewertet und anfängt, darüber nachzudenken.